Januar 2019: Reformkritiker werfen Trierer Bischof Taschenspielertricks vor

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Obwohl die Strukturreform doch nicht so schnell umgesetzt werden soll, lassen die Gegner der Pfarreienauflösung nicht locker. Im Gegenteil: Sie wollen ihre Proteste sogar ausweiten.

Der Ton zwischen der bistumskritischen Initiative Kirchengemeinde vor Ort und dem Trierer Generalvikariat nimmt an Schärfe zu. In einem unserer Zeitung vorliegenden Schreiben an alle Pfarrgemeinde- und Verwaltungsräte im Bistum werden Bischof Stephan Ackermann „Taschenspielertricks“ und „Manöver gegen seine widerspenstigen Schäfchen“ vorgeworfen. Bistumssprecherin Judith Rupp hält den Kritikern entgegen, durch Mutmaßungen und daraus abgeleitete Interpretationen auf unnötige Weise Ängste zu schüren.

Hintergrund der aktuellen Vorwürfe ist die gut zwei Wochen zurückliegende Ankündigung des Bistums, die Strukturreform deutlich langsamer als ursprünglich geplant anzugehen. Danach soll es zum 1. Januar nächsten Jahres zunächst nur 13 der insgesamt 35 vorgesehenen Großpfarreien geben. Die übrigen 22 XXL-Pfarreien sollen bis spätestens 2022 eingerichtet werden.

Die Umsetzung in zwei Stufen trage dazu bei, die Menschen besser mitnehmen zu können, hatte Bischof Stephan Ackermann die Tempoverlangsamung begründet. Derzeit gibt es im Bistum Trier noch 887 Pfarreien, die in 172 Pfarreiengemeinschaften organisiert sind. Nach den Plänen des Bistums werden sie aufgelöst und in den neuen Großpfarreien aufgehen.

Vor allem deshalb gibt es teils heftige Kritik an der Reform. Die nach eigenen Angaben inzwischen von 297 Pfarrgemeinden unterstützte, einst in Prüm gegründete Initiative Kirchengemeinde vor Ort macht seit Monaten gegen die geplante Auflösung der Pfarreien mobil.

Initiativensprecher Harald Cronauer wirft Bischof Stephan Ackermann und seinem Generalvikar Ulrich Graf von Plettenberg vor, die Argumente der Kritiker zu ignorieren. Deshalb werde man die Proteste jetzt „mit allen verfügbaren Mitteln“ intensivieren und alle Klagemöglichkeiten ausnutzen. Die Initiative hatte schon früher angekündigt, notfalls vor den Verwaltungsgerichten und vor dem Kirchengericht gegen die Zwangsauflösung der Pfarreien zu klagen.

Bevor die neuen Großpfarreien errichtet werden, müssen die jeweiligen Räte angehört werden. Diese kirchenrechtlich vorgeschriebene Anhörung läuft nach Angaben des Generalvikars von März bis voraussichtlich Mai für alle 35 Pfarreien, nicht nur für die 13 „Frühstarter“: Für die Initiative ist das eine „unchristlich anmutende“ Vernebelungstaktik, weil sich die 22 später an den Start gehenden Großpfarreien dadurch in falscher Sicherheit wiegen und ihre zehntägige Einspruchsfrist verpassen könnten – „möglicherweise strategisch beabsichtigt“, wie es in dem Schreiben an die Räte wörtlich heißt. Aus Sicht des Bistums eine Unterstellung, die Sprecherin Judith Rupp als falsch zurückweist: „Für die Rück­meldungen zum Gesetz im Rahmen der Anhörung planen wir eine mehrere Wochen andauernde Frist ein“, sagte Rupp unserer Zeitung.

Ein paar Beruhigungspillen für die Gläubigen?

Die Kritiker der Bistumsreform glauben, dass sie hingehalten und vertröstet werden. Vorwürfe, die die Verantwortlichen im Trierer Generalvikariat nicht auf sich sitzen lassen wollen.

