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Von "Putinismus" und "Demokratur"

Der Vorstand des Geschichtsvereins zusammen mit dem Referenten. Von links: Matthias Hiedels, Fritz Recht, Andreas Backes, Boris Reitschuster, Volker Blindert (Vorsitzender), Herbert Blum, Erich Reichertz. TV-Foto: Lothar Kolling
Der Vorstand des Geschichtsvereins zusammen mit dem Referenten. Von links: Matthias Hiedels, Fritz Recht, Andreas Backes, Boris Reitschuster, Volker Blindert (Vorsitzender), Herbert Blum, Erich Reichertz. TV-Foto: Lothar Kolling
PRÜM. (lk) Der Leiter des Moskauer "Focus-Büros", Boris Reitschuster, gastierte auf Einladung des Geschichtsvereins "Prümer Land" in Prüm. Er hielt im Rahmen der Vortragsreihe "Brennpunkt Geschichte" einen Vortrag über das Russland unter der Regierung Wladimir Putins. Sein Tenor: Staatliche Kontrolle ist in Russland allgegenwärtig.

Den russischen Präsidenten Wladimir Putin hat Boris Reitschuster persönlich kennen gelernt, genauso wie den populären Oppositionsführer und früheren Schachweltmeister Garry Kasparov und die regierungskritische Journalistin Anna Politkowskaja, die im Oktober vergangenen Jahres im Hausflur ihrer Moskauer Wohnung tot aufgefunden worden war. Der gebürtige Bayer Reitschuster arbeitet als Korrespondent in Moskau. Bevor er Anfang der Neunziger an die Moskwa zog, verband ihn lediglich sein Vorname und sein kulturelles Interesse mit Russland. Trotz oder gerade wegen der Liebe zu seiner "zweiten Heimat" schlug Reitschuster bei seinem Vortrag "Quo Vadis? - Russland unter Putin" in der ausverkauften Kapelle des "Konvikts - Haus der Kultur" kritische Töne an. "Angesichts der Meldungen aus Russland tut es gut, die Meinung von einem Experten zu hören", sagte der Vorsitzende des ausrichtenden Geschichtsvereins, Volker Blindert, bei seiner Begrüßung der rund 250 Gäste. Was Reitschuster aus seinen Recherchen, persönlichen Erlebnissen und Begegnungen vortrug, warf ein ernüchterndes Licht auf die politische Situation in Russland. Er schilderte emotional Begegnungen mit Hinterbliebenen, deren Familienangehörige bei der Geiselnahme im Moskauer Dubrowka-Theater ums Leben kamen, und sparte dabei nicht mit scharfer Kritik an der russischen Regierung. Reitschuster spricht von einem "Putinismus" und einer "Demokratur" in Russland, die sich durch Korruption, Fremdenfeindlichkeit, Medienzensur und einem neu erstarkenden Nationalismus kennzeichne. Der Drang, Menschen zu kontrollieren, sei allgegenwärtig: "Wer viele Leichen im Keller hat, ist besser steuerbar und hat in der Politik gute Aufstiegschancen", erklärte Reitschuster das Prinzip. "Es bleibt abzuwarten, ob Putin über die Geister, die er rief, wieder Herr werden kann." Die Haltung, die im Westen oft über die Zustände in Russland bestünden, bezeichnete Reitschuster als "naiv". Nicht alle Gäste teilen Einschätzung des Referenten

Auch der Energiepolitik mit dem Ausland stand Reitschuster kritisch gegenüber. Der Referent warnte aber gleichzeitig davor, zu Russland auf Distanz zu gehen: "Es gibt dort so viel Wunderbares. Die Herzlichkeit, der Humor und die Gastfreundschaft der einfachen russischen Bevölkerung." Hoffnung besteht für Reitschuster vor allem darin, dass sich die Russen das Recht auf Eigentum nicht mehr nehmen ließen. Man merkte dem Referenten die Begeisterung für das Land an. Reitschuster schaffte es, schwierige Sachverhalte verständlich und unterhaltend zugleich darzustellen. An den Vortrag schloss sich eine Fragerunde des Publikums an, wobei allerdings nicht alle Ausführungen Reitschusters geteilt wurden.