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Andreas Berg schreibt in seinem neuen Roman über das Landjudentum in Rheinland-Pfalz

Literatur/Geschichte : Auf den Spuren (fast) vergessener Juden auf dem Land

Nicht nur in der Stadt – auch in Eifel und Hunsrück oder der Pfalz lebten Juden. Andreas Berg hat über das Landjudentum seinen Roman “Sommer 1934 oder wie der Führer mir meine erste Liebe ausspannte“ geschrieben.

Judentum. Da denkt man an Intellektuelle oder an Kaufleute, an prächtige Synagogen in den großen Städten. Man denkt an Stolpersteine und die vielen Menschen, die von Nazis ermordet wurden.

Bauern mit Ochsengespann, Handwerker, Feuerwehrleute oder Dorffeste sehen wohl die wenigsten vor ihrem inneren Auge, wenn sie an die von den Nazis zerstörte jüdische Kultur Deutschlands denken. Da ergeht es Andreas Berg anders.

Beruflich beschäftigt sich der SWR-Kulturredakteur und Filmautor seit Jahrzehnten mit der Geschichte des Landjudentums auf dem Gebiet des heutigen Rheinland-Pfalz. Er sprach mit Überlebenden und mit nicht-jüdischen Zeitzeugen. Er hörte Geschichten, die ihn zutiefst berührten. Geschichten, die zum Teil in seinen neuen Roman „Sommer 1934: oder wie der Führer mir meine erste Liebe ausspannte“ einflossen. Ein von der Landeszentrale für politische Bildung gefördertes Buch, das die Geschichte von Jakob erzählt, der nach 60 Jahren in die pfälzische Heimat seiner Großeltern zurückkehrt und von Erinnerungen an seine Jugendliebe und eine längst versunkene Welt überwältigt wird. Andreas Berg hat unserer Redakteurin Katharina de Mos vom jüdischen Dorfleben berichtet, von Schicksalen, die ihn berührten und von Zeitzeugen, die die Hunde auf ihn hetzten.

Herr Berg, Sie haben ein Buch über eine untergegangene, vergessene Kultur geschrieben: über Juden, die auf dem Gebiet des heutigen Rheinland-Pfalz auf dem Land lebten. Wie kamen Sie dazu?

ANDREAS BERG Als junger Fernsehjournalist wurde ich durch die Publikation eines Heimatforschers auf das Landjudentum in Rheinland-Pfalz aufmerksam. Völlig erstaunt stellte ich fest, in wie vielen Dörfern es vor dem Holocaust jüdische Gemeinden gegeben hatte. Es gab kleinere Orte, bei denen sich in einem Umkreis von nur gut 20 Kilometern drei Synagogen befanden. Ich begann intensiv zu recherchieren und drehte immer wieder Filme zu dem Thema. Die Schicksale und die Lebensgeschichten, aber auch die tiefe Heimatliebe vieler Überlebender, ließen mich nicht mehr los. Die musste ich auch literarisch aufarbeiten.

Kinder und Jugendliche waren auf dem Lande vollständig in das gesellschaftliche Leben integriert. Sie trieben Sport in den Vereinen, spielten Theater in Kulturvereinen oder machten Musik. Hier jüdische  und nicht-jüdische Jugendliche aus Kastellaun bei einem Ausflug an die Mosel.  Foto: TV/Forst-Mayer Studien- und Begegnungszentrum für das Landjudentum Laufersweiler/Familienarchiv Forst Israel/USA, aufgenommen 1932

Welche Geschichte hat Sie ganz besonders berührt?

BERG Da gibt es viele. Zum Beispiel die Geschichte von Eltern, die für den Heldentod ihres Sohnes im ersten Weltkrieg noch 1935 im Namen des Führers mit einem Elternkreuz und einer Urkunde ausgezeichnet wurden. Sie konnten sich deshalb nicht vorstellen, dass die Nationalsozialisten ihnen als deutschen Patrioten, deren Sohn für das Vaterland gefallen war, ernsthaft nach dem Leben trachten würden und haben sich in trügerischer Sicherheit gewähnt. Leider sind sie deshalb nicht rechtzeitig geflohen und wurden wenige Jahre später deportiert und in einem Konzentrationslager ermordet.

Familie Frank aus Kirchberg bei der Ernte. Foto: TV/Foto: Forst-Mayer Studien- und Begegnungszentrum für das Landjudentum Laufersweiler/Fotoarchiv

Warum legen Sie den Fokus so aufs Land?

BERG Weil das Landjudentum in der geschichtlichen und in der literarischen Aufarbeitung lange Zeit vernachlässigt wurde.

Wie kommt es überhaupt, dass man beim Judentum gleich an städtische Bildungsbürger denkt und nicht an Viehhändler?

BERG Das hat auch historische Gründe. Jeder noch so kleine jüdische Händler konnte lesen und schreiben. Die Karolinger haben Juden aus ganz Europa bewusst in ihre Städte geholt – als Konjunktur- und Bildungsprogramm. Auch der Bischof von Speyer siedelte 1082 eine jüdische Gemeinde an, um das Ansehen der Stadt zu vergrößern. Die jüdischen Gemeinden waren in den Städten größer als auf dem Land, die Sakralbauten prächtiger. Sie blieben in der Erinnerung stärker präsent. Verständlicherweise geriet dann auch bei der Aufarbeitung der jüdischen Geschichte zunächst einmal das städtische Judentum in den Fokus der Historiker. Dass aber selbst in den kleinsten Dörfern in der Eifel, an der Mosel oder in der Pfalz Synagogen zu finden waren, wissen eher nur Insider oder Hochbetagte, die in der Kindheit noch jüdische Nachbarn erlebt haben.

