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Landwirtschaft
Glyphosat und keine Alternative?

Lorenz Bisenius zeigt, wie sich Unkraut mit der Flamme wirkungsvoll bekämpfen lässt.
Lorenz Bisenius zeigt, wie sich Unkraut mit der Flamme wirkungsvoll bekämpfen lässt. FOTO: Uwe Hentschel
BLEIALF. Die Teilnehmer einer Diskussionsrunde in Bleialf diskutieren über das umstrittene Herbizid.

„Es geht im Grunde nur darum, die Eiweißstruktur der Pflanzen zu zerstören“, erklärt Lorenz Bisenius. Währenddessen bearbeitet sein Kollege Ewald Weis mit einem Gerät, das über einen Schlauch mit einem leise brummenden Hänger verbunden ist, den Boden vor dem Bleialfer Gemeindehaus.

Das auf Rollen laufende Gerät, das der Mitarbeiter des Forst- und Agrarbetriebs Servatius & Ehlenz über den mit Gras und Unkraut bewachsenen Parkplatz vor- und zurückbewegt, ist mit vielen feinen Düsen ausgestattet. Aus jeder dieser Düsen kommt heißes Wasser. „Der Dieselmotor im Hänger erhitzt das Wasser auf 110 Grad, und wenn es vorne aus den Düsen rauskommt, hat es noch gut 90 Grad“, sagt Bisenius. Zur Zerstörung der Eiweißstruktur reiche das völlig aus, fügt er hinzu.

Eine andere Möglichkeit, dem Unkraut thermisch den Garaus zu machen, ist der Einsatz eines Abflammgeräts. Mit heißer Flamme zieht Bisenius Bahnen über den Parkplatz. Das Resultat ist letztendlich das gleiche wie bei der Heißwassermethode. Nur dass beim Abflammen die Wirkung schneller sichtbar ist.

Das, was wie eine Verkaufsvorführung aussieht, ist der Auftakt einer Informations- und Diskussionsrunde zum Thema Glyphosat.

Eingeladen dazu hat der Kreisverband der Grünen, der in dieser von Christine Kohl moderierten Runde erörtern möchte, ob es Alternativen zum Einsatz des radikalen und womöglich auch krebserregenden Schädlingsbekämpfungsmittels gibt.

„Trotz aller Diskussionen und Warnungen ist der Absatz in den vergangenen Jahren drastisch gestiegen“, sagt Ulrike Höfken, Vorstandsmitglied der Kreis-Grünen und zudem rheinland-pfälzische Umweltministerin. „Dass es negative Auswirkungen auf Insekten und Pflanzen hat, ist unbestritten“, so Höfken. Strittig seien derzeit lediglich die möglichen Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit.

Von Michael Horper, Präsident des Landesbauernverbands, gibt es diesbezüglich keinen Einwand. „Ich kann der Ministerin nur beipflichten“, sagt der aus Üttfeld stammende Landwirt. „Sollte sich herausstellen, dass Glyphosat tatsächlich gesundheitsgefährdend ist, dann muss es weg“, so Horper. „Wenn es radikal vom Markt verschwinden würde, hätten wir Landwirte aber auch ein Problem“, fügt er hinzu. Denn letztlich sei die hohe Wirksamkeit des Herbizids für die Landwirtschaft ein Segen, da es derzeit auf dem Markt keine Alternative mit vergleichbarer Wirkung gebe. Er sei deshalb froh, dass Glyphosat in der Landwirtschaft noch bis 2022 eingesetzt werde dürfe.

Bio-Imkermeister Thomas Körsten kann diese Freude nicht teilen, da es nachweislich einen Zusammenhang zwischen dem Einsatz von Pestiziden und dem Rückgang der Bienenvölker gebe. „Wir hatten Anfang der 80er Jahre in Ost- und Westdeutschland zusammen 2,8 Millionen Bienenvölker“, erklärt er, „jetzt sind es nur noch 700 000.“ Der Imker spricht angesichts der vielen verschwundenen Wildkräuter und Blumen von „ausgeräumten Landschaften“ und kritisiert den aus seiner Sicht verantwortungslosen und großzügigen Umgang mit Glyphosat. „Man kann eine Flasche Schnaps im Schrank stehen haben“, sagt der Berufsimker. „Das heißt aber nicht, dass man auch jeden Tag eine saufen muss.“

Für Regino Esch, Landesvorsitzender des Anbauverbands Bioland, hat der Einsatz von Glyphosat hauptsächlich wirtschaftliche Gründe. Es gebe sehr wohl Alternativen, sagt der Biobauer. Unkraut lasse sich auch mechanisch bekämpfen, nur sei das eben arbeitsintensiver.

Dass die konventionelle Landwirtschaft auf den Einsatz des Pestizids angewiesen sei, sieht er anders.

„Wir haben jetzt die zweite Generation an Bauern, die mit Glyphosat arbeitet, und hatten davor 80 Generationen, die ohne ausgekommen sind“, sagt Esch, der in Wascheid einen Ziegenhof betreibt. Natürlich hätten die Bauern früher auch gehungert, räumt er ein, „aber wir müssen ja auch nicht fünf Mal die Woche Fleisch essen.“

Ökolandwirtschaft zu betreiben bedeute ja nicht, so zu arbeiten wie vor 100 Jahren, stellt der Bioland-Vorsitzende klar. Vielmehr gehe es darum, mit Hilfe moderner Technik möglichst nachhaltig zu wirtschaften.

Was die technischen Möglichkeiten betrifft, so setzt der Bauernverbandsvorsitzende Horper große Hoffnungen in die Entwicklung der Präzisionslandwirtschaft. Mit Hilfe der elektronisch gesteuerten Acker-Bearbeitung ließen sich Schädlinge und Unkraut millimetergenau bekämpfen und der Einsatz von Pestiziden somit drastisch reduzieren.

Er sei überzeugt, dass man in fünf oder zehn Jahren auf Mittel wie Glyphosat weitgehend verzichten könne, sagt Horper.

Für einige der rund 25 Teilnehmer der Infoveranstaltung im Bleialfer Bürgerhaus dauert das allerdings zu lange.

Wenn ein Mittel wie Glyphosat im Verdacht stehe, krebserregend zu sein, dann sei es verantwortungslos, das Herbizid weiter einzusetzen, sagt ein Imker. „Die Landwirte werden nie mit dem Spritzen aufhören“, so der Mann aufgebracht. „Bevor Glyphosat verschwindet, haben die Hersteller doch schon längst das nächste Mittel im Programm.“