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Eisenbahn-Romantik auf dem Fahrrad

In der Diskussion um die künftige Nutzung der ehemaligen Bahnstrecke zwischen Prüm und Gerolstein liegt neuerdings ein komplettes Konzept auf dem Tisch: Die "Draisinen Westeifel GmbH" will auf den Schienen eine Freizeit-Attraktion einrichten. Von unserem Redakteur Marcus Hormes

Prüm/Gerolstein. 2001 legte die Deutsche Bahn den 23 Kilometer langen Streckenabschnitt zwischen Prüm und Gerolstein still (siehe Extra). Aus Prümer Sicht schien zunächst ausgemacht, dass die Trasse später zur Verdichtung des Radwegenetzes genutzt wird. Da die Gleise jedoch von der Prümtalstraße aus in Richtung Gerolstein noch heute vorhanden sind und die Strecke nicht entwidmet ist, kämen zwei weitere Modelle infrage: Reaktivierung der Strecke für Schienenbusfahrten (wie von der Vulkan-Eifel-Bahn-Betriebsgesellschaft angeboten, der TV berichtete) oder Betrieb einer Draisinenbahn. Es könnte sogar ein Radweg neben die Schienen gebaut werden — alles eine Kostenfrage. In jedem Fall müssen sich zwei Kommunen einigen: Der Verbandsgemeinde (VG) Prüm gehören seit Ende 2005 rund 15 Kilometer, der Stadt Gerolstein knapp acht Kilometer. In Kürze ist ein Abstimmungsgespräch geplant (der TV berichtete).Ferdinand Stoffel, Geschäftsführer der Draisinen Westeifel GmbH in Gründung, legt den Stadtbürgermeistern von Gerolstein und Prüm sowie der VG Prüm in dieser Woche ein umfassendes Konzept vor. Demnach strebt die Gesellschaft einen langfristigen Nutzungsvertrag an. Im Gegenzug will das Unternehmen zunächst 15 Fahrrad-Draisinen anschaffen, meist für vier Mitfahrer. Mitarbeiter, Betriebskosten und finanzielles Risiko trägt die GmbH, die rund 100 000 Euro investieren will. Auf die VG Prüm kämen einmalig knapp 50 000 Euro Kosten zu, auf die Stadt Gerolstein 25 000 Euro. Beide Kommunen sollen zudem die Verkehrssicherungspflicht tragen.Höhenunterschied leicht zu bewältigen

Dank moderner Technik seien die Höhenunterschiede auf der Strecke kein Problem, betont Stoffel und verweist auf bestehende und geplante Draisinenbahnen mit Steigungen. Voraussetzung für den Betrieb sind Sicherheitsmaßnahmen an Bahnübergängen und Brücken sowie eine entsprechende Genehmigung durch das Verkehrsministerium in Mainz. Als Eröffnungsdatum strebt Stoffel Ostern 2008 an. "Die vorhandene Infrastruktur muss — anders als für Schienenverkehre — weder umfangreich saniert noch abgebaut werden. Sie kann sinnvoll genutzt werden", argumentiert der Geschäftsführer. "Draisinenradeln erfüllt die Bedürfnisse von Freizeitprogrammen in Verknüpfung mit körperlicher Betätigung. Zugleich hebt sich die Strecke von den zahlreichen Radwegen entscheidend ab."Als positives Beispiel nennt er die erfolgreiche private Südpfalz-Draisinenbahn Bornheim-Lingenfeld mit 17 000 Nutzern im ersten Betriebsjahr 2006: "Für 2007 sind dort die Wochenenden schon seit April fast alle ausgebucht." Im nördlichen Rheinland-Pfalz gebe es noch keine Draisinenbahn, die zudem viele Ausflügler aus dem Rheinland in die Westeifel locken könnte.Wer mit der Draisine fahren will, kann das Fahrzeug vorher für etwa 40 Euro buchen oder spontan zu den Startpunkten kommen, wenn dort noch Draisinen übrig sind. Entlang der Strecke — die Fahrtrichtung wechselt täglich — können die Fahrer jederzeit die Draisine von den Gleisen heben, rasten oder spazieren gehen. Vom Endpunkt geht es mit öffentlichen Bussen zurück zum Start. 2003 gab es in Prüm und Gerolstein schon einmal Bestrebungen, eine Draisinenbahn auf die Schiene zu setzen. Trotz einer positiven Machbarkeitsstudie von der Uni Trier und erfolgreicher Probefahrten versandete die Initiative wegen des erwarteten hohen Betriebsaufwands für die Kommunen.Liebe Leser, was halten Sie von der Idee einer Draisinenbahn? Wären stattdessen Schienenbusverkehr oder ein Radweg sinnvoller? Mailen Sie uns bitte Ihre Meinung an die Adresse eifel-echo@volksfreund.de. Name und Anschrift nicht vergessen.Meinung Komfortable Auswahl Mit Begeisterung haben Prüm und Gerolstein vor einigen Jahren das Draisinenprojekt betrieben. Dieses Vorhaben verschwand jedoch zwischenzeitlich völlig in der Versenkung. Ob die Draisinen Westeifel GmbH mit ihren Wiederbelebungsversuchen Erfolg haben wird, hängt denn auch maßgeblich vom politischen Willen der Gremien ab. Es wäre schon eine faustdicke Überraschung, wenn der Draisine ein solches Comeback gelänge. Dabei hat die Idee grundsätzlich nichts von ihrem Reiz verloren und bekommt durch den privaten Betreiber neuen Schub. Die Vorteile liegen auf der Hand: niedrige Kosten für die Kommunen, Bewegung an der frischen Luft, keine Umweltbelastung, eine weit und breit einmalige Attraktion, Möglichkeit zu ergänzenden Angeboten entlang der Strecke. Zu bedenken sind gleichwohl Ausstattung, Lage und Anbindung der Startpunkte sowie erwartete Nachfrage — 40 Euro für eine Tour sind kein Pappenstiel. Vor allem aber gibt es starke Konkurrenz: Ein Radweg neben den Schienen würde wesentlich teurer, weil dann der Unterbau nicht genutzt werden könnte und an Engstellen Umwege nötig wären. Draisine und Schienenbus wiederum schließen sich praktisch aus. Trotzdem können sich die Räte glücklich schätzen, überhaupt aus mehreren Optionen wählen zu können, statt einer einzigen möglichen Lösung zustimmen zu müssen. m.hormes@volksfreund.deGleisabbau:Extra Streckenverlauf: Prüm, Willwerath, Gondelsheim, Schwirzheim, Büdesheim, Oos, Müllenborn, Lissingen, Gerolstein. Inbetriebnahme: 1883. Weiterbau Prüm-Pronsfeld-St. Vith bis 1888. Personenverkehr: Seit 1972 war Prüm Endstation aus Richtung Gerolstein. Stilllegung: 1980. Letzter Sonderzug: Dezember 2000. Gleisabbau: 2002 am Bahnhof Prüm, 2006 bis Gerberweg. Quelle: Interessengemeinschaft Westeifelbahn (Internet: www.ig-westeifelbahn.de). (cus)