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Amokfahrt in Trier: So lief der blitzschnelle Polizeieinsatz ab

Kriminalität : Minuten des Grauens – So lief der blitzschnelle Polizeieinsatz bei der Amokfahrt in Trier ab

Am 1. Dezember 2020 richtete ein Amokfahrer in Trier unsägliches Leid an. Die Polizei war erstaunlich schnell vor Ort. Wir haben den Ablauf der dramatischen Geschehnisse mit neuen Informationen rekonstruiert.

Viereinhalb Minuten hat die Amokfahrt in Trier gedauert. Dann stellte die Polizei den Mann, der vielen Familien unsägliches Leid zufügte.

Wie aber konnten die Beamten das überhaupt so schnell schaffen? Jacke vom Haken, Schlüssel packen, runterlaufen, einsteigen, losfahren ... das alles kostet Zeit. Und woher wussten die Polizisten überhaupt, wo sie den Täter finden würden? Anders als bei früheren Amokfahrten in anderen Städten hatte der Wagen den Tatort ja verlassen.

„Die Alarmierungsketten haben optimal funktioniert. Man muss aber auch ein klein bisschen Glück haben“, sagte Polizei-Pressesprecher Uwe Konz kurz nach der Tat. Glück der Ermittler war in diesem Fall, dass zwei Zivilstreifen gerade dienstlich in Trier Nord unterwegs waren, als um 13.47 Uhr der erste Notruf einging.

13.46 Uhr: Beginn der Amokfahrt in Trier

Kurz zuvor, um 13.46 Uhr war der damals 51-jährige Trierer mit seinem SUV von der Konstantinstraße in die Brotstraße eingebogen und hatte sein erstes Opfer, eine 73-jährige Frau, die mit ihrem Mann in der Einkaufsstraße unterwegs war, tödlich verletzt. Auch ihr 77-jähriger Ehemann wurde schwer verwundet. Er starb vor wenigen Wochen. Ob sein Tod auf die am 1. Dezember erlittenen Verletzungen zurückzuführen ist, wird noch untersucht.

Die Beamten brachen ihren Einsatz in Trier-Nord sofort ab, als der Notruf einging, gaben Gas und fuhren Richtung Porta Nigra. Auch bei der Kripo am Hauptbahnhof machte sich sofort eine Streife auf den Weg. Währenddessen setzte der 51-jährige Trierer seine Todesfahrt durch die Innenstadt fort und schlug dabei Zick-Zack-Linien als wolle er möglichst vielen Menschen Schaden zufügen.

Streifenwagen verfolgt das Auto des Täters

Verfolgt wurde der SUV des Täters laut Uwe Konz von einem Streifenwagen, der zufällig gerade in der Innenstadt unterwegs war. Wo genau die Streife die Verfolgung aufnahm, gab das Präsidium nicht preis. „Aber die Kollegen konnten nicht dranbleiben. Er fuhr zu schnell“, sagt Konz. Videoaufnahmen aus einem Imbiss zeigen, wie der Geländewagen vorbeiraste. Inzwischen weiß man, dass das Auto an dieser Stelle mit 81 Kilometern pro Stunde fuhr. Mit einer solchen Geschwindigkeit hätten die Polizisten ihm niemals folgen können, ohne selbst Menschen zu gefährden. Also fuhren sie vorsichtig durch die Fußgängerzone hinterher und gaben laut Präsidium per Funk durch, welche Route der Täter wählte.

Der Amokfahrer tötete einen 45-jährigen Vater und seine neun Wochen alte Tochter, er tötete eine 52-jährige Lehrerin und eine 25 Jahre alte Studentin. Dutzenden anderen fügte er schwere Verletzungen zu und großes seelisches Leid.

Kurz nachdem er die junge Frau in der Simeonstraße angefahren und getötet hatte, bog der 51-Jährige rechts in die Christophstraße ein und stoppte.

SUV hielt nach der Amokfahrt plötzlich an

Eine Fahrradfahrerin hörte es „scheppern und rumsen“ und sah den dunklen SUV an sich vorbeirasen. „Er bretterte bei Rot über die Ampel, bog in die Christoph­straße ab und hielt plötzlich an. Alles sehr merkwürdig“, erinnerte sich die Zeugin im Gerichtsprozess. Nachdem der Wagen stand, passierte zunächst nichts. Irgendwann sei dann die Fahrertüre aufgegangen, und der Mann habe sich noch während des Aussteigens eine Zigarette angezündet. „Dann ging er hinters Auto und lehnte sich gegen den Wagen.“

Als ihr ein anderer Zeuge sagte, dass er an der Front des Geländewagens „eine Handtasche mit Haaren dran“ gesehen habe, informierte die Frau die Polizei und gab so den entscheidenden Hinweis.

