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20 Jahre schwierige Nachbarschaft

20 Jahre schwierige Nachbarschaft

TRIER/CATTENOM. Heute vor 20 Jahren ging der wohl am meisten umstrittene Energie-Lieferant der Großregion ans Netz: Am 14. November 1986 nahm das Atomkraftwerk im französischen Cattenom den Betrieb auf. Die Diskussion um die Sicherheit des Meilers hatte bereits zehn Jahre zuvor begonnen – und ist bis heute aktuell.

Der Zeitpunkt hätte ungünstiger kaum sein können: Wenige Monate nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl war die Atomangst in Europa auf einem Höhepunkt, als am 14. November 1986 der erste Block des Atomkraftwerks Cattenom ans Netz ging. Rund 35 Kilometer Luftlinie sind es von dem lothringischen Meiler bis Saarburg, 50 bis nach Trier, knapp 70 bis Bitburg und 80 bis Wittlich - Distanzen, die vielen Menschen in der Region angesichts der Folgen des Unglücks in dem weit entfernten ukrainischen Reaktor Angst machten. Doch es gab auch andere Stimmen: Befürworter der Atomenergie mahnten zur Besonnenheit und argumentierten, zwischen den Sicherheitsstandards in Cattenom und jenen des osteuropäischen Unglückreaktors lägen Welten. Ersten Widerstand gegen den Bau hatte es bereits in den 70er-Jahren gegeben. Während die politischen Gremien im strukturschwachen Lothringen das geplante Projekt begrüßten, formierte sich vor allem in Deutschland und Luxemburg Protest. Vorwürfe wurden laut, Frankreich siedele seine Atommeiler bewusst in Grenznähe an. 15 000 Einwendungen gingen gegen den Bau ein - genehmigt wurde er im Juli 1979 doch. Bis Mitte 1991 entstanden neben dem ersten Reaktor drei weitere. Die vier Blocks à 1300 Megawatt sind heute das zweitgrößte Atomkraftwerk Frankreichs. Cattenom, das vom Konzern Electricité de France (EDF) betrieben wird, erzeugt 7,8 Prozent des französischen Stroms. 1200 Menschen arbeiten dort. Frankreich setzt stark auf Atomenergie: An 19 Standorten im Land erzeugen 58 Reaktoren 80 Prozent der elektrischen Energie. Einen Störfall großen Ausmaßes hat es bisher in Cattenom nicht gegeben. Vielfach wurden allerdings Zwischenfälle bekannt. Aus jüngerer Zeit ist vor allem die Verstrahlung von Mitarbeitern im Mai 2004 in Erinnerung. Immer wieder wurden Zweifel laut, ob das AKW in Deutschland genehmigt worden wäre. Etwas Wind aus den Segeln der Kritiker nahm die Entscheidung der französischen Behörden vor gut zwei Jahren, die Grenzwerte nicht zu erhöhen. Der Betreiber EDF hatte zusätzliche Einleitungen in die Mosel beantragt und damit auch in der Region Trier für Aufregung und zahlreiche Resolutionen gesorgt. Experten halten es für wahrscheinlich, dass Cattenom über die Lebensdauer der bisherigen Blocks hinaus Standort eines Atomkraftwerks bleiben wird: Während Deutschland aus der Kernenergie aussteigen will, plant Frankreich derzeit eine neue Reaktor-Generation. Vorerst allerdings sind keine Änderungen in Sicht: EDF hält für Cattenom eine Betriebsdauer von bis zu 60 Jahren für möglich. Ungemach wittern Atomkraft-Gegner derweil noch von einer anderen Seite: Insider gehen davon aus, dass das in Frankreich geplante Endlager für Atommüll ebenfalls in Lothringen entstehen könnte. Das Thema Atomkraft bleibt aktuell - und ob man den Argumenten der Befürworter oder denen der Gegner folgt, ist letztlich Glaubenssache. Bei vielen Menschen sitzt die Angst jedenfalls auch nach 20-jähriger Nachbarschaft zu Cattenom tief. Das zeigte sich diesen Sommer, als falsche Informationen über einen angeblichen Störfall breite Landstriche in Angst versetzten und in Lothringen sogar für die Schließung von Schulen sorgten.