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Ostbelgien
Viel näher als man denkt: Ein kurzer Ausflug nach Ostbelgien

Wer noch nicht hier war, der hat etwas verpasst: Malmedy.
Wer noch nicht hier war, der hat etwas verpasst: Malmedy. FOTO: Fritz-Peter Linden
Francorchamps. Formel 1-Spektakel, wilde Motorrad-Action, Ausstellungen, Leckereien: Wir drehen eine Runde durch Ostbelgien – mit ziemlich viel PS. Und wir haben nachgemessen: Malmedy liegt viel näher bei Trier als Koblenz. Von Fritz-Peter Linden
Fritz-Peter Linden

Morgennebel über den Ardennen! Ein traumhafter Anblick. Und das an einem Rennsonntag: Es ist der 26. August, gleich wird der schnellste aller Heppenheimer auf der schönsten Rennstrecke der Welt (Eigenwerbung Spa-Francorchamps, stimmt aber trotzdem) einen fast schon lässig herausgefahrenen Sieg gegen Lewis Hamilton und Max Verstappen unter Dach bringen, und schöner sehen die Wälder des Nachbarlands nie aus als an einem solchen Morgen.

Für den Grand Prix, so wird mancher Rennsportfan gedacht haben, wäre etwas ebenfalls Ardennentypisches vielleicht noch besser gewesen: Regen. Der aber bleibt aus. Was den Tag insgesamt umso schöner macht.

Und gestartet! Das Formel 1-Rennen in Spa-Francorchamps am vergangenen Sonntag.
Und gestartet! Das Formel 1-Rennen in Spa-Francorchamps am vergangenen Sonntag. FOTO: Fritz-Peter Linden

Erstaunlich übrigens, mit wie viel Langsamkeit ein solches Formel1-Rennen verbunden ist. Bei der Anfahrt aus der Eifel und dem nahen Malmedy ist kurz hinter dem 9000-Einwohner-Städtchen erst einmal Schritttempo vorgeschrieben: Die belgische Polizei hat etliche Straßen abgeriegelt, der Verkehr wird in strengen Bahnen gelenkt, das gilt bei der Anreise genauso wie nach dem Spektakel.

Eine logistische Spitzenleistung: Fast immer ist man in Bewegung, wirkliche Staus entwickeln sich kaum, obwohl alle auf teils schmalen, manchmal sogar ungeteerten Waldbuckelpisten unterwegs sind.

Kunstwerke vor der Abtei in Stavelot.
Kunstwerke vor der Abtei in Stavelot. FOTO: Fritz-Peter Linden

Chapeau, das können sie, die nahen Nachbarn. Was auch gut ist so: In Belgien kann man sich nämlich auf den Straßen und Sträßchen ganz wunderbar verirren, wenn nicht an jeder Kreuzung eine bemannte Polizeibarriere steht und einem notfalls weiterhilft.

Kurz mal rüber: Willkommen in der Wallonie, wie hier am Formel 1-Kurs von Spa-Francorchamps.
Kurz mal rüber: Willkommen in der Wallonie, wie hier am Formel 1-Kurs von Spa-Francorchamps. FOTO: Fritz-Peter Linden

Wir sind in der Wallonie, Provinz Lüttich – dort, wo das Nachbarland besonders schön ist. Nicht weit von den Grenzorten der Eifel, und ein Gebiet, das ebenfalls einen Übergang markiert: den von den deutschsprachigen in die frankophonen Landstriche. Das ist kein Problem: Wer sich hier mit seinem Rudimentärfranzösisch zu verständigen versucht, wird erstens nicht schief angeguckt. Und kriegt dann zweitens seht oft eine Antwort auf Deutsch. Da sind sie locker, die Leute.

Im Zentrum von Stavelot.
Im Zentrum von Stavelot. FOTO: Fritz-Peter Linden

Es muss übrigens nicht immer gleich der Große Preis von Belgien sein: Die Rennstrecke bietet rund ums Jahr ihre besondere Atmosphäre, auch wenn keine Motoren heulen. Darüber hinaus wird zum Beispiel im September an jedem Wochenende etwas geboten. Und ist dann auch günstiger als die Formel 1 (alles unter: www.spa-francorchamps.be/de).

