1. Region
  2. Rheinland-Pfalz

Als die Friedenstaube noch hoch flog – 40 Jahre AG Frieden in Trier

Friedensarbeit im Wandel : Als die Friedenstaube noch hoch flog – 40 Jahre AG Frieden in Trier

Seit 40 Jahren setzen sich engagierte Trierer für den Frieden ein. Ein Thema, das heute kaum noch jemanden zu interessieren scheint. Klaus Jensen, Gründer der AG Frieden, fordert, Abrüstung wieder in den Fokus zu rücken.

So mancher Aktivist bekommt beim Gedanken an die frühen 80er Jahre noch immer eine Gänsehaut. Mit gebastelten Papp-Raketen, düsteren Slogans und Hoffnung im Herzen reisten Menschen zu Beginn der 80er Jahre in Massen nach Bonn, um für den Frieden zu demonstrieren. Um zu verhindern, dass die Nato im Wettrüsten mit Russland in Westeuropa weitere Atomraketen aufbaut. Hunderttausende Deutsche gingen damals aus Furcht vor einem Atomkrieg auf die Straße.

Unter ihnen auch Klaus Jensen (68). Der spätere Mainzer Staatssekretär, Trierer Oberbürgermeister, Honorarkonsul Luxemburgs und Ehemann der rheinland-pfälzischen Ministerpräsidentin Malu Dreyer ist Gründer der Trierer Arbeitsgemeinschaft Frieden, die dieses Jahr ihren 40. Geburtstag feiert (obwohl sie genau genommen noch etwas älter ist). Schon mit 15 war Jensen in Sachen Frieden unterwegs. „Ich konnte nicht verstehen, wieso in Vietnam napalmverbrannte Kinder über die Straßen liefen“, sagt er. Als der Sozialplaner 1976 für seinen ersten Job nach Trier kam, musste er allerdings feststellen, dass es dort friedenspolitisch „nichts gab“. Also wurde er selbst aktiv. Aus seiner alten Heimat Duisburg kannte er die niederländische Tradition der Friedenswochen und führte diese auch an der Mosel ein. „Wir sind regelrecht überrollt worden. Die Resonanz war enorm“, sagt Jensen. Von den 6000 Teilnehmern zeigten 200 Interesse an einer kontinuierlichen Friedensarbeit und 40 waren schließlich dabei, als die Arbeitsgemeinschaft 1979 gegründet wurde. Damals lernte er auch seine erste, inzwischen verstorbene Frau kennen, die er am 10. September 1982 heiratete. Noch am gleichen Abend wurde das erste Trierer Friedenszentrum in der Palaststraße eröffnet.

Das Thema Krieg und Frieden berührte die Menschen damals. Viel stärker als Jensen erwartet hatte. Und viel stärker als es dies heute tut. Als es im Oktober 1981 darum ging, zur Friedensdemonstration nach Bonn zu fahren, ging Jensen das finanzielle Risiko ein, einen Bus zu mieten. Nicht wissend, ob er den den voll bekommen würde. „Wir sind am Ende mit zwölf Bussen gefahren“, erinnert er sich. Mehr seien nicht verfügbar gewesen.

Auch in der Region Trier gab es in den 80ern zahlreiche Demos. Gründungsmitglied Thomas Zuche (60) erinnert sich noch gut daran, wie er mit anderen Aktivisten und einem „Riesen-Transparent“ über die Airbase Spangdahlem lief, wie sie im Angesicht von Hunderten Polizisten die Zufahrt zur Airbase Bitburg blockierten oder wie 1986 im Hunsrückort Bell 200 000 Menschen friedlich gegen die Stationierung von Atomraketen in der Pydna protestierten.

