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Ein Ort für Blutopfer und ein Freiheitssymbol

Bunte Bänder flattern im Wind: In vielen Eifel-Gemeinden werden in der Walpurgisnacht Maibäume aufgestellt. Foto: Archiv/Fritz Knob
Bunte Bänder flattern im Wind: In vielen Eifel-Gemeinden werden in der Walpurgisnacht Maibäume aufgestellt. Foto: Archiv/Fritz Knob
Eifel. Kultfeiertag bei den Kelten, Ehrenzeichen bei Soldaten, Symbol für kommunales Selbstbewusstsein: Bis heute werden in vielen Gemeinden zum 1. Mai meterhohe Bäume aufgestellt. Geschmückt oder naturbelassen, nicht nur in Bayern, sondern auch in der Region halten die Menschen fest an dem Jahrtausende alten Brauch des Maibaumaufstellens. Alois Mayer

Eifel. In allen Dörfern des Altkreises Prüm wurde schon früher in der Nacht zum 1. Mai ein Maibaum aufgestellt. Dieser Brauch ist im Eifeler Raum schon für das Jahr 1224 in Aachen bezeugt. Bereits bei den Kelten, die vor rund 2000 Jahren unsere Heimat besiedelten, galt der Baum als etwas Besonderes. Der 1. Mai war bei ihnen der bedeutendste Kultfeiertag. An diesem Tag wurden an einem Baum rituelle Blutopfer dargebracht, wie römische Historiker niederschrieben.
Nach dem Dreißigjährigen Krieg (1618 bis 1648) wurden nach einem soldatischen Brauch Maibäume regelmäßig am 1. Mai aufgestellt. Dies taten die Soldaten zu Ehren der Offiziere, Fürsten, hoher Ratsherren und angesehener Bürger, die sie mit Fähnchen, Bildern und bunten Tüchern schmückten. Als Belohnung erhielten sie Freizeit, Maibier und andere Vergünstigungen. Im Lauf der Zeit galten diese Ehrenbäume als Auszeichnung für Ratsherren, angesehene Bürger, später für die Gemeinde und jedes in ihr wohnende Mitglied. Immer mehr wurde dieser Baum, sei er geschmückt oder naturbelassen, als ein Baum der Freiheit angesehen, als ein Symbol dörflichen oder nationalen Selbstbewusstseins. Heute stehen im alpenländischen Raum fast in jedem Ort das ganze Jahr über geschmückte und kunstvoll verzierte Bäume als Mahnmal der Freiheit und des heimatlichen Stolzes. Die ersten Freiheitsbäume im hiesigen Raum wurden während der Zeit der Französischen Revolution (1789/1799) aufgestellt.
Grüne Spitze wird geschmückt


Für das Einholen und Aufstellen des Maibaumes sorgen fast ausschließlich Jugendliche. War das Schlagen, Entasten und Entrinden des oft riesigen Fichtenbaumes dereinst eine mühselige Arbeit, die in die Knochen ging, bedeutet dies heute kein Problem mehr. Mit Motorsägen den Baum fällen und ihn bereits am Nachmittag des 30. April mit Traktoren zu dem Aufstellplatz fahren, geht rasch vonstatten. Die Zeiten, da man einen Baum heimlich aus Wäldern stibitzte, sind vorüber. Jede Gemeinde zeigt sich heute großzügig und weist der Jugend einen geeigneten Baum zu.
Ist der Baum an Ort und Stelle gebracht und von seiner Rinde befreit, schmücken die Mädchen des Dorfes die grüne Spitze des Maibaumes mit bunten Bändern und Tüchern. Die Jungen heben das Loch aus, in das der Baum hineingestellt wird. Steht der Baum und ist er gut verkeilt, beginnt mit einsetzender Dunkelheit der gemütliche Teil der Aktion. Daran durften bis vor wenigen Jahrzehnten nur die Jungen teilnehmen. Neuerdings wirken durch den Mangel an Jungen und durch das geänderte Rollenverständnis auch in zunehmendem Maße die Mädchen mit - so nicht Vereine oder die Feuerwehr diese Aufgabe übernehmen. Rund um den Maibaum werden Sitzplätze geschaffen, ein Feuer angezündet und Mailieder gesungen: "Der Mai ist gekommen", "Ich geh ein Mai zu hauen", andere Volkslieder oder Bruchstücke von aktuellen Schlagern.
Der Tanz um den Maibaum war und ist in dieser Nacht nicht Brauch. Zunehmend gehen aber Jungen und Mädchen in eine Gaststätte oder in den Gemeindesaal, wo gemeinsam gefeiert wird. Am Maibaum zurückgelassen wird eine Wache, die für dessen Unversehrtheit verantwortlich ist.
Maihexen treiben ihr Unwesen


Denn Gruppen aus den Nachbargemeinden sind in der Nacht ebenfalls unterwegs - mit einem Ziel: die Maibäume der anderen Gemeinden abzusägen oder zu stehlen. Wenn das passiert, gilt es als große Schande.
Ist die Mitternacht vorüber und hat der 1. Mai begonnen, dann geschehen geheimnisvolle Dinge in den Dörfern: Da verschwinden Gegenstände oder werden vertauscht, die Maihexen sorgen für allerlei Schabernack und Schelmenstücke. Einige streuen Spuren aus Kalk (früher Spreu, Kaaf) von Haus zu Haus, und morgens beim Gang zur Kirche kann jeder dann erkennen, wer wen freit. Ist der Monat Mai vorüber, verkauft die Jugend den Maibaum. Der Erlös fließt in die Junggesellenkasse und wird im Lauf des Jahres gemeinsam verbraucht.