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Gesundheit
Die Landflucht der Weißkittel in der Eifel

 Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie die Packungsbeilage oder fragen Sie Susanne Weiland. Vergangenes Jahr hat sie die Apotheke in Arzfeld übernommen. Andernorts werden keine Nachfolger mehr gefunden.
Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie die Packungsbeilage oder fragen Sie Susanne Weiland. Vergangenes Jahr hat sie die Apotheke in Arzfeld übernommen. Andernorts werden keine Nachfolger mehr gefunden. FOTO: TV / Christian Altmayer
Arzfeld/Pronsfeld. Im Eifelkreis gibt es mehr als 20 Apotheken. Genug, findet man bei der Verwaltung. In einer Gegend sind die Wege zu den Pharmazien aber länger geworden: in der Westeifel. Das liegt vor allem am Fachkräftemangel auf dem Land. Von Christian Altmayer
Christian Altmayer

Susanne Weiland ist eine vielbeschäftigte Frau. Kaum eine Minute vergeht, ohne dass es an der Tür ihrer Apotheke in Arzfeld klingelt. Seit einem Jahr ist sie die Chefin. Und sie hat „gut zu tun“, sagt sie. Die Kunden kommen aus dem Dorf, aber auch aus Daleiden und Pronsfeld. Der Grund: Dort gibt es seit ein paar Jahren keine Apotheken mehr. Die früheren Inhaber gingen in Rente und fanden keine Nachfolger.

 Nur, wo es keine Pharmazie mehr gibt, dürfen Apotheker einen Rezeptkasten aufstellen – wie hier in Pronsfeld.
Nur, wo es keine Pharmazie mehr gibt, dürfen Apotheker einen Rezeptkasten aufstellen – wie hier in Pronsfeld. FOTO: TV / Stefanie Glandien

Das Phänomen ist in allen ländlichen Gegenden Deutschlands zu beobachten: Junge Pharmazie-Studienabsolventen zieht es in die Städte und die Industrie, wo sie häufig besser verdienen. Die Selbstständigkeit und hohe Arbeitsbelastung, die mit der Übernahme einer Apotheke verbunden sind, schrecken viele ab.

Michael Schulte-Rentrop hat das erlebt. Derzeit leitet der Apotheker eine Filiale in Prüm und eine in Waxweiler. Gerne hätte er eine weitere Zweigstelle in Pronsfeld übernommen, fand aber keinen Pharmazeuten dafür. „Das ist ganz klar ein Mangelberuf auf dem Land“, sagt er.

„Wenn ich die Apotheke nicht übernommen hätte – ich weiß nicht, ob sich sonst jemand gefunden hätte“, sagt auch Susanne Weiland. Woran sie das festmacht? Derzeit sucht sie nach einem angestellten Apotheker und findet keinen. Auch eine Pharmaziestudentin, die in Arzfeld ein Praktikum absolvierte, wollte nicht bleiben.

Dabei könnte Susanne Weiland Unterstützung gebrauchen. Derzeit ist sie die einzige Approbierte im Betrieb. Und das heißt auch, dass die Mutter von drei Kindern ständig verfügbar sein muss. Am Wochenende übernimmt gelegentlich eine Apothekerin aus Bonn. Bewerber für Vollzeitstellen? Fehlanzeige.

Susanne Weiland sagt, sie könne das verstehen: nicht nur wegen der Bezahlung, sondern auch wegen der Arbeitszeiten. „Wenn ich nicht in meinem Wohnort arbeiten könnte, würde ich das auch nicht machen.“

Auch Michael Schulte-Rentrop sagt, er habe eine 60- bis 70-Stundenwoche. Hinzu kämen die Notdienste. 39 Mal im Jahr haben sowohl Weiland als auch Schulte-Rentrop Bereitschaft. „Manchmal sind wir die einzige Apotheke, die im Umkreis von 30 Kilometern geöffnet hat“, sagt die Arzfelderin. Gäbe es mehr Pharmazien in der Gegend, könnten andere einspringen. Doch die gibt es nicht.

