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Ein Brücklein steht im Walde

Seit 50 Jahren steht diese Brücke am Rande der Schönecker Schweiz im Wald. Die Straße, die sie mal tragen sollte, wurde nie gebaut. TV-Fotos (2): Frank Auffenberg
Seit 50 Jahren steht diese Brücke am Rande der Schönecker Schweiz im Wald. Die Straße, die sie mal tragen sollte, wurde nie gebaut. TV-Fotos (2): Frank Auffenberg FOTO: Frank Auffenberg (aff) ("TV-Upload Auffenberg"
Rommersheim. Bei Rommersheim stehen seit 50 Jahren zwei nutzlose Brücken herum. Ein Sprayer hat sie jetzt in die öffentliche Wahrnehmung zurückgeholt. Dabei ist er nicht der Erste, der dort malte. Frank Auffenberg

Rommersheim Im Sommer liegen sie meist im Dickicht verborgen, nur im Winter fragt sich mancher Wanderer, warum am Rande der Schönecker Schweiz zwei unbedeutende Wirtschaftswege von kolossalen Brückenbauwerken überspannt werden - ohne Anschluss an eine Straße. Kaum jemand kennt sie, noch weniger Menschen wissen, warum es sie gibt. Sie wurden vergessen.

Ausgerechnet der unbekannte Schönecker Sprayer, der mit mehreren Graffiti zweifelhafter Qualität jüngst im Flecken die Gemüter erhitzt hat (der TV berichtete), rückte nun die grauen Bauruinen wieder ins Zentrum der Aufmerksamkeit, indem er sein Kürzel MCP auf die Betonwände sprühte.

So ärgerlich Graffiti für Kommunen und andere Eigentümer sind, die Aufregung über das "Kunstwerk" dort oben im Wald hält sich in Grenzen. Der ahnungslose Wanderer stellt sich aber die Frage, was diese Unmengen von Beton in der Schönecker Schweiz zu suchen haben.
Ein Blick ins TV-Archiv bringt schnell die Antwort. Die Ruinen sind die letzten Zeugen einer Zeit des Aufbruchs, einer Phase des Aktionismus, in der Naturschutz und Wandertourismus von vielen als fixe Ideen belächelt wurden. Mitten durch die Schönecker Schweiz plante man 1969 den Bau der Europastraße 42. Schnurgerade sollte sie sich von Brühlborn aus durch das heutige Naturschutzgebiet ziehen. Dämme wurden aufgeschüttet, Täler verfüllt und vorausschauend schon einmal drei Brücken gebaut (siehe Extra). Das einzige Problem: Die E 42 sollte nie in ihrer geplanten Form gebaut werden, die Einrichtung der Autobahn 60 wenige Kilometer weiter westlich grub allen Planungen das Wasser ab. Was vom ambitionierten Projekt blieb, sind ein gut ausgebautes Teilstück der B 51, ein ungenutzter Damm und drei Bauruinen - wobei eine bis heute doch noch einen Zweck erfüllen sollte.

"Nur eine Brücke hat, Jahrzehnte nach ihrem Bau, doch noch eine Bestimmung gefunden. Über sie fährt man heute auf die B 51 bei Brühlborn auf", sagt Bruno von Landenberg vom Landesbetrieb Mobilität Gerolstein. Dass die anderen zwei auch noch mal eine Funktion bekommen, sei aber unwahrscheinlich. "Die bleiben wohl einfach weiter so da stehen", sagt von Landenberg. Die Bauten seien im Besitz des Bundes: "Sobald der Bund etwas baut, wird eine Nummer vergeben, und damit wird das Gebäude auch regelmäßig auf seine Verkehrssicherheit geprüft."

Doch zurück zum Thema Graffiti: Es wird dem Sprayer "MCP" nicht bewusst sein, doch er wandelt mit seinem Kunstwerk in beinahe schon historischen Fußstapfen. Unbekannte einheimische Künstler machten sich im Jahr 1979 nämlich als Erste dort zu schaffen. In wohl mehreren Nacht- und Nebelaktionen bemalten sie die noch baufrischen Wände der Südbrücke und schenkten ihr sogar einen Namen: "Holkenbrinks Offenbarungseid" prangte einst in schwarzer Farbe auf dem Brückenbogen. Eine unverhohlene Anspielung auf die zweifelhafte Rolle des langjährigen rheinland-pfälzischen Verkehrsministers Heinrich Holkenbrink im Bau - oder besser Nichtbau - der E 42.

Das Protograffiti wurde damals als Unverschämtheit wahrgenommen, wurde prompt mit einer Anzeige quittiert und mit grauer Farbe übermalt. Die anscheinend der aufkeimenden Umweltszene verbundenen Künstler ließen sich aber nicht davon abschrecken und griffen 1981 erneut zu ihren Pinseln - diesmal, wie der TV damals schrieb, sogar tagsüber und unter Anwesenheit von Vertretern der Ortsgemeinde.

Noch heute sind diese frühen Kunstwerke zu bewundern. Die Farben sind sichtlich verblasst, die Motive wecken nostalgische Erinnerungen an Proteste gegen Atomkraft und Pershing 2 und sind nun teils überdeckt vom Schriftzug MCP. Einst malte man warnend den Schrecken eines nuklearen Gaus, heute nur noch schnöde Buchstaben: Wie sich die Zeiten ändern.GEBAUT FüR DIE EWIGKEIT, DOCH NIEMALS GENUTZT

Extra

1968 und 1969 führte das Jahrbuch des Kreises Prüm den Bau der Europastraße 42 zwischen Olzheim und Brühlborn als "größte Baustelle in Rheinland-Pfalz" auf. Die Strecke, über die heute die Bundesstraße 51 führt, wird im Augenblick wieder saniert. In der Verlängerung nach Norden sollte die geplante E 42 quer durch die Schönecker Schweiz vorbei an Rommersheim führen, wurde aber durch die Planung der A 60 im Westen gestoppt. Drei Brücken und der Verlauf der Trasse waren zu diesem Zeitpunkt allerdings bereits gebaut. Der Damm ist heute noch gut zu erkennen. Während die 40 Jahre ungenutzte Brücke bei Brühlborn vor 2008 für 250 000 Euro zur Auffahrt von der B 410 auf die B 51 umgebaut wurde, blieben die Rohbauten der Brücken bei Rommersheim ungenutzt. Der damalige Leiter des Straßen- und Verkehrsamtes Gerolstein schätzte Mitte der 1990er Jahre die Kosten für jedes Bauwerk auf knapp 500 000 Deutsche Mark.

FOTO: Frank Auffenberg (aff) ("TV-Upload Auffenberg"