22 000 Höfe vor der Pleite

22 000 Höfe vor der Pleite

Mit mehr als 1500 Traktoren haben die französischen Bauern am Donnerstag in Paris demonstriert. Die Regierung reagierte und pumpte weitere Milliarden in die Landwirtschaft. Doch die Agrarkrise dürfte damit nicht überwunden werden.

Paris. "Unsere Abgaben töten uns" steht auf dem ersten Traktor, der am frühen Morgen hupend auf den Pariser Platz der Nation fährt. Er kommt aus Ploumoguer in der Bretagne - wie die meisten der mehr als 1500 Bauern, die am Donnerstag protestieren. Es ist der Auftakt zur großen Bauerndemo, die am Montag vor dem EU-Agrarrat in Brüssel geplant ist. Die Landwirte leiden europaweit - auch in Deutschland - unter niedrigen Preisen, dem russischen Embargo und der Krise in China. In Frankreich fällt der Protest besonders heftig aus - auch gegen den deutschen Nachbarn.
Im Juli blockierten französische Bauern Grenzübergänge nach Deutschland, um Lastwagen mit deutschen Agrarprodukten zu stoppen. Die Bauerngewerkschaften werfen deutschen Landwirten vor, mit billigen Saisonarbeitern aus Osteuropa ihre Erzeugnisse zu Dumpingpreisen auf den Markt zu werfen und die französische Konkurrenz auszustechen. Doch das stimmt so nicht mehr: "Große Unterschiede im Lohnbereich sind nicht mehr gegeben", sagt Stefan Seidendorf vom deutsch-französischen Institut in Ludwigsburg. Der Mindestlohn in Deutschland und die Verschärfung der EU-Entsenderichtlinie hätten das Lohnniveau weitgehend angeglichen.

Trotzdem steht in Frankreich fast ein Zehntel der Höfe kurz vor der Insolvenz. Mindestens 22 000 Höfen drohe das Aus, sagte Landwirtschaftsminister Stéphane Le Foll im Juli. "Wir durchleben eine schwere Krise der Landwirtschaft", räumte der Sozialist ein. Die Lage der "Agriculteurs" ist so katastrophal, dass durchschnittlich alle zwei Tage in Frankreich ein Landwirt Selbstmord begeht.
Dabei war das Land jahrzehntelang Agrarexportnation Nummer eins in Europa. Als Produzent ist Frankreich immer noch führend, doch im Export wurde es von Deutschland abgelöst. "Dort wurde schneller modernisiert", erklärt Seidendorf. Vor allem in Ostdeutschland entstanden nach der Wende Großbetriebe aus den LPG der DDR-Zeit. Laut deutschem Bauernverband bewirtschaften elf Prozent der Betriebe mehr als 100 Hektar Fläche - im EU-Durchschnitt sind es nur drei Prozent.

In Frankreich gibt es vor allem Höfe mittlerer Größe und Familienbetriebe, die nun besonders unter der Krise leiden. Drei Milliarden Euro fordert der Vorsitzende der größten Bauerngewerkschaft FNSEA, Xavier Beulin, an staatlichen Investitionen, um die französische Landwirtschaft wettbewerbsfähig zu machen. Diese Summe stellte Regierungschef Manuel Valls nun gestreckt auf drei Jahre in Aussicht.
Über die Zukunft der Landwirtschaft gehen die Meinungen auseinander. Der Sprecher der Gewerkschaft Confédération Paysanne, Laurent Pinatel, warnt vor der Modernisierung der Landwirtschaft und fordert stattdessen mehr Qualitätsprodukte und Bio-Anbau. Die neuen Hilfen sind für ihn nur "Flicken auf einem überholten System".