| 20:40 Uhr

Wir sitzen alle in Trieb-Haft: Interview mit Kabarettist Jürgen Becker

Fortpflanzung? Aber gern! Kabarettist Jürgen Becker. Foto: Simin Kianmehr
Fortpflanzung? Aber gern! Kabarettist Jürgen Becker. Foto: Simin Kianmehr FOTO: Simin Kianmehr (e_pruem )
Stadtkyll. Jürgen Becker gastiert demnächst in Stadtkyll mit seinem Programm "Volksbegehren", in dem er sich mit der Kulturgeschichte der Fortpflanzung befasst. Im TV-Gespräch macht der Kabarettist vorab schon mal ein bisschen den Reißverschluss auf. Fritz-Peter Linden

Stadtkyll Der Mensch, hat Woody Allen gesagt, bestehe aus zwei Teilen: dem Gehirn und dem Körper. "Aber der Körper hat mehr Spaß." Eines der Zitate, die wir uns zurechtgelegt hatten für das Gespräch mit Jürgen Becker. Immerhin geht es doch in seinem aktuellen Programm "Volksbegehren" um "die Kulturgeschichte der Fortpflanzung". Um den Trieb also. Ums große Untenrum. Um, tja: Sex.

Aber: wär nicht nötig gewesen, das mit den Zitaten. Der Kabarettist aus Köln und Gastgeber der satirischen "Mitternachtsspitzen" im WDR liefert uns so viel zum Mitschreiben, dass wir damit kaum hinterherkommen. "Kein Problem", sagt Becker. "Ich hab Zeit."
Wunderbar. Zurück zum Spaß, den der Körper hat: Der wird ihm dann vom Gehirn oft verdorben. Weil: Scham. Woher kommt's, Herr Becker? Naja - durch die Religionen vor allem, sagt der 58-Jährige. Denen habe seit jeher daran gelegen, "die Triebe des Menschen zu begrenzen".

Aber in der Natur sei es nun mal anders: "Der Erfolg der Fortpflanzung hängt davon ab, wieviele Weibchen ein Männchen begatten kann." Deshalb geht es zur Sache, deshalb plustern sie sich auf, deshalb lassen sie sich mächtige Geweihe wachsen und machen den Dicken - nur um den Konkurrenten aus dem Feld zu schlagen und die Weibchen für sich zu gewinnen. Findet man auch beim Menschen, dem nur unwesentlich höheren Tier. Man sehe es auch an der aktuellen politischen Lage, sagt Jürgen Becker, "wo testosterongesteuerte Männer weltweit an der Macht sind". Ergebnis: "Es wird unruhiger."

Allerdings. Und deswegen könnten sich die Herrschaften ja wirklich mal was schämen. Nur kämen sie nie darauf.
Der Versuch der Religionen, den Trieb einzuhegen, scheitert nicht nur bei den Trumputins der Welt, er werfe eine grundsätzliche Frage auf, nämlich: Geht das überhaupt, mit dem Eindämmen? Beispiel: Internet: Mehr als ein Drittel des gesamten Datenverkehrs im Netz, sagt Becker, "hat pornografischen Inhalt. Und jetzt kommt das Verblüffende: 70 Prozent davon werden an den Werktagen zwischen 9 und 17 Uhr heruntergeladen. Da wundert man sich, dass in deutschen Büros überhaupt noch gearbeitet wird. Das Wort ,Gleitzeit' kriegt in dem Zusammenhang eine ganz neue Bedeutung."

Und dass Sex immer auch politisch sei, sagt Becker, habe sich gerade wieder gezeigt: "Man hat das ja im Wahlkampf gesehen, auf den Plakaten der AfD mit dem Spruch: ,Neue Deutsche? Machen wir selber. Wieviele Frauen haben jetzt Angst - wenn es klingelt, dann steht Alexander Gauland mit heruntergelassenen Hosen vor der Tür und sagt: Ich wär dann mal soweit. Will man das?"

Um Himmels Willen. Was man auch nicht will, sind solche Übergriffe wie in Köln an Silvester 2015. Seitdem, sagt Becker, stehe seine Stadt für zwei Dinge: "Inkompetenz und sexuelle Übergriffe. Sozusagen Lothar Matthäus als Stadt."

Im vergangenen Jahr habe man dem entgegenzusteuern versucht, mit massiver Polizeipräsenz - und das sei dann auch wieder falsch gewesen, wegen des dabei verwendeten Kürzels von den "Nafris", den vermeintlichen Nordafrikanern. Und dann seien die meisten Verdächtigen am Ende gar keine Nordafrikaner gewesen.

"Ist aber auch schwer, all die rechtsrheinischen Orte auseinanderzuhalten", sagt Becker. Und schiebt noch einen hinterher: Einer der im Zuge der Nacht Verhörten habe dermaßen herumgenuschelt, "dass ihn keiner verstanden hat. Später stellte sich heraus: Das war Wolfgang Niedecken."

Danke, Herr Becker, wir hätten stundenlang zuhören können. Das machen wir dann demnächst, wenn Jürgen Becker ins Links-, also Richtigrheinische kommt: Am Samstag, 4. November, gastiert er in Stadtkyll, im Festsaal des Gasthauses La Sirena. Los geht's um 20 Uhr.

Der Vorverkauf ist angelaufen. Karten kosten 21 Euro im La Sirena, Telefon 06597/900623, und bei Elektro Maus, Stadtkyll, Telefon 06597/ 961153. Bei KölnTicket und eventim zahlt man 24,63 Euro.