| 13:19 Uhr

Neujahrsgespräch
„Das wusste ich nicht!“

 Manfred Lütz beim Neujahrsgespräch in Prüm.
Manfred Lütz beim Neujahrsgespräch in Prüm. FOTO: Fritz-Peter Linden
Prüm. Arzt, Klinikchef, Theologe und Sachbuchautor: Manfred Lütz hat am Donnerstag das Neujahrsgespräch in Prüm bestritten. Motto: durch Lachen zur Erkenntnis. Und es wurde viel gelacht. Von Fritz-Peter Linden
Fritz-Peter Linden

Es gibt an diesem Nachmittag in Prüm einen Punkt, an dem sich die Vorträge der beiden Redner kreuzen: Aloysius Söhngen, Bürgermeister der Verbandsgemeinde Prüm, Erfinder und Gastgeber des Neujahrsgesprächs, erwähnt in seiner Rückschau auf das abgelaufene Jahr die Gefahr, in der sich die Europäische Union befindet: Diese „friedensstiftende Institution auf einem Kontinent, der jahrhundertelang Kriege geführt hat, driftet ab ins Nationale“, sagt Söhngen. „Das Trennende wird mehr betont als das Einende. Auch in Deutschland. Hier werden wieder braune Süppchen gekocht. Und dann geraten Menschen mit Hass aufeinander.“

Und kurz darauf Manfred Lütz, Arzt, Theologe, Bestsellerautor: „Leute, die das christliche Abendland hochleben lassen und dann ,Deutschland, Deutschland über alles’ brüllen, die sind nicht informiert!“ Nämlich darüber, dass das Christentum – wir sind bereits mitten im Thema seines neuen Buchs „Der Skandal der Skandale“ – eben keine Stammesreligion sei, eben nicht ausgrenze, sondern praktisch die Internationalität erfunden habe: „Die Christen“, sagt Lütz, „waren die ersten, die geglaubt haben, dass alle Völker vor Gott gleich sind.“

 Viel zu erfahren, viel zu lachen beim Neujahrsgespräch in Prüm: Bei Manfred Lütz kommt allerhand zusammen.
Viel zu erfahren, viel zu lachen beim Neujahrsgespräch in Prüm: Bei Manfred Lütz kommt allerhand zusammen. FOTO: Fritz-Peter Linden

Es ist das 28. Neujahrsgespräch in Prüm, und dank Prominenz und Profil des Hauptredners gehen den Gastgebern die Stühle aus, viele müssen aufrecht durch die knapp zwei Stunden: Locker 300 Besucher sind dabei, so viele wie wohl noch nie, und als Lütz ihnen das mit der Internationalität des Christentums erklärt, haben sie schon etliche Male kräftig gelacht. Denn Lütz hält sich an die goldene Mark-Twain-Regel – bring die Leute zum Lachen, dann kannst du ihnen auch unangenehme Wahrheiten sagen.

 Manfred Lütz beim Neujahrsgespräch in Prüm.
Manfred Lütz beim Neujahrsgespräch in Prüm. FOTO: Fritz-Peter Linden

„Ich hoffe“, sagt er dann auch gleich angesichts der zahlreichen Stehenden, „Sie halten es einigermaßen durch. Und haben gute Orthopäden vor Ort.“ Er sei, das zur Beruhigung, heute auch nicht als Facharzt für Psychiatrie da: „In meiner Freizeit sehe ich diagnostisch – nichts. Diejenigen von Ihnen, die gestört sind, die können jetzt wieder gestört gucken.“

 Viel zu erfahren, viel zu lachen beim Neujahrsgespräch in Prüm: Bei Manfred Lütz kommt allerhand zusammen.
Viel zu erfahren, viel zu lachen beim Neujahrsgespräch in Prüm: Bei Manfred Lütz kommt allerhand zusammen. FOTO: Fritz-Peter Linden

Wupp, Lacher, Lütz legt nach: Außerdem sei er ja wie alle hier ein Linksrheinländer. Und da, sagt Lütz, „kommt die Kultur her“. Rechts vom großen Fluss, „da beginnt für uns die große Straße nach Moskau.“ Auf dem Weg dorthin: Berlin. Wo sie auch keine Ahnung haben: „Wir hatten Domjubiläum in Köln“, sagt Lütz. Gefeiert worden seien „3000 Jahre Kölner Dom.“ Das Publikum lacht. Lütz: „Wenn ich das in Berlin erzähle ... die merken das nicht!“

 Dieser erhobene Zeigefinger ist ein ironischer: Manfred Lütz beim Neujahrsgespräch in Prüm.
Dieser erhobene Zeigefinger ist ein ironischer: Manfred Lütz beim Neujahrsgespräch in Prüm. FOTO: Fritz-Peter Linden

Das wäre dann eher ein Bildungsskandal, Lütz aber geht es um etwas anderes in seinem aktuellen Buch, das auf einem umfassenden Werk des Kirchenhistorikers Arnold Angenendt basiert („Toleranz und Gewalt. Das Christentum zwischen Bibel und Schwert“). Lütz will darin, basierend auf jüngeren Forschungsergebnissen, die Skandale „aus 2000 Jahren Kirchengeschichte“ in ein neues, korrektes Licht rücken.

Etwa die Hexenverfolgung: Mittelalter? Nein, Neuzeit. Kirche, Inquisition? Nein: „Die Hexenprozesse wurden von der weltlichen Justiz geführt. Die Kirchenleute haben dagegen geredet.“ Der Bedeutendste darunter – zumindest am Ort des Neujahrsgesprächs: Regino von Prüm, den er überall zitiere, wo er hinkomme, sagt Lütz. Und was sagte Regino? „Der Hexenglaube – das sind Wahnvorstellungen.“ Und ein weiterer Kirchenmann – ebenfalls aus der Region – habe zu den schärfsten Kritikern von Hexenverfolgung und Folter gezählt: Friedrich Spee.

Ähnlich sein Fazit zu den Ketzertötungen: „Das war ein Skandal. Aber die Christen sind die einzige Religion, die Ketzer 1000 Jahre lang nicht getötet hat.“ Tatsächlich habe es das im ersten Kirchen-Millenium nur ein einziges Mal gegeben: „Leider Gottes in Trier“, sagt Lütz. „Aber Sie haben ja auch heute Ärger mit Trier.“ Und schon lachen sie wieder.

An einer Stelle aber bleibt der Arzt und Theologe bitterernst: Der Missbrauchsskandal der Kirche – an dem sei nichts zu deuteln oder wegzuerklären. Wenn sich Geistliche an jungen Menschen vergingen, dann sei das das Schlimmste überhaupt: Weil die Opfer nicht nur das Vertrauen in den Menschen verlören. „Sondern auch in Gott.“

Insgesamt aber habe zu gelten: Als Christ, sagt Manfred Lütz, müsse man sich nicht für seinen Glauben und seine Kirche schämen. Sondern „seine eigene Geschichte kennen“. Und auch er, obwohl studierter Theologe, habe bei der Lektüre des Angenendt-Buchs immer wieder feststellen müssen. „Das wusste ich nicht!“ Es ist der häufigste an diesem Tag gesagte Lütz-Satz.

Riesenapplaus – und der Dank des Gastgebers, obwohl er doch, beichtet Westerwälder Söhngen, „von rechts des Rheins“ stamme. Den Zuspruch teilen sich die Redner mit dem Klarinetten-Quartett der Kreismusikschule Bitburg-Prüm, das den Nachmittag mit vier Stücken würdig einrahmt. Danach gehen die Gespräche noch weiter, manche bis tief in den Abend.