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Pilgerströme für Prüm?

Was steckt wirklich drin? Der Schrein mit der Prümer Reliquie. TV-Foto: Archiv/ Fritz-Peter Linden
Was steckt wirklich drin? Der Schrein mit der Prümer Reliquie. TV-Foto: Archiv/ Fritz-Peter Linden
Prüm. Der Schrein mit der "Sandale Christi" in der Basilika Prüm führt seit Jahrhunderten eher ein Schattendasein. Das könnte sich ändern: Laut einer Untersuchung enthält der Stoffschuh kleinste, Jahrtausende alte Teile aus der Gegend um Jerusalem. Allerdings distanziert sich das Bistum Trier von den Urhebern dieser Analyse. Fritz-Peter Linden

Prüm. Ein Jubiläum für die Abteistadt: Genau 1250 Jahre ist es her, dass die Eltern Karls des Großen, Pippin der Kleine und seine Frau Bertha, dem Prümer Kloster bei der Neugründung eine Reliquie vermachten: Einen verzierten Stoffschuh aus der Merowingerzeit (fünftes bis achtes Jahrhundert).
Laut Legende sollen in diesen Schuh Reste der Sandalen eingearbeitet sein, die Jesus getragen hat. Und siehe: Just im Jubiläumsjahr wird verkündet, dass in der Sohle "authentische Partikel aus Jerusalem" gefunden worden seien.
Nachzulesen ist das in einem Artikel des im baden-württembergischen Kißlegg publizierten "Vatican Magazins" vom März 2012: Dort wird beschrieben, wie zwei französische Wissenschaftler, der Genforscher Gerard Lucotte und der Physiker André Marion, die Sandale vor fünf Jahren mit Erlaubnis des damaligen Pfarrers Robert Lürtzener unter die Lupe nahmen (der TV berichtete). Mit einer hochauflösenden Kamera machten sie Fotos, außerdem habe man "mit Klebestreifen an diversen Stellen" Proben entnommen. "Zeitgleich", heißt es in dem Beitrag, "wurden die Sandalen Christi von zwei Expertinnen des deutschen Ledermuseums untersucht."
"Befremdlich und dubios"


Und hier beginnen die Fragen. Denn wie der TV in einem früheren Artikel bereits darlegte, wurde die Untersuchung beauftragt von der "Union der Nationen Europäischer Christen" (Unec). Diese in Paris angesiedelte Union darf als umstritten bezeichnet werden: Die 1989 gegründete deutsch-französische Initiative mit, nach eigenen Angaben, 300 Mitgliedern hat sich zum Ziel gesetzt, "das christliche Europa wiederaufzubauen". "Nach unserer Kenntnis ist es eine reine Privat-Initiative, die keinerlei offizielle kirchliche Anerkennung hat", sagt Stephan Kronenburg, Pressesprecher des Bistums Trier. Zweifel hat auch Jutta Göpfrich, die für das Offenbacher Museum den Schuh in Augenschein nahm: "Das kommt mir alles sehr suspekt vor", sagt die Restauratorin. "Ich würde das mit höchster Vorsicht genießen."
Zudem, sagt Kronenburg weiter, vertrete die Unec "teilweise Positionen und verwendet dabei eine Sprache, von der sich das Bistum Trier distanziert."
So steht sie der traditionalistischen Piusbruderschaft nahe, die unter anderem die Beschlüsse des Zweiten Vatikanischen Konzils ablehnt; darunter die Erklärung "Dignitatis humanae" (zur Menschenwürde), in der allen Menschen zugestanden wird, ihre Religion frei zu wählen. Homosexuelle sind für die Unec "Verteidiger der Sodomie". Und in Folge der Abtreibung, so heißt es in einer Mitteilung von 2007, wandle sich "ganz Europa ... zu einem neuen Auschwitzlager um" (siehe auch Interview unten).
Zu den Untersuchungen in Prüm nimmt das Bistum ebenfalls eine skeptische Haltung ein: Die Methoden von Professor Lucotte "können wir letztlich nicht wirklich beurteilen, nach dem, was wir hiervon gelesen haben, wirken sie aber auf uns befremdlich und dubios. Das gilt umso mehr, als die Frage der ,Echtheit\' oder ,Unechtheit\' einer Reliquie für den Glauben letztlich keinerlei Rolle spielt. Reliquien verweisen immer nur auf besondere Zeuginnen oder Zeugen des Glaubens."
Deshalb sei die Sandale Christi - egal, ob echt oder nicht - "ein Symbol, ein Bild für Jesus Christus selbst", wie auch der Heilige Rock, der in Trier aufbewahrt wird. Das Bistum plane daher auch keine eigenen Untersuchungen: "Es gibt Dinge", sagt Stephan Kronenburg, "die lassen sich auch mit modernsten wissenschaftlichen Untersuchungsmethoden nicht beweisen. Manches wird letztlich immer eine Glaubensfrage bleiben."
Weinandy spricht Grußwort


Unterdessen teilt Monika Rolef vom Förderverein der Basilikafreunde mit, dass bereits ein Kamerateam aus Moskau in der Basilika einen Beitrag gedreht habe.
Die Fernsehleute hätten angekündigt, dass demnächst wohl viele Pilger aus ihrem Land nach Prüm reisen würden, um die Reliquie zu verehren. Für 2013 ist außerdem in der Abteistadt ein "Fachkongress" der Unec angekündigt.
Das dürfe die Vereinigung natürlich, sagt Stephan Kronenburg, "wie jede andere private Organisation". Das Bistum Trier aber "hat mit einem solchen Kongress nichts zu tun". Dafür aber Prüms Stadtbürgermeisterin Mathilde Weinandy, wenn sie ihr Engagement auch so klein wie möglich halten will: Der Unec-Generalsekretär Winfried Wuermeling habe sie um ein Grußwort für den Kongress gebeten. Das habe sie zugesagt - "mehr nicht".
Extra

"Völliger Quatsch", sagt Bistums-Sprecher Stephan Kronenburg zu dem Vorwurf einer Rivalität zwischen den "Reliquienstandorten" Trier und Prüm (siehe Interview mit Winfried Wuermeling rechts). "Als würden wir einen Wettkampf um Reliquien führen. Das finde ich nur abstrus." Auch die meisten anderen Aussagen Wuermelings und der Unec weist das Bistum zurück: "Da bleiben wir dabei - mit einem katholischen Verständnis hat das nichts zu tun." Zwar berufe sich die Unec immer wieder auf den Papst, "das ist allerdings irreführend und verzerrt. Gegen Abtreibung sind wir auch. Aber es ist die Frage: Wie geht man mit dem Thema um? Die Sprache und auch die Kontexte, in die das gestellt wird, sind völlig daneben. Die Aussagen geben einen Einblick, mit welchen Positionen wir es hier zu tun haben. Davon distanzieren wir uns ganz deutlich." fpl