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3. März 1945: Die Amerikaner kommen nach Malberg

3. März 1945: Die Amerikaner kommen nach Malberg

Hubert Weinand, geboren 1928, schildert die Ankunft der amerikanischen Soldaten in seinem Heimatort Malberg (Eifelkreis Bitburg-Prüm). Er hatte wenige Monate zuvor bei einem Luftangriff seine Eltern und zwei seiner Schwestern verloren. Sein Bericht ist eine Zusammenfassung seiner Kriegserinnerungen, die er im Februar 2015 für seine Töchter und Enkel aufgeschrieben hatte.

Ich sehe das Bild noch ganz klar vor mir und werde es sicher auch nie vergessen. Ein amerikanischer Spähtrupp von etwa 6 Soldaten kam die Tellstraße herunter. Wir standen am Bunker, der unterhalb der "Klirf", dem Bergrücken gegenüber dem Ort Malberg, in den Berg gegraben worden war und in dem viele Malberger Schutz gesucht hatten. Die Kyllbrücke, die diese Flussseite mit dem Ort verband, war teilweise gesprengt worden. Mit einer weißen Fahne versuchen wir uns bemerkbar zu machen. Im gleichen Augenblick ging von oberhalb "auf der Klirf", wo noch ein Maschinengewehrstand mit deutschen Soldaten besetzt war, ein Feuergefecht auf den Spähtrupp los. Die amerikanischen Soldaten flüchteten in einen Schuppen in der Tellstraße. Ein Soldat war sofort tot, ein anderer schwer verwundet, er wurde von Pastor Volk, dem Pfarrer von Malberg, und "Keilen Mätti", einem Sanitäter im ersten Weltkrieg, im Pfarrhaus versorgt.

Die Maschinengewehrstellungen oberhalb des Bunkers waren im Herbst 1944 von Schanzarbeitern gebaut worden. Ich war noch morgens dort gewesen und hatte mit den Soldaten gesprochen. Sie hatten mir erzählt, sie müssten die Stellung halten und die Amerikaner aufhalten. Sie dürften sich nicht zurückziehen, das sei Feigheit vor dem Feind und darauf stehe die Todesstrafe.

Nach dem Schusswechsel herrschte unter den Menschen im Bunker große Aufregung. Was war nun zu erwarten? Man rechnete mit dem Schlimmsten.

Zunächst erfolgte heftiger Artilleriebeschuss der Amerikaner von Malbergweich aus auf das Gelände der Klirf.
Die Amerikaner mussten unbedingt darüber aufgeklärt werden, dass das Maschinengewehrfeuer nicht von den Menschen aus dem Bunker gekommen war, sondern von deutschen Soldaten aus dem Maschinengewehrstand oberhalb. Darum entschieden Pastor Volk, Bürgermeister Arend und Fräulein Zell, die Lehrerin, die englisch sprechen konnte, zu Fuß mit einer weißen Fahne abends nach Malbergweich zur Artilleriestellung der Amerikaner zu gehen und die Situation zu erklären, wohl wissend, dass sie sich damit in Lebensgefahr brachten.

Sie konnten erreichen, dass das Artilleriefeuer auf Malberg eingestellt wurde. Es war ein großes Glück, dass keine Granate den Bunkereingang getroffen hatte, denn der Bunker hatte keinen Notausgang, es wäre eine Katastrophe geworden. Die Malberger kehrten nach dieser letzten Nacht im Bunker in ihre Häuser zurück. Außer abgedeckten Dächern hatte es keine größeren Schäden im Ort gegeben.

Einen Tag später marschierten die Amerikaner in Malberg von Malbergweich aus kommend ein. Ich war dabei, den Trümmerhaufen aufzuräumen, der von meinem Elternhaus durch den Bombenabgriff am 31. Dezember 1944 übriggeblieben war und bei dem meine Eltern und zwei meiner Schwestern den Tod gefunden hatten. Ich sah sie kommen und blieb stehen, warum sollte ich weglaufen, ich hatte nichts zu verbergen.

Am Morgen nach dem Einmarsch wurde bekannt gemacht, dass sich alle Männer über 16 Jahren bei der Schule versammeln sollten. Im Dezember 1944 war ich 16 Jahre alt geworden, ich war also auch dabei. Vor der Schule stand ein offener amerikanischer Geländewagen, auf den wir aufgeladen wurden, keiner wusste wohin. Die Fahrt ging zunächst nach Bitburg. Die Stadt war fast total zerstört und die Straßen waren nur notdürftig vom Schutt geräumt, unser Ziel war Helenenberg. Hier waren Holzbaracken aufgestellt, in denen wir zunächst untergebracht wurden. Zuerst wurden die Personalien festgestellt, ein Dolmetscher übersetzte alles. Wir wurden ausgefragt: nach Parteimitgliedschaft, ob wir Soldaten oder in der Hitlerjungend gewesen seien, welchen Beruf wir hätten. Die Ausweise wurden uns abgenommen, zu Essen und Trinken gab es aber genügend. Nur waschen mussten wir uns draußen und auch die Toiletten waren draußen im Freien, es war März. Zum ersten und einzigen Mal in meinem Leben hatte ich Kopfläuse.

Nach 8 Tagen ließ man uns wieder frei, wir wurden nach Bitburg gebracht und dort ausgeladen. Von dort gingen wir zu Fuß nach Hause. Meine Großmutter und meine überlebenden beiden Schwestern freuten sich, dass ich wieder zu Hause war. Für uns war der Krieg vorbei. Hubert Weinand