Das könnte schon fast ein Gemälde von René Magritte sein, dem großen belgischen Surrealisten: Im Zentrum von Stavelot.
Das könnte schon fast ein Gemälde von René Magritte sein, dem großen belgischen Surrealisten: Im Zentrum von Stavelot. FOTO: Fritz-Peter Linden

Schnell rüber nach Stavelot, nur wenige Kilometer entfernt: Dort steht, mitten im Zentrum, die vorbildlich restaurierte Abtei. Und auch dort begegnen wir dem Rennsport: Denn im Gewölbekeller beherbergt der beeindruckende Bau das Museum zur Strecke, unter anderem mit vielen historischen Rennwagen.

Für die Prümer – siehe den Hahnplatzumbau – ist übrigens interessant zu sehen, was die Belgier mit ihrem historischen Erbe gemacht haben: Auf der Fläche vor der Abtei sieht man die freigelegten Reste der früheren Kirche, der komplette Grundriss ist erkennbar. Dazwischen stehen Skulpturen, alles zusammen sehr beeindruckend.

Die Abtei ist täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet, außer am ersten Weihnachtstag und dem Karneval in Stavelot, vier Wochen nach Rosenmontag. Zurzeit zeigt sie außerdem eine Ausstellung mit Fotos der legendären Agentur Magnum, gegründet von Robert Capa und Henri Cartier-Bresson. Darunter bewegende und erschütternde Aufnahmen von den weltweiten Kriegen, etwa von der Landung der Alliierten in der Normandie, aber auch zahlreiche Porträts von Prominenzen aus den vergangenen Jahrzehnten. Die Schau läuft noch bis Sonntag, 2. Dezember (www.abbayedestavelot.be/de). Noch mehr Aktion für Autofans bietet in Stavelot das „British Car Meeting“ am übernächsten Wochenende, Samstag und Sonntag, 8. und 9. September, im Kloster und in der Stadt. (www.british-car-meeting-stavelot.be).

Und wer mit Kindern unterwegs ist, der kann unter anderem auch den Freizeitpark in Coo ansteuern. Dort wird allerhand an Spektakeln geboten. Und für die PS-Freunde hat auch Coo Möglichkeiten, zumindest für die ganz jungen: Denn mitten im Park gibt’s auch eine Kartbahn.

Zweirad-Irrsinn in der Senkrechten gibt’s am Sonntag, 2. September, in Andler-Schönberg bei St. Vith: Mit mutigen Motorradfahrern, die dort eine extreme Steigung hinaufknattern, um 10 Uhr geht es los. Mehr unter www.hillclimbing.be

So, jetzt haben wir noch lange nicht alle Stationen abgeklappert. Ein Boxenstopp muss aber noch sein: Malmedy. Herrlich zum Flanieren, überall Blumenschmuck und Frittenduft, auch dort ist das Gelände rund um die – ziemlich beeindruckende – Kirche rundrestauriert.

Und dann wollen wir noch einen Geheimtipp loswerden: Zwischen dem Städtchen und dem benachbarten Waimes liegt das Val‘d Arimont. Den Abstecher sollte sich jeder gönnen, der in der Gegend gerade unterwegs ist. Ganz unten im Tal, fast versteckt zwischen den Ardenner Bergen, findet man einen Ferienpark mit allem, was dem Kurzurlauberherz Freude macht.

Und wer sich für Architektur interessiert, der sollte unbedingt auf dem Weg dorthin einen diskreten Blick in die Nebenstraßen des Örtchens Arimont werfen. Dort stehen so coole Häuser, dass einem die Kinnlade herunterklappt. Als wollten die Anwohner einander mit ihren Bauten in Schönheit überbieten.

Ein Kurzausflug ins Nachbarland: Er bietet immer wieder Entdeckungen. Und dass es bei den Belgiern schmeckt – auch über die weltbesten Pommes hinaus – ist ja keine Neuigkeit. Man sollte beim Schlemmen allerdings über den nötigen Hubraum verfügen.

Wer unterdessen keine Lust auf PS-Trubel hat, der fährt einfach ins Hohe Venn und wandert durchs Moor. Da hat er seine Ruhe. Oder er haut sich in den Sattel und strampelt – über den Prümtal- oder den Kylltalradweg – über die Grenze.

Und das Beste: Von der Eifel aus kann man das alles an einem Tag erledigen. Viel Spaß dabei.