Heute wird über das Thema Rüstung vor allem dann debattiert, wenn deutsche Waffen krumm schießen, Drohnen nicht fliegen oder Panzer unter ihrem eigenen Gewicht zusammenbrechen. Dann, wenn der US-Präsident erneut fordert, EU-Staaten müssten mehr Geld für Rüstung ausgeben. Oder, wenn der alte Kontinent mal wieder mit dem Gedanken einer eigenen Europa-Armee spielt.

„Die Aufmerksamkeit sollte heute genau so groß sein wie früher, das ist sie aber nicht“, sagt Markus Pflüger, der bei der AG seit 20 Jahren fest angestellter Referent für Friedensarbeit ist. Es sei schwieriger geworden, die Leute zu motivieren. Die einst so heißen Themen Abrüstung, Atomwaffen, Frieden spielen heute in der gesellschaftlichen Debatte keine bedeutende Rolle mehr. Ein großer Fehler sei das, finden die drei Vorreiter der Trierer Friedensbewegung. „Das Thema Krieg ist leider akut“, sagt Zuche. Krieg sei wieder Mittel der Politik. Das zeigen Syrien, die Krim, der Jemen, Irak, Afghanistan, das aktuelle Vorgehen der Türkei oder die Hunderttausenden Todesopfer, die solche bewaffneten Konflikte in den vergangenen Jahren zur Folge hatten.

„Wir müssen uns wieder dem Thema Abrüstung widmen“, fordert Jensen, denn „die Gefahr eines Atomkriegs ist stark erhöht“. Mit dieser Einschätzung sind die Trierer nicht alleine. Seit 1947 stellen Nuklearwissenschaftler und Nobelpreisträger eine „Weltuntergangsuhr“, die symbolisch verdeutlicht, wie nah die Menschheit der Vernichtung durch Atomwaffen oder Umweltgefahren ist. 1947 wurde die Uhr auf sieben Minuten vor 12 gestellt. Seit dem 23. Januar 2020 stehen die Zeiger auf 100 Sekunden vor Zwölf. Die Begründung: „Der Menschheit begegnen weiterhin zwei existenzielle Gefahren – zum einen der Atomkrieg, zum anderen der Klimawandel“. Ein neues Wettrüsten ist längst im Gange. Große Sorgen bereitet Jensen und seinen Mitstreitern, dass die Vorwarnzeiten für Atomschläge heute im Sekundenbereich liegen und es durch Fehlalarm zu einem „Atomkrieg aus Versehen“ kommen könnte. Aber auch der Klimawandel ist für sie ein bedeutendes Thema, weil er Ursache für Gewalt ist: im Kampf um knapper werdende Ressourcen wie Wasser und im Kampf um Lebensraum. Alarmierend finden sie auch die  Verrohung der Gesellschaft, die damit einhergehende Gewaltbereitschaft und den wiederaufflammenden Rassismus und Extremismus.

So gute Laune macht Friedensarbeit. Drei Vorstandsmitglieder der AG Frieden (v.l.: Richard Maxheim, Thomas Zuche und Klaus Jungen) überreichen Klaus Jensen 1982 seinen Arbeitsvertrag. Foto: AG Frieden/Klaus Jensen
Friedenstauben hoch über einer Demo. Trierer Aktivisten fordern, dem Thema Frieden und Abrüstung wieder viel mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Foto: picture alliance / dpa/Jens Wolf

Dass es die Arbeitsgemeinschaft heute – anders als viele andere – überhaupt noch gibt, führt Zuche auf den breiten Friedensbegriff zurück, den die Gründer  damals zum Leitbild machten. „Frieden ist mehr als die Abwesenheit von Krieg“, sagt Jensen. Auch gegen Not, Gewalt, Angst und Unfreiheit wollten die Aktivisten vorgehen. Nicht nur Abrüstung, auch fairer Handel, Menschenrechte, Flüchtlingshilfe, der Einsatz für die Demokratie oder die Erinnerung an die Verbrechen des Nazi-Regimes zählten zu ihren Themen – und bleiben auch in Zukunft wichtig.