Amerika vor Kehrtwende im Krieg gegen die Drogen

Amerika vor Kehrtwende im Krieg gegen die Drogen

Noch wehren sich die Hardliner, aber der Trend scheint unaufhaltsam: Immer mehr US-Bundesstaaten denken über eine Legalisierung von Marihuana nach. Der lange mit Härte geführte "Krieg gegen Drogen" gilt als verloren.

Washington. Wenn man so will, ist Bernard Noble der Kronzeuge dafür, was alles schiefgelaufen ist im "Krieg gegen Drogen". Nach dem Hurrikan Katrina hatte der Lastwagenfahrer seine überflutete Heimatstadt New Orleans verlassen, und als er vor drei Jahren wiederkam, um seinen Vater zu besuchen, hielt ihn eine Polizeistreife an. Noble wurde durchsucht, in seinen Taschen fanden die Ordnungshüter eine kleine Tüte mit Marihuana, weniger als drei Gramm, aber genug, um ihn anzuklagen. Weil Noble schon früher mit Rauschgift erwischt worden war, sollte er - nach den Statuten Louisianas die obligatorische Mindeststrafe - zu 13 Jahren Gefängnis verurteilt werden.
Der zuständige Richter hielt das Gesetz für so absurd, dass er es bei fünf Jahren Haft beließ. Worauf ein Staatsanwalt Einspruch einlegte und vorm Supreme Court des südlichen Bundesstaats recht bekam: Nur in ganz besonderen Ausnahmen, urteilte die höhere Instanz, dürfe ein Gericht von den Vorgaben abweichen. Und Bernard Noble, ein 47-jähriger Familienvater, galt nicht als solcher Ausnahmefall.
"The War on Drugs" - über vier Jahrzehnte lang gelobten amerikanische Präsidenten drakonische Härte, um des Rauschgiftkonsums Herr zu werden. Richard Nixon bezeichnete ihn als nationalen Notstand, Ronald Reagan als Gefahr für die nationale Sicherheit. 1988 versprach Reagan, bis 1995 ein drogenfreies Amerika zu schaffen, woraus bekanntlich nichts wurde.
Es war die Administration Bill Clintons, in der erstmals nachdenklichere Töne laut wurden. "Wenn ihr einen Krieg gegen Drogen führen wollt, setzt euch an euren Küchentisch und redet mit euren Kindern", empfahl Clintons Rauschgift-Zar, der General Barry McCaffrey. Längst hat sich der Stimmungswandel auch in den Meinungsumfragen niedergeschlagen. Plädierten 1991 nur 17 Prozent der US-Bürger für die Legalisierung von Cannabis, so ist es laut dem Gallup-Institut inzwischen eine Mehrheit von 58 Prozent.
In dem Rocky-Mountains-Staat Colorado dürfen die getrockneten Blüten und Blätter der Cannabispflanze seit dem Neujahrstag frei gehandelt werden. Wer mindestens 21 Jahre alt ist, kann bis zu einer Unze (28 Gramm) kaufen, ohne wie bisher einen medizinischen Zweck nachweisen zu müssen. Noch im Frühjahr wird der Pazifikstaat Washington ähnlich liberale Regeln einführen, in Kalifornien könnte es bald zu einem Referendum kommen, um zu entscheiden, ob der "Golden State" dem Trend folgt. Immerhin hatte der Bundesstaat 1996 den ersten Schritt zur Legalisierung von Marihuana getan, als er per Volksentscheid die medizinische Nutzung des Stoffs, vor allem als Schmerzmittel, erlaubte. 19 Bundesstaaten und der Hauptstadtbezirk District of Columbia halten es mittlerweile genauso, was freilich nichts daran ändert, dass etwa der Bibelgürtel des Südens nach wie vor auf unnachgiebige Härte setzt. Der Kulturkonflikt der USA, er prägt auch die Cannabis-Debatte. Das Rock-Magazin Rolling Stone bringt es wunderbar zugespitzt auf den Punkt. "Lässt du in Seattle ein Gramm ‚Sour Diesel‘ auf den Bürgersteig fallen, wird dir vielleicht ein Polizist helfen, es aufzulesen. Mach das in New Orleans, und dir drohen 20 Jahre Knast."
Den Reformen das Wort reden auch Amerikaner, von denen man es nicht unbedingt erwartet hatte. "Wir sollten Marihuana nicht anders behandeln als alkoholische Getränke", empfiehlt der Baptistenpfarrer Pat Robertson, einflussreicher Fernsehprediger der konservativen Rechten. George Shultz, einst Reagans Außenminister, räumt schnörkellos ein, dass der Krieg gegen Drogen, eingeschlossen die unzähligen Spezialeinsätze der Rauschgiftfahnder südlich des Rio Grande, "einfach nicht funktioniert". Shultz: "Er hat Drogen nicht ferngehalten von diesem Land."Extra

Pro Jahr werden in den Vereinigten Staaten rund 750 000 Menschen im Zusammenhang mit Cannabis verhaftet. Nach einer Studie der Bürgerrechtsliga ACLU geraten schwarze Amerikaner dabei fast viermal wahrscheinlicher ins Visier der Polizei, obwohl sie, so belegen es Durchschnittswerte, nicht mehr Marihuana konsumieren als weiße. fhe