Amerika entdeckt die Umweltagenda

Amerika entdeckt die Umweltagenda

Je näher sein Abschied vom Oval Office rückt, umso energischer engagiert sich Barack Obama für den Klimaschutz. 2009 gehörte er in Kopenhagen noch zu den Bremsern, 2015 in Paris könnte das anders sein.

Washington. Wer Fantasie hat, mag an Außerirdische denken, die in der Wüste gelandet sind. Wie die futuristischen Bauwerke einer fremden Zivilisation ragen sie aus dem Sand, die drei Türme des Sonnenwärmekraftwerks Ivanpah, im oberen Drittel so grell leuchtend wie überdimensionale Neonröhren.
Ringsum bündeln Zehntausende Spiegel das Sonnenlicht, um es auf die Türme zu lenken. Die so entstehende Hitze bringt Wasser zum Kochen, der Dampf treibt Turbinen an. Seit die Anlage im Februar 2014 in Betrieb genommen wurde, gehört sie zu den spektakulärsten Sehenswürdigkeiten der Wüste Mojave, zumal man sie leicht besichtigen kann. Sie liegt direkt an der Autobahn, die Los Angeles mit Las Vegas verbindet. Sonnenenergie in solchen Maßstäben zu nutzen, in Amerika galt es noch vor einem Jahrzehnt als schöne, gleichwohl zu teure Vision. Solarpaneele auf Einfamilienhausdächern, das ja. Es waren und sind Erkennungszeichen aufgeklärten Umweltbewusstseins, und an Ökofreunden herrscht ja kein Mangel in diesem facettenreichen Land, sei es im skandinavisch angehauchten Vermont oder in San Francisco, wo sich alles um die Zukunft dreht. Aber eine Solarindustrie?
Im Herbst 2008, als Barack Obama seine erste Wahl gewann, steckte sie nicht nur in den Kinderschuhen, die Turbulenzen der Finanzkrise drohten zunichte zu machen, was es an zarten Pflänzchen schon gab. Staatlich gefördert, das Ivanpah-Projekt etwa mit einem zinsgünstigen Milliardendarlehen, feiert die Branche trotz mancher Pannen ein imposantes Comeback. Im Nachhinein bestätigt sich, was Arnold Schwarzenegger sagte, als er noch Gouverneur Kaliforniens war. "Wenn wir in der Wüste Mojave keine Sonnenkraftwerke bauen können, dann weiß ich nicht, wo."
Wie immer man sonst über Obama urteilen mag, er wird als Präsident der alternativen Energien in die Chronik eingehen. Oder umgedreht, aus der Perspektive mancher Republikaner, als der Mann, der den "Krieg gegen die Kohle" führte. Im August hat er die US-Staaten angewiesen, die Kohlendioxidemissionen ihrer Kohlekraftwerke bis 2030, verglichen mit 2005, um 32 Prozent zu senken. Der Anteil erneuerbarer Energien an der Stromerzeugung soll sich im selben Zeitraum auf 28 Prozent verdoppeln. Obama will die Energiewirtschaft also zu einem Strukturwandel zwingen, wie er sich ohnehin schon angebahnt hat. Billiges Erdgas etwa hat die Kohle vielerorts abgelöst, von Alaska bis Florida sind es bereits 14 Staaten, die ihren Energiebedarf hauptsächlich durch Gas decken.
Obama, der Klima-Kapitän. Dabei hat er anfangs umweltpolitisch enttäuscht. Nachdem er im Wahlkampf allzu vollmundig versprochen hatte, den Anstieg der Ozeane zu stoppen, gehörte er 2009 auf der Klimakonferenz in Kopenhagen zu den Bremsern. Das könnte sich in Paris ändern. Innenpolitisch legt Obama keinen Wert mehr auf Konsens, im Gegenteil. Spätestens nach zwei Amtsjahren hatte er verstanden, dass seine Umweltagenda auf dem Papier bleibt, wenn er versucht, den kleinsten gemeinsamen Nenner mit den Republikanern zu finden. Die Klimagesetze, die er zu Beginn anstrebte, scheiterten 2010 im Parlament. Was folgte, war eine Ökopolitik mittels Direktiven, die umso ehrgeiziger ausfallen, je näher sein Abschied vom Weißen Haus rückt. Der dirigistische Ansatz hat den Nachteil, dass der 45. Präsident, falls es ein Republikaner wird, leicht wieder aushebeln kann, was die Nummer 44 verfügt hat. Nur würde er gegen klare Mehrheiten handeln. Es hat eine Weile gedauert, bis "Climate Change" auch jenseits der liberalen Küstenmetropolen als Problem akzeptiert wurde, doch nun scheint der Stimmungswandel vollzogen. Nach einer Umfrage des Pew-Instituts halten 74 Prozent der Amerikaner die Erderwärmung für eine ernste Herausforderung. Zwei Drittel sind der Meinung, dass der Mensch seine Lebensweise ändern muss, um die Folgen des Phänomens einzuschränken.Extra

Am Wochenende gingen in verschiedenen Städten Leute auf die Straße. Manche hatten sich für die Veranstaltungen etwas Lustiges einfallen lassen. Eine Topf-Pflanze auf dem Kopf zum Beispiel. Auch wenn es teilweise lustig aussah, den Leuten war es ernst. Sie wollten Politikern sagen: Tut mehr gegen die Klima-Veränderung! Experten sagen nämlich: Auf der Erde wird es an manchen Orten wärmer. Dadurch schmelzen Gletscher und der Meeresspiegel steigt. Darunter leiden viele Tiere und auch Menschen. Fachleute sind der Ansicht, dass vor allen Dingen die Menschen dafür verantwortlich sind. Autos und Fabriken etwa blasen Abgase in die Luft, die das Klima beeinflussen. dpa