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Alles bleibt anders: Gemeindebund diskutiert, wie das Leben auf dem Land zu retten ist

Alles bleibt anders: Gemeindebund diskutiert, wie das Leben auf dem Land zu retten ist

Ganztagsschulen, Integration, provokative Bürgermeister: Ein Zukunftsforscher hat den Mitgliedern des Städte- und Gemeindebundes Tipps gegeben, wie sie ländlichen Regionen neues Leben einhauchen können. Ein Dorf aus der Region Trier liegt mit seinen Ideen weit vorne.

Mannebach ist ein Ort von mehr als 300 Einwohnern im Kreis Trier-Saarburg und einer, den Kommunalpolitiker im ganzen Land bewundern. Im Dorf steht eine Gesundheitshütte, in der Einwohner an Sportgeräten trainieren. Streikt das eigene Auto, steht ein Dorfmobil bereit. Nachbarn helfen, wenn Senioren in den Einkaufsladen oder zum Arzt müssen. Aloysius Söhngen vom rheinland-pfälzischen Städte- und Gemeindebund schwärmt von dem Modell. Und davon, wie sich Orte wie Mannebach für die Zukunft aufstellen. Wenn Schwarzmaler unken, Dörfer vergreisten und verwahrlosten, dann hält Söhngen mit solchen Beispielen dagegen. "Wer sich nur in seine Probleme vertieft, vergisst aber das Gestalten."

Forscher sieht neuen Trend

Das Leben auf dem Land und wie es zu retten ist, das war das große Thema bei der Jahresversammlung des rheinland-pfälzischen Gemeindebundes in Neu-Olm (Kreis Mainz-Bingen). Zukunftsforscher Matthias Horx warnt davor, die ländlichen Regionen aufzugeben, nur weil es junge Menschen stärker in die Städte zieht. "Auf jeden Trend folgt ein Gegentrend", sagt er. "Es gibt inzwischen Menschen in Großstädten, die Dörfer innerhalb ihrer Stadt bauen - als ganz eigenen Kiez." Der Forscher findet, es gebe eine Sehnsucht nach dem Land - und die sei auch nie verschwunden. Das könne Gemeinden hoffen lassen.

Horx sieht sie weiter gefordert, Ganztagsschulen zu schaffen, um berufstätigen Eltern Anreize zu bieten. Statistiken aus anderen Ländern zeigten, dass dann sogar die Geburtenrate steige. Zudem setzt er auf Migranten, die es nach Deutschland ziehe, auch aufs Land. "Deutschland stirbt nicht aus", sagt Horx. Die immer älter werdende Dorfgesellschaft empfindet er ebenfalls nicht als Problem, das ländliche Gegenden bremse. Im Gegenteil. Der Forscher sagt, jede neue Generation gewinne 7,2 Jahre an Lebensqualität, fühle sich so deutlich jünger und bringe sich mehr in das Dorfleben ein. "Wir müssen das Alter neu denken. Sitzen ist für viele Rentner das neue Rauchen." Söhngen erkennt den Trend schon jetzt. "Als die Flüchtlinge kamen, haben vor allem Frauen geholfen, die 60 Jahre und älter waren. Und in vielen Gemeinden gibt es Rentner, die sofort zum Werkzeug greifen, wenn eine Parkbank kaputt ist."

Hoffen auf die Millionen

Auf die Hilfe der Politik können die Städte und Gemeinden aber nicht verzichten, sagt Söhngen. Immerhin brauche es digitale Strukturen, ärztliche Versorgung und Sicherheit auf dem Land. Der Vorstand des kommunalen Spitzenverbands fordert das Land auf, gemeinsam mit den Kommunen ein Zukunftsprojekt 2025 zu entwickeln. Der neue Vorsitzende Ralph Spiegler (siehe Extra) sagt, die Rahmenbedingungen seien günstig wie nie. Etwa 250 Millionen Euro mehr pro Jahr stehen Rheinland-Pfalz ab 2020 laut Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) durch die Neuordnung der Bund-Länder-Finanzen zur Verfügung. Die Städte und Gemeinden gehen sogar von 393 Millionen Euro aus. Während die Landeschefin warnt, der Haushalt müsse weiter konsolidiert werden, pocht Spiegler auf Investitionen. "Nicht für politische Prestigeobjekte, sondern konsequent in die Zukunft der Städte und Gemeinden." Fragen wie die Integration, Sicherheit und Lebensqualität entschieden sich dort.

Geht es nach Matthias Horx, braucht es aber auch mehr mutige, provokative Bürgermeister, um dem Leben auf dem Land einen neuen Anstrich zu verleihen. Der 61-Jährige nennt Orte, die durch forsche Ideen wieder gewachsen seien. Wie ein italienisches Dorf, das fast ausgestorben war, ehe der Bürgermeister Flüchtlinge eingeladen habe, dort zu leben. Den Stadtchef von Tirana, der Häuser in allen bunten Farben anstreichen ließ, damit das Anlitz der albanischen Metropole nicht mehr so grau wirkt. Oder den Eifel-Ort Spessart, dem Wissenschaftler schon 1952 ein düsteres Ende prophezeiten, der nun angesichts von Arbeitsplätzen und Bepflanzungen aber wieder aufblühe. Horx fordert von den Gemeinden, sich neu zu erfinden: "Wir müssen intelligente Dörfer entwickeln."Extra

Die Mitglieder des rheinland-pfälzischen Städte- und Gemeindebundes haben Ralph Spiegler (SPD) aus der Verbandsgemeinde Nieder-Olm zum neuen Vorsitzenden gewählt. Der bisherige Amtsinhaber Aloysius Söhngen (CDU) aus der Verbandsgemeinde Prüm ist sein Stellvertreter. Beide wechseln im November 2018 wieder die Rollen innerhalb des kommunalen Spitzenverbands. flor