Von Rolf Seydewitz

Die katholische Kirche im Bistum Trier kommt nicht zur Ruhe. Nachdem vor gut zwei Wochen Bischof Stephan Ackermann und sein Generalvikar Ulrich Graf von Plettenberg bekanntgegeben haben, nun doch nicht alle geplanten Großpfarreien zum 1. Januar nächsten Jahres einzuführen, melden sich jetzt die Kritiker zu Wort. In einem  fünfseitigen Schreiben an die Vorsitzenden der Pfarrgemeinde- und Verwaltungsräte werden die vom Bistum zuletzt veröffentlichten Informationen teils scharf verurteilt. So werden etwa die neuen Strukturen in den insgesamt 35 Pfarreien der Zukunft (PdZ), wie die Großpfarreien offiziell heißen, als „weder transparent noch praktikabel“ bezeichnet. Für die sogenannten Verwaltungsteams vor Ort gebe es bis heute keine gesetzliche oder sonstige Grundlage und Beschreibung, kritisiert die Initiative Kirchengemeinde vor Ort, deren Vertreter den Brief unterzeichnet haben.

Dabei hätten die Bistumsverantwortlichen versprochen, die Verwaltungsteams an allen neuen Kirchenorten zu installieren und mit Kompetenzen auszustatten. „Aber nichts davon ist bislang geregelt“, behauptet Initiativensprecher Harald Cronauer. Die Vermutung des saarländischen Anwalts: „Es werden zur Vertröstung ins Ungewisse Beruhigungspillen verteilt, die in Wahrheit Placebos sind.“ In Wirklichkeit gehe es dem Bistum darum, nach der Bündelung aller Befugnisse in der Zentralpfarrei möglichst viele Kirchen und Pfarrheime so zügig wie möglich zu schließen.

„Es geht nicht um das Schließen von Gebäuden“, kontert Bistumssprecherin Judith Rupp. Eigentümer der Kirchen und Pfarrheime seien die jeweiligen Kirchengemeinden. Somit könne das Bistum diese nicht einfach schließen oder gar abreißen. „Wir gehen davon aus, dass Gotteshäuser, wenn sie genutzt und belebt sind, wenn der Unterhalt gesichert ist und aus baulicher oder sicherheitstechnischer Sicht nichts dagegenspricht, erhalten werden“, so die Bistumssprecherin wörtlich.

Nach Angaben von Judith Rupp unterstützen die künftigen Pfarreien der Zukunft die pastorale Neuausrichtung, die ja auch von den Kritikern als nötig angesehen werde. Eine geringere Zahl von Kirchengemeinden entlaste von vielen kleinteiligen Verwaltungsaufgaben und helfe, sich auf die anspruchsvolleren pastoralen Aufgaben zu konzentrieren.

Für die Kritiker bleibt es dabei, dass in puncto neue Strukturen noch vieles ungeklärt ist und sich die zukünftigen sogenannten Orte von Kirche in den Riesenpfarreien kaum noch wiederfinden dürften. „Wie soll sich aus einer XXL-Pfarrei Saarbrücken mit fast 100 000 Gläubigen und 500 oder 1000 Orten von Kirche eine Synodalversammlung ergeben, die repräsentativ oder förderlich für das gesamte Leben in der Riesenpfarrei ist?“, fragt Cronauer.

Die betroffenen Menschen in den sogenannten Orten von Kirche müssten zunächst einmal ihre Anliegen formulieren und dann überlegen, ob sie überhaupt Teil der Synodal­versammlungen sein wollten, kontert Bistumssprecherin Rupp die Befürchtungen. Sie wirft der Initiative vor, auf unnötige Weise Ängste zu schüren. Auch im Generalvikariat sei man sich darüber im Klaren, dass einiges durch die konkrete Praxis in den zukünftigen Pfarreien weiterentwickelt werden müsse. Das lasse sich aber bei einer derart grundlegenden Neuausrichtung auch nicht vermeiden.

Schwer vorstellbar, dass sich die Kritiker mit einer solchen Aussage zufriedengeben werden.

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