Reportage: Auf Visite mit Krankenschwester im Mutterhaus in Trier

Gesundheit : Job mit viel Herz und wenig Zeit

Zwei Stunden mit Krankenschwester Anke Kunzen auf Station B 5 im Trierer Mutterhaus Mitte. Warum sie starke Nerven und weitere Kollegen braucht.

Klinikum Mutterhaus Mitte, fünfter Stock, 30 Betten, 23 belegt: Anke Kunzen sorgt dafür, dass Patienten sich nicht wundliegen, holt einer Besucherin ein Glas, räumt Kaffeetassen weg, macht Patienten für die Operation fertig. „Alles, was nicht angewachsen ist, muss raus“, sagt sie. Gebiss, Schmuck, Brille. Und sie dokumentiert, dokumentiert und dokumentiert. Um 12.27 Uhr hatte die Krankenschwester ihre Alltagskleider abgestreift, weiße Hose, weißes Shirt angezogen und ihren Spätdienst mit zwei weiteren Kolleginnen begonnen. Um 13 Uhr war Übergabe: Sie erfährt vom Frühdienst was los war, wie es den Patienten geht. „Keine Besonderheiten“, sagt sie. Heißt: keine Reanimation, niemand kam von Intensiv auf Station. Ein ruhiger Spätdienst. Noch.

Kunzen wusste schon als Kind, dass sie Krankenschwester werden möchte. Ihr Traumjob. Die Oma war Diabetikerin, hat Insulin gespritzt, die kleine Anke hat interessiert zugesehen. „Und in der Verwandtschaft gab es eine Krankenschwester“, sagt sie. 1995 hat sie ihre Ausbildung in dem Krankenhaus gemacht, in dem sie geboren wurde und heute noch arbeitet. Seit zwanzig Jahren ist sie auf der B 5. B steht für das Gebäude, 5 für das Stockwerk, in der Station „mit den sauberen Krankheiten“, wie es intern heißt. Also meist Patienten nach Operationen an Brüchen, nach Unfällen oder an der Lunge. Intern heißt es auch: Raucher werden schneller fit als Nichtraucher. Der Wunsch, draußen rauchen zu können, motiviere, sagt Kunzen.

An diesem Donnerstagnachmittag ist es ruhig auf der B 5. Sieben Betten stehen leer. „Aber das kann sich ganz schnell ändern“, sagt Kunzen. Je nachdem, was unten, also in die Ambulanz, reinkomme, und je nach Wetterlage. Dabei denkt sie an Sonnenschein und Motorradunfälle. Ruhig heißt: Es bleibt Zeit, schnell den Rollwagen, der mit Arbeitsmaterialien von Desinfektionsmitteln über Schmerztabelle bis Bettwäsche bestückt ist, aufzufüllen und jeden Handgriff gleich in den Computer einzugeben. Nur die Fieberkurve, die Auskunft über Blutdruck, Puls und Medikation gibt, ist noch handgeschrieben. Vieles ist standardisiert, sie weiß genau, was zu tun ist, etwa wenn jemanden Schmerzen plagen. Dabei hilft eine in elf Sprachen übersetzte Schmerzskala.

Während Kunzen grüne Häkchen und rote Xe setzt und ein paar Sätze dazu schreibt, wünscht sie einer Patientin alles Gute. Diese wird von einem Herrn in grünem Shirt, dem Transportdienst, zum Operationssaal gefahren. Der Transportdienst entlastet die Pflegekräfte, sowie der Mitarbeiter, der täglich das Lager mit Notwendigem wie Operationskitteln und Bettwäsche auffüllt. Insgesamt arbeiten im Klinikum Mutterhaus  910 Pflegekräfte, 1407 „Sonstiges nicht-ärztliches Personal“, dazu zählen auch die Mitarbeiter in den grünen Shirts, die Tausende Schritte am Tag zurücklegen, zig Mal den Aufzugknopf drücken.

Auch Kunzen geht und steht viel. Sie kann sich keinen anderen Job vorstellen, auch nicht, im Nachbarland Luxemburg zu arbeiten, wo Kollegen teils das Doppelte für die gleiche Arbeit verdienen. „Nee, die viele Fahrerei wäre nichts für mich“, sagt sie und geht in Zimmer 5310. Denn die beiden Anzeigetafeln im kahlen Krankenhausflur signalisieren:  „Pat Z 5310“. Auch die Leuchte an der Zimmertür ist von Grün auf Rot gesprungen „Können Sie mir die Flasche noch mal mit Wasser füllen?“, bittet der Patient. Sein Wunsch ist Anke Kunzen Befehl. Auch der Patient in Z 5307 klingelt nach einer Schwester. Das Zischen des Inhalationsgeräts stört ihn. Kunzen stellt es ab, wechselt ein paar nette Worte, lacht. „Es macht mir Spaß, für die Leute da zu sein. “ Das Schöne an dem Beruf sei auch, dass man Fortschritte sehe – bei den meisten Patienten. Aber auch mit dem Tod wird sie konfrontiert. „Wenn man nach Hause geht, muss man den Berufsalltag abstreifen“, sagt sie. Sonst könne man den Beruf nicht machen.

Als sie anfing, hatte Kunzen noch mehr Zeit für die einzelnen Patienten. „Das fehlt mir heute sehr“, sagt sie. „Und wenn mal ein Kollege krank ist, gehen wir am Limit.“

Es sei schon vorgekommen, dass mehrere Kräfte ausgefallen seien und die Klinik die Aufnahme auf Station B 5 stoppen musste. Und manchmal sei eine Kraft nachts allein, sagt sie. Mehr Personal sei notwendig.

Aktuell sucht das Klinikum Mutterhaus auf seiner Internetseite (www.mutterhaus.de) vier Gesundheits- und Kinderkrankenpfleger, sechs Gesundheits- und Krankenpfleger, „Teamplayer“ für einen flexiblen Springerpool Pflege  und eine stellvertretende  Stationsleitung. Also jemanden wie Anke Kunzen.

Seit Anfang 2018 leitet sie stellvertretend die B 5 und nimmt an einer Weiterbildung „Stationsleitung“ teil. Ein Studium Pflegewissenschaften kommt für sie nicht infrage. „Ich bin eher praktisch“, sagt sie.

Dann werden Kunzens Schritte schneller. In Zimmer 5307 hat ein Patient Schüttelfrost. „Nierenwerte.“ „Blutdruck.“ „Notfall-EKG“. „So schlecht auf einmal.“ Wortfetzen sind auf dem Flur zu hören. Die Krankenschwester weiß genau, was zu tun ist, behält einen kühlen Kopf. Der Stationsarzt eilt herbei..  Die Tür zu Zimmer 5307 geht zu.

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