Was folgte, beschreiben Polizeibeamte, die vor dem Trierer Landgericht als Zeugen  gehört werden, als „surreale Szene“. Denn der Mann stand noch immer rauchend neben seinem Auto als die Beamten eintrafen. Mit einer stoischen Ruhe, „völlig unbeeindruckt“ von den aus allen Richtungen mit Sondersignal herbeibrausenden Polizeifahrzeugen. „Als würde er auf uns warten“, so beschrieb es eine junge Polizistin. Und ein Detail wird wohl keiner der anwesenden Beamten jemals vergessen können: Der Täter grinste. Voller Genugtuung. So beschrieb es dem Gericht ein junger Polizist, dem dieses Grinsen nicht mehr aus dem Kopf geht.

Festnahme durch die Polizei Trier

Mit gezogenen Pistolen forderten die Beamten den Tatverdächtigen  auf, sich auf den Boden zu legen. Doch nichts passierte. Gemeinsam überwältigten sie ihn schließlich mit einem sogenannten Armstreckhebel, so dass der 51-Jährige auf den Asphalt fiel. „Aua, ihr tut mir weh“, soll er dann gerufen haben.

 Auf dem Video eines Augenzeugen war zu sehen, wie drei Polizisten ihn vor der geöffneten Kofferraumklappe seines Autos auf den Boden drückten. Zwei weitere Männer sicherten den Zugriffsort ab. Ein uniformierter Polizist telefonierte über dem Täter kniend. Dann kam es zu hektischen Wortwechseln. „Ist das das Kennzeichen?“, rief der Uniformierte gegen die Martinshörner an. „Mach die Klappe runter!“, sagte er mehrmals zum Kollegen in Zivil. Der Mann schloss den Kofferraum. „Ja, das ist es“, sagte der uniformierte Polizist schließlich ins Telefon und wirkte erleichtert.

„Es ging darum, die letzte Sicherheit zu bekommen, dass es wirklich das Tatfahrzeug ist“, erklärte das Präsidium. Die Wahrscheinlichkeit war allerdings bereits vorher extrem hoch, da Motorhaube und Kotflügel des SUV deutliche Schäden zeigten.

Im SUV fand die Polizei scharfe Munition

Den Kofferraum zu schließen, hatte allerdings auch den Nebeneffekt, die vielen Beweismittel zu sichern, die sich im Auto befanden. Der Mann hatte zuletzt in seinem SUV gewohnt. Unter anderem entdeckte die Spurensicherung dort scharfe Munition. Eine geeignete Waffe fehlte allerdings.

Aber warum drückten die Beamten den Beschuldigten auf den Boden, statt ihn in Handschellen zu legen und in einen Streifenwagen zu setzen? Ein Sprecher des Polizeipräsidiums erklärte, der 51-jährige sei zu diesem Zeitpunkt bereits gefesselt gewesen: „Knien ist eine übliche Position, bis ein geeignetes Transportmittel vor Ort ist.“ Ein Transport im normalen Streifenwagen berge Risiken, weil ja jemand neben dem Täter sitzen müsse. Der mit Zellen ausgestattete Gefangenentransportwagen stand nicht zur Verfügung, sodass die Beamten auf ein anderes geeignetes Fahrzeug warteten. Mit diesem wurde der Amokfahrer dann zur Polizeiinspektion Trier in der Kürenzer Straße gebracht, wo man ihn in eine Zelle steckte.

Anklage nach der Amokfahrt in Trier

Zunächst war unklar, ob der alkoholisierte Mann – sein Atemalkoholgehalt lag bei 1,4 Promille – in eine geschlossene psychiatrische Anstalt kommen würde. Am Tag nach der Tat erließ der Richter jedoch Haftbefehl wegen fünffachen Mordes, Mordversuchs und gefährlicher Körperverletzung. Seitdem sitzt der Mann in Untersuchungshaft. Bisher hat er keine Aussagen gemacht, die erklären könnten, warum er sein Auto als Waffe nutzte, fünf oder sogar sechs Menschen tötete – darunter ein Baby – und zwei Dutzend weitere Menschen verletzte.

Um 13.51 Uhr beendeten die Polizisten mit ihrer Festnahme das grausige Geschehen. Nur viereinhalb Minuten, nachdem es begonnen hatte. Viereinhalb Minuten, die sich in das kollektive Gedächtnis der Trierer hineinbrennen, viereinhalb Minuten, die fassungslos machen und vor allem eines auslösten und noch immer auslösen: tiefe Trauer.