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Willkommen im Alpha-Café

FOTO: Kai Remmers (e_pruem )
Prüm. Gemeinsames Angebot für alle, die Probleme mit dem Lesen und dem Schreiben haben: In der Zen-tralbücherei Prüm wird kommenden Monat ein sogenanntes Alpha-Café eingerichtet, beteiligt sind die Verbandsgemeinde Prüm, die Katholische Erwachsenenbildung und das Alphabetisierungs-Netzwerk des Landes. Fritz-Peter Linden

Vor einigen Monaten berichteten wir im TV über die Not vieler Menschen, die nicht oder nur bruchstückhaft lesen und schreiben können - und über einen jungen Mann auf der Suche nach jemandem, der ihm beides beibringt.
Tatsächlich bot sich daraufhin ein Eifeler an: Klaus Hack, früherer Chef der Betrada-Grundschule Prüm, der inzwischen seinem Schüler schon einige Fortschritte ermöglicht hat. "Das hat supergut geklappt", sagt Heike Kläs von der Fleischerei Tix, wo der 32-Jährige bald eine Ausbildung beginnen wird.
Aber das war nicht die einzige erfreuliche Reaktion, sagt Rita Novaki, die sich um Menschen mit Lese-Problemen kümmert: als regionale Koordinatorin für den Raum Eifel, Mosel und Trier bei "GrubiNetz", dem Landes-Netzwerk Grundbildung und Alphabetisierung. "Es gab eine sehr schöne Dynamik. Sehr viele Menschen haben sich gemeldet, die uns unterstützen wollen. Und es haben auch Lerner angerufen, was uns besonders freut. Daraus ist ein Kurs entstanden, der jetzt in Bitburg läuft."
So besuchen inzwischen zwölf Teilnehmer Kurse bei der Katholischen Erwachsenenbildung und der Volkshochschule in Bitburg. Hinzu kommen insgesamt knapp 30 weitere in Alphabetisierungslehrgängen der beiden Einrichtungen in Daun, Prüm und in Gerolstein bei den Westeifel-Werken. Zurzeit versuche man außerdem, auch in Jünkerath einen Kurs zu ermöglichen.
Der Bedarf sei allerdings noch deutlich höher: Rita Novaki schätzt die Zahl aller Betroffenen, die nicht lesen können oder zumindest "Funktionalen Analphabetismus" aufweisen, also Buchstaben oder Wörter, nicht aber komplexere Satzreihen und Texte erfassen können - auf etwa 8500 im Eifelkreis und auf 5800 im Kreis Vulkaneifel, das sind annähernd zehn Prozent der Gesamteinwohner.
An diese und alle anderen hilfesuchenden Bürger und Einwanderer wendet sich nun ein neues Angebot, das GrubiNetz gemeinsam mit der Katholischen Erwachsenenbildung und der Verbandsgemeinde (VG) Prüm in der Zentralbücherei einrichtet: das "Alpha-Café" im Konvikt.
Denn in der Kalvarienbergstraße, sagt Rita Novaki, "treffen sich unheimlich viele Menschen. Und es ist ganz wichtig, das Thema zu enttabuisieren und in die Öffentlichkeit zu bringen."
Das Café soll am Mittwoch, 15. Juli, 10.30 Uhr, eröffnen und von diesem Tag an zweimal im Monat, immer mittwochs von 10.30 bis 12 Uhr, angeboten werden. Dazu sind spezielle Bücher beschafft worden, die das Lesenlernen erleichtern, es gibt Filme zum Thema, Spiele, Computerprogramme und direkte Hilfe von den geschulten Bücherei-Mitarbeiterinnen, von Rita Novaki und von Snezana Werner, die auch die beiden Alphabetisierungskurse in Prüm leitet.
Wer ist angesprochen? Alle Menschen, denen das Lesen Probleme bereitet - dazu zählen auch Einwanderer, Lernbeeinträchtigte oder Menschen, die an Demenz erkrankt sind. Das Café soll auch dazu beitragen, ihnen allen die Scheu zu nehmen - der Besuch sei unverbindlich und als offenes Angebot gedacht.
"Wir hoffen, dadurch an noch mehr Menschen ranzukommen, die sich noch nicht trauen, in einen Kurs zu gehen", sagt Rita Novaki.
"Eine schöne Idee, das hier bei uns zu machen", findet VG-Bürgermeister Aloysius Söhngen. Und das passe auch gut zur Zentralbücherei, die sich ohnehin "eines großen Zuspruchs erfreut".Meinung

Fort mit dem Stigma
´Ich bin ein kompletter Analphabet. Zumindest, was meine naturwissenschaftlichen Fähigkeiten betrifft (und eine Reihe anderer Defizite, auf die hier zum Glück nicht näher eingegangen werden muss). Die Scham darüber hält sich in Grenzen. Anders wäre das beim Lesen und beim Schreiben. Und vielleicht ist es ja zu schaffen, jenen Menschen, die damit Probleme haben, ebenfalls aus dieser schmerzhaften Stigmatisierung heraus- und in ein selbstständigeres Leben hineinzuhelfen. Die Angebote in der Eifel, ob nun ein Kurs oder eben ein Besuch im Alpha-Café, gehören deshalb zu den sinnvollsten, die wir haben. f.linden@volksfreund.deExtra

Kurse zur Alphabetisierung bieten die Katholische Erwachsenenbildung Westeifel und die Volkshochschulen in der Eifel an. Sie sind nicht als Sprachkurse geeignet: Teilnehmen kann man nur, wenn man Deutsch sprechen kann - egal, ob Einheimischer oder Migrant. Deshalb sind die Kurse zum Beispiel auch nicht für Flüchtlinge ohne Deutschkenntnisse gedacht. Wer sich über die Möglichkeiten informieren will, kann sich an Rita Novaki wenden, Telefon 0171/7155673; E-Mail: novaki@keb-rheinland-pfalz.de fpl