Auch die Kreisverwaltung sieht „Angebotslücken“ im Westen der Eifel: so etwa in Daleiden (VG Arzfeld) und Karlshausen (VG Südeifel), aber auch weiter nördlich in Pronsfeld (VG Prüm) und südlich in Körperich (VG Südeifel) und Bettingen (VG Bitburger Land). Insgesamt sei die Versorgung der Bevölkerung grundsätzlich vorhanden, „eine dauerhafte Sicherung für die Zukunft oder sogar ein Ausbau des Angebotes sollte aber unbedingt unterstützt werden“, schreibt ein Pressesprecher.

Von einem Apotherkschwund kann also nicht die Rede sein. Noch nicht, muss man sagen. Denn die Zahl der Arzneihäuser hängt mit der Zahl der Arztpraxen zusammen. „Wo der Arzt geht, verschwindet meist auch die Apotheke“, sagt Susanne Weiland, deren Kunden meist auch Patienten beim ansässigen Hausarzt sind. Da sich jeder zweite Mediziner rund um Bitburg und Prüm bis 2022 in den Ruhestand verabschiedet, stehen die Zeichen auch für Apotheken schlecht.

Das weiß man auch bei der Kreisverwaltung und versucht gegenzusteuern: Durch die Unterstützung der Medicus-Genossenschaft etwa, die Mediziner auch in Teilzeit anstellen will. Und durch die Aktion „Heimspiel“, die Eifeler Ärzte aus den Städten wieder in die Gegend locken soll. Auch die Landesregierung will Praxen in der Peripherie retten – zum Beispiel mit dem Landarztgesetz. Dieses Gesetz sieht vor, dass zehn Prozent aller Medizin-Studienplätze an Bewerber gehen, die sich zehn Jahre als Landarzt verpflichten.

So eine Quote fände Susanne Weiland auch für Pharmazie-Studenten sinnvoll: „Wir müssen einen Anreiz schaffen, um Leute zum Bleiben zu bewegen.“ Was sich die beiden Eifeler Apotheker noch von der Politik wünschen würden: den wachsenden Verandhandel von Online-Apotheken einzudämmen. Die ausländischen Unternehmen dürfen nämlich – anders als stationäre Pharmazien – Rabatte auf rezeptpflichtige Medikamente anbieten.

Die schwierige Nachfolgersuche sei in der Eifel derzeit aber das größere Problem, finden Weiland und Schulte-Rentrop. Der deutsche Markt sei leergefegt. Der Apotheker hat in Waxweiler daher eine bosnische Kollegin eingestellt. „Ein Glückgriff“, wie er sagt.

Bis dahin war es aber ein langer Weg: Weil die Frau nicht aus der Europäischen Union stammt, musste sie eine Berufseignungsprüfung ablegen. „So eine Anerkennnung hätte sie nicht gebraucht, wenn sie, sagen wir, aus Kroatien stammen würde“, sagt Schulte-Rentrop. Doch es half nichts. Ein Jahr lang durfte er sie nur als Praktikantin einstellen.

Ähnliches hat Georges Nehme erlebt. Der ehemalige syrische Flüchtling arbeitet heute in einer Apotheke in Kall, in der nordrhein-westfälischen Eifel. Bevor der Berufsabschluss des 28-Jährigen aber anerkannt wurde, musste er ein „praktisches Jahr unter Aufsicht“ absolvieren. Die bürokratischen Hürden seien zu hoch, findet Schulte-Rentrop: „Wir sind schließlich auf ausländische Fachkräfte angewiesen. Deutsche, die den Job machen wollen, gibt es nicht mehr.“

Auch in Pronsfeld fand sich niemand. Deshalb bietet Schulte-Rentrop in dem Dorf jetzt eine Sammelstelle an. Patienten könnten Rezepte in einen roten Briefkasten werfen, der von dem Apotheker zweimal täglich geleert wird. Ein Mitarbeiter holt die Medikamente in Waxweiler oder Prüm ab und bringt sie zu den Kunden.

Der nächste Schritt wird es sein, die Sammelstelle zu digitalisieren. Die Rezepte können dann gescannt und an die Apotheke übermittelt werden. Das spart den Botengang zum Kasten. Allerdings sei es nicht so leicht, einen Standort mit Stromverbindung zu finden, sagt der Apotheker: „Aber das ist die Zukunft.“