| 17:35 Uhr

Brauchtum
Drei Jahre fern der Heimat

Export-Geselle Raphael Kliem (links) bringt seinem Schützling Jan Schneider alles bei, was er für seine kommenden drei Wanderjahre wissen muss.
Export-Geselle Raphael Kliem (links) bringt seinem Schützling Jan Schneider alles bei, was er für seine kommenden drei Wanderjahre wissen muss. FOTO: Frank Auffenberg
Prüm/Scheid . Zimmermannsgeselle Jan Schneider geht auf die Walz. Während der Wanderjahre darf er seiner Heimat Scheid nur auf 60 Kilometer nahe kommen. Auf ein Handy muss der 20-Jährige nun für die kommenden 36 Monate verzichten. Von Frank Auffenberg

Das Ritual klingt ein wenig martialisch: Mit einem stählernen Zimmermannsnagel wird am heutigen Samstag Jan Schneider in seinem Elternhaus in Scheid ein Ohrloch geschlagen. „Das gehört einfach dazu. Dann wird nochmal gemeinsam gefeiert, ich verabschiede mich von Familie und Freunden und am Sonntag geht es dann richtig los.“ Das heißt für ihn dann Abschied nehmen von der Heimat und das für ganze drei Jahre. Schneider geht dann nämlich als Zimmermannsgeselle auf Wanderschaft - auf die berühmt berüchtigte Walz.

Seit vielen Jahrhunderten wird unter Handwerksgesellen dieses Brauchtum gepflegt (siehe Info). Einst waren die Wanderjahre sogar Voraussetzung für die Zulassung zur Meisterprüfung. Das wird heute nicht mehr verlangt, aber das Brauchtum erfreut sich wieder überraschender Beliebtheit.

„Ich wusste, dass es das gibt, las dann irgendwann einen Artikel über einen Wandergesellen und begann mich zu informieren“, sagt Schneider. Bei einem Fest der Rolandschacht, einer 1891 von Bremer Maurern in Nürnberg gegründeten Gesellenvereinigung, lernte er den Wandergesellen Raphael Kliem kennen. „Dann ging alles sehr schnell. Ich sprach mit ihm, fragte, ob er mein Export werden sein möchte, so nennt man den erfahrenen Wandergesellen, der einen neuen bei seinen ersten Schritten begleitet. Raphael sagte ja und schon stand fest, dass ich auf die Walz gehe“, sagt er.

Kliem werde dem Brauch entsprechend auch derjenige sein, der ihm das Ohrloch sticht. Der nächste Akt folgt dann am Sonntag um zwei Uhr: Am Ortsausgangschild wird dann eine Flasche Schnaps vergraben, Schneider muss über das Schild klettern und die Wanderschaft beginnt. Drei Jahre darf er dann seine Heimat nur auf einem Radius von 60 Kilometer nahe kommen. Halte ein Wandergeselle den Bannkreis nicht ein, werde er entehrt nach Hause geleitet, merkt Kliem an.

„Je näher der Tag rückt, desto mehr wächst die Aufregung. Angst hab ich keine, aber es ist halt eine Reise ins Unbekannte“, sagt Schneider. Anfang September kam Kliem schon nach Scheid, um dem Neuling die wichtigsten Dinge beizubringen und ihn auf die Walz vorzubereiten.

„Ich selber bin schon seit über einem Jahr unterwegs und habe bisher nichts bereut“, sagt Kliem. Seitdem Kliem im Haus sei, sei er etwas beruhigter, sagt Schneider. „Er erzählte von seinen Erfahrungen und gab mir Tipps. Sein wichtigster Ratschlag: Es gibt immer irgendwie eine Lösung für alle Probleme. „Sowas beruhigt“, sagt Schneider.

Auch beim Packen kann der angehende Wandergeselle auf seinen Export setzen. „Wir sind ja ausschließlich mit dem unterwegs, was wir am Körper tragen. Da muss man gut überlegen, was man mitnehmen möchte. „Verzichtet wird auf alles Moderne, was unsere Vorgänger auch nicht hatten. Ein Handy ist so tabu“, sagt Kliem. „Wechselwäsche wird für eine Woche eingeplant – dann muss eine Waschmöglichkeit her“, sagt Schneider. Mitgeschleppt werde alles in einem sogenannten Charlottenburger. „In ein bedrucktes Tuch wird alles eingeschlagen, was man so hat.“ Früher zogen Gesellen teils noch mit einem sogenannten Felleisen, einem ledernen Tornister durch die Welt. „Weil sich dort aber Ungeziefer einnisten konnte, verbot die Stadt Charlottenburg damit das Betreten der Stadt. Deswegen wurde alles in einem Tuch eingeschlagen“, sagt Kliem.
Und was ist mit etwas Luxus? „Gibt es nicht“, sagt Kliem, lacht und ergänzt, dass aber dann doch jeder zumindest etwas Kleines dabei hat, was eigentlich verzichtbar wäre. „Ich habe beispielsweise eine Pfeife und eine Mundharmonika – die ich noch nicht mal spielen kann – dabei.“ Sein junger Kollege wiederum werde einen elektrischen Rasierer dabei haben. „Praktisch für Haare und Bart“; sagt Schneider.

Freunde und Familie seien sehr aufgeschlossen gegenüber seinem Plan. „Ich bin auch etwas ruhiger, seitdem Raphael hier ist. Man hat halt nur wenig Vorstellungen davon, wie so eine Wanderschaft in der Praxis aussieht“, sagt Mutter Anja Schneider. Wie oft sich der Junge melden werde? Sie lacht. „Das haben wir gar nicht abgesprochen. Ich bin selber gespannt.“ Ein direktes Ziel hat ihr Sohn nicht. „Ich will Deutschland und die Welt sehen. Wie und wann ich wo lande, das ergibt sich“, sagt Schneider.

Raphael Kliem kommt auf Wanderschaft gut rum. Unter anderem arbeitete er im bayerischen Bamberg bei der Sanierung des Riegelhofs mit.
Raphael Kliem kommt auf Wanderschaft gut rum. Unter anderem arbeitete er im bayerischen Bamberg bei der Sanierung des Riegelhofs mit. FOTO: Nicolas Armer/dpa