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Ein weltberühmtes Stück Eifel: Warum fast jeder Geologe Wetteldorf kennt

Schönecken. Bis in die 1960er Jahre war Wetteldorf eigenständig, dann wurde der kleine Ort an Schönecken angeschlossen. Nur noch älteren Eifelern dürfte der Name ein Begriff sein. Ganz anders sieht es aber bei Geologen aus. Weltweit ist Wetteldorf für sie ein ziemlich bedeutender Ort. Frank Auffenberg

Der Flecken ist bei Geologen weltberühmt. Eine gewagte Behauptung? Keinesfalls. Unbemerkt von einer breiten Öffentlichkeit ist Schönecken, genauer gesagt der Ortsteil Wetteldorf, für die Fachleute zu einem der bedeutendsten Orte der Erde geworden. Und das - wohlgemerkt - schon seit 30 Jahren.

In der Eifel ist Wetteldorf, seit es in den 1960er Jahren als eigenständiger Ort von den Karten verschwand, beinahe in Vergessenheit geraten. Wie konnte es aber unter Geologen zu solcher Berühmtheit kommen? Ganz einfach: Im Laufe des vergangenen Jahrhunderts wurde dort immer wieder gegraben und schließlich in den 1980er Jahren der sogenannte Wetteldorfer Richtschnitt angelegt.

"Laien können damit kaum etwas anfangen, aber für uns Geologen ist dieser Wetteldorfer Richtschnitt wirklich von großer Bedeutung", sagt Eberhard Schindler vom Frankfurter Senckenberg-Forschungsinstitut.
Geologen des Instituts haben 1982 eine schon in den 1930er und 1960er Jahren untersuchte Stelle erneut "aufgeschlossen", also freigelegt. Deutlich heben sich dort die Gesteinsschichten voneinander ab. Wie die Ringe eines Baumstamms je für ein Jahr stehen, lassen sich an den Schichten Entwicklungsstufen der Erde voneinander abgrenzen. Ganz unten die ältesten, weiter oben die jüngeren - allein die Schichten scheiden nicht Jahre, sondern mitunter Jahrmillionen voneinander.

Während Geologen andernorts aber tief ins Erdreich vorstoßen müssen, weil die Schichten aufeinander liegen, bietet Wetteldorf bequemste Voraussetzungen. Bei Bewegungen der Kontinentalplatten wurde das Gestein einst so verschoben, dass die Schichten wie ein umgefallenes Tortenstück quasi senkrecht stehen (siehe Bild oben).
Bequem, durchaus, aber besonders? Nein, das gibt es auch an vielen anderen Stellen der Erde, die Besonderheit liegt im mikroskopisch kleinen Detail. Achim Herf, Geologe und Umweltpädagoge beim Natur- und Geopark Vulkaneifel, versucht, es einfach zu erklären. "Hier bei uns in der Eifel sah es vor etwa 400 Millionen Jahren ganz anders aus als heute. Unser Kontinent existierte noch nicht. Dafür lag etwa bei Aachen die Küstenlinie eines längst verschwundenen", sagt er.

Wo heute Wetteldorf liegt, breitete sich einst ein flaches Meer aus. In seinen versteinerten Sedimenten (Ablagerungen) können Geologen etwas ganz Besonderes beobachten. In zwei Schichten sind die Überreste von sogenannten Conodonten, winzig kleinen Meeresbewohnern, zu finden. Diese wurmartigen Tiere lebten über viele Millionen Jahre. Überall auf der Welt können noch die Reste ihrer Gebisse gefunden werden. Im Wetteldorfer Richtschnitt ist gut zu beobachten, wie sich diese Fossilien aber plötzlich veränderten. "Das ging natürlich nicht plötzlich, sondern dauerte sehr lange, aber anhand dieser Veränderung kann das Zeitalter des Unterdevons von dem des Mitteldevons unterschieden werden", sagt Herf.

Und weil irgendwo ein verbindlicher Standard festgelegt werden musste, bestimmte die International Commission on Stratigraphy Wetteldorf als Maß aller Dinge zur Gliederung des Unteren Devons und des Mitteldevons. "Vergleichbar mit dem Urmeter in Paris, der weltweit die Länge eines Meters festlegt, orientieren sich Kollegen weltweit an diesem Punkt", sagt Schindler. "In Deutschland ist es bisher der einzige Richtschnitt", fügt er hinzu. Die Bedeutung sei auch daran zu erkennen, dass man in den frühen 1990er Jahren die Ludwig-Happel-Hütte über dem Richtschnitt baute, um ihn zu schützen. "Meines Wissens einmalig auf der Welt", betont Schindler.

Ob heute noch an der Grabungsstelle geforscht werde? "Mitunter schon. Immer wieder kommen Kollegen aus aller Welt, um vom Wetteldorfer Richtschnitt Vergleichsproben nehmen zu dürfen", sagt Schindler. Zudem überlege das Forschungsinstitut, dort selbst wieder aktiv zu werden. "Das ist aber noch nicht entschieden", sagt der Geologe.Extra

Die Geologie gliedert die Erdgeschichte in drei sogenannte Erdzeitalter. Das Erdaltertum, das Paläozoikum, ist dabei das älteste. Es ist wiederum in sechs Systeme unterteilt, wovon das Devon das Vierte ist. Das Devon, es ist nach der englischen Grafschaft Devonshire benannt, begann vor etwa 419,2 Millionen Jahren und endete vor etwa 358,9 Millionen Jahren. Es ist selbst in drei sogenannte Serien eingeteilt: Unterdevon, Mitteldevon und Oberdevon. Um die Grenze zwischen Unter- und Mitteldevon verbindlich festzulegen, wurde in den 1980er Jahren der Wetteldorfer Richtschnitt als Standard festgelegt. aff