1. Region
  2. Rheinland-Pfalz

Amokfahrt und Cyberbunker: Trierer Justiz im Ausnahmezustand

Justiz : Amokfahrt und Cyberbunker: Jahr der Extreme vor Gericht

Eine schreckliche Bluttat und ein Bunker, über den Hunderttausende Cyberstraftaten begangen werden. Mitten in der Pandemie muss das Landgericht Trier zwei ebenso große wie außergewöhnliche Prozesse stemmen. Das Medieninteresse ist riesig und die Rahmenbedingungen könnten schwieriger kaum sein.

Was ist denn hier bei euch los?“,  fragt ein von weitem angereister Journalist eine Trierer Kollegin, während er sich in die lange Schlange einreiht, die sich vor dem Trierer Landgericht gebildet hat. Ein Gericht, das nur selten so sehr im Fokus der Öffentlichkeit stand, wie im Pandemiejahr 2021.

Gleich zwei ebenso große wie außergewöhnliche Prozesse lenken den Blick Deutschlands 2021 auf Trier: der Prozess um die Amokfahrt. Und das Verfahren um den Traben-Trarbacher Cyberbunker.

In Abgründe müssen Richter oft schauen. Nur selten jedoch sind sie so tief wie dieser. Die Bilder und Informationen, die das Landgericht bei der Beweisaufnahme im Amokfahrt-Prozess zusammenträgt,  sind schwer zu ertragen. Ein mutmaßlicher Täter, der mit einem SUV im Zick-Zack-Kurs Jagd auf Passanten macht, Menschen, die durch die Luft geschleudert werden, Schreie, Chaos. Nicht nur für diejenigen, die die Opfer vertreten. Für die ganze Stadt ist dies ein schmerzhaftes Verfahren.

Seit dem 19. August muss sich der Amokfahrer, der am 1. Dezember 2020 mindestens fünf Menschen tötete, viele weitere verletzte und der ganzen Stadtgemeinschaft tiefes Leid zufügte, für seine Taten verantworten. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm fünffachen Mord und vielfachen versuchten Mord vor. Ob auch der Tod eines sechsten Opfers direkte Folge der Amokfahrt war, wird noch geprüft. Bisher schwieg der 52-jährige Trierer, der nach Einschätzung eines Psychologen unter einer Psychose leidet. Vieles spricht inzwischen dafür, dass er die Tat schon länger geplant hatte. Drei Wochen vor der Amokfahrt soll der 52-Jährige zu einem Zeugen gesagt haben: „Wenn mir Trier weiter auf den Sack geht, ballere ich da durch und dann ist Feierabend.“ Von einer Bekannten verabschiedete er sich mit den Worten: „Ich komme jetzt in den Knast.“ Und eine Zeugin berichtete sogar, dass der Mann wenige Tage vor der Tat konkret einen Amoklauf angekündigt habe. „Dann habe ich ein Bett und Essen“, soll der 52-Jährige gesagt haben, der zuletzt arbeitslos war und in dem Tatfahrzeug lebte. Mit einem Urteil ist wohl frühestens im Frühjahr zu rechnen.

Doch nicht nur der Prozess hielt 2021 die Erinnerung an die Tat lebendig. Am Jahrestag, dem 1. Dezember, stand die Stadt ab 13.46 Uhr für vier Minuten still, während die Glocken läuteten in Gedenken an jene vier Minuten, die so viel Trauer über Trier gebracht hatten. Mit einem großen Gottesdienst und einer kleinen Steintafel an der Porta Nigra erinnerte die Stadt an die Opfer.

Eine lange Schlange und strenge Sicherheitsvorkehrungen gab es bis zum Urteil am 13. Dezember auch beim international beachteten und mit 79 Verhandlungstagen extrem langen Prozess um den Traben-Trarbacher Cyberbunker. Ein exzentrischer niederländischer Softwareentwickler hatte den Schutzbau 2013 vom Bund gekauft und dort ein Rechenzentrum eingerichtet, das damit warb, alles zu hosten außer Terrorismus und Kinderpornografie und das versprach, seine Kunden bei Bedarf auch vor polizeilicher Verfolgung zu schützen. Dementsprechend zwielichtig war denn auch die Kundschaft des Cyberbunkers. Mehrjährige Ermittlungen zeigten, dass der Bunker zahlreiche Darknet-Portale hostete, die in Hunderttausenden Fällen mit Drogen, Falsch­geld oder gestohlenen Daten handelten. Eine gezielte Beihilfe zu diesen Straftaten konnte man den Mitarbeitern des Cyberbunkers zwar nicht nachweisen. Verurteilt wurden sie dennoch: Nach Überzeugung des Gerichts hatten sie sich zu einer kriminellen Vereinigung zusammengeschlossen, die die Straftaten billigend in Kauf nahm. Das Geschäftsmodell des Cyberbunkers sei schließlich allen bekannt gewesen.

Inzwischen steht fest, dass der Bundesgerichtshof das Trierer Urteil auf Rechtsfehler überprüfen wird. Möglich also, dass das Landgericht den Fall mit seinen 10.000-seitigen Akten und mehr als 100 Zeugen irgendwann neu aufrollen muss.

Für das Gericht stellten beide Prozesse eine enorme logistische Herausforderung dar. Wegen der hohen Sicherheitsvorkehrungen mit Einlasskontrolle. Aber auch wegen der Corona-Pandemie. Der große Saal 70 wurde mit Plexiglaswänden und neuer Technik so umgebaut, dass die vielen Prozessbeteiligten dort gefahrlos zusammenkommen konnten.

 2021 war es Ziel vieler Journalisten: das Landgericht.
2021 war es Ziel vieler Journalisten: das Landgericht. Foto: TV/Katharina de Mos
 LLUSTRATION - Die beleuchtete Tastatur eines Laptops spiegelt sich im Bildschirm. (zu dpa «Cyberbunker-Prozess geht nach mehr als einem Jahr zu Ende») +++ dpa-Bildfunk +++
LLUSTRATION - Die beleuchtete Tastatur eines Laptops spiegelt sich im Bildschirm. (zu dpa «Cyberbunker-Prozess geht nach mehr als einem Jahr zu Ende») +++ dpa-Bildfunk +++ Foto: picture alliance/dpa/Silas Stein
  Fotos oben und unten: dpa
Fotos oben und unten: dpa Foto: picture alliance/dpa/Harald Tittel

Kritik gab es wegen der limitierten Presseplätze und erschwerter Arbeitsbedingungen von Seiten des Deutschen Journalistenverbands. Nicht zuletzt, weil Pressevertreter stundenlang in der Kälte Schlange stehen mussten in der Hoffnung, noch einen Platz zu bekommen, und  drinnen ihre Arbeit machen zu können.