TZ-Verlag, 256 Seiten, ISBN: 3940456942, 11.89 Euro. Foto: TV/Andreas Berg

Und die jüdische Prominenz lebte ja sicher auch eher in der Stadt ...

BERG Ja. Bis heute leben Künstler, Intellektuelle und Wissenschaftler überwiegend in Metropolen. Das war früher nicht anders. Ein jüdischer Filmschaffender oder Maler aus Berlin oder Hamburg blieb einer breiten Öffentlichkeit stärker in Erinnerung als ein kleiner Viehhändler aus dem Hunsrück. Deshalb wird  das großstädtische Judentum bis heute viel stärker wahrgenommen als das Landjudentum.

Auf dem Dorf kennt jeder jeden. Konnte sich der von den Nazis propagierte Judenhass  in einem 100-Seelendorf in der Eifel oder der Pfalz überhaupt so durchsetzen wie in der Anonymität der Städte?

BERG Das lässt sich schwer eindeutig beantworten. Überlebende haben mir immer wieder davon berichtet, dass unter der Propaganda der Nazis die Stimmung plötzlich umschlug und vorher gute Nachbarn von einem auf den anderen Tag zu Feinden wurden. Es gibt allerdings auch rührende Gegenbeispiele, wie eine Geschichte, die in dem NS-Kampfblatt „Der Stürmer“ ihren Nachhall fand. In einem Hetzartikel wurden über 30 Nichtjuden aus der Nordwestpfalz als schlechte Deutsche verunglimpft und angeprangert, weil sie am Begräbnis einer jüdischen Landhändlerin in Odenbach am Glan teilgenommen haben. Der Artikel listet die Namen aller nichtjüdischen Teilnehmer der Beerdigung auf und erwähnt dabei erbost sogar die Länge der Wegstrecken. Mancher Kunde der Verstorbenen hat mehr als zwei Stunden Fußweg auf sich genommen, um ihr das letzte Geleit zu geben.

Was haben die Nürnberger Rassengesetze mit den Dorfgemeinschaften angerichtet?

BERG Plötzlich wurden die jüdischen Mitbürger aus den Sport- und Musikvereinen, die sie manchmal selbst mitgegründet hatten, ausgeschlossen. Auch die Mitglied­schaft im Gemeinderat oder in der Freiwilligen Feuerwehr war nicht mehr möglich. Eheschließungen und Liebesbeziehungen zwischen Juden und Nichtjuden wurden ab 1935 als Rassenschande gewertet und verboten. Was verständlicherweise viel Leid für die Betroffenen mit sich brachte, was ja auch Thema meines Buches ist.

In vielen Städten erinnern Stolpersteine an ermordete jüdische Mitbürger. Und auf dem Dorf?

BERG Ich kenne ganz viele Dörfer in Deutschland, in denen mit Stolpersteinen an die ehemaligen jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger erinnert wird.

Was gibt es Spannendes über das ländliche jüdische Leben in unserer Region Trier zu erzählen?

BERG Dass es zum Beispiel anerkannte jüdische Mundartdichter wie Sigmund Gumprich gab. Der Vater der Trierer Schriftstellerin Gerty Spies, nach der heute ein wichtiger Literaturpreis im Land benannt ist, dichtete in Moselfränkisch. Die Familie ist ein gutes Beispiel dafür, wie gut integriert die Juden früher in Deutschland waren. Ein Sohn der Familie fiel im Ersten Weltkrieg für das deutsche Vaterland. Aus dem Trierer Raum gibt es neben Gerty Spieß übrigens noch zwei weitere großartige, heute leider vergessene, Dichterinnen: Elise Haas und Gertrude Schloß.

Der Protagonist Ihres Buches ist ein jüdischer Maler aus England, der nach 60 Jahren in die Pfalz zurückkehrt und dort daran erinnert wird, wie die Rassengesetze seine Liebe zur Pfarrerstochter Christine zerstörten. Basiert diese Geschichte auf wahren Begebenheiten?

BERG Nicht explizit, aber ich kenne einige ähnliche Geschichten von Beziehungen zwischen jüdischen und christlichen Jugendlichen in der NS-Zeit. Mir sind sogar zwei Fälle vertraut, einer aus der eigenen Familie, in denen nach der Shoa und nach dem Zweiten Weltkrieg jüdisch-christliche Jugendfreundschaften in Eheschließungen mündeten. Immer wieder haben mir Shoa-Überlebende davon berichtet, wie krass gerade die Nürnberger Gesetze ihre Beziehungen und Freundschaften veränderten und beeinflussten. Plötzlich wurden Juden zu einer anderen Rasse erklärt, deren Blut sich nicht mit dem von nichtjüdischen Mitbürgern vermischen durfte. Um den Konflikt und das Leid meiner zwei Protagonisten Jakob und Christine zu beschreiben, deren gerade aufkeimende Liebe plötzlich durch absurde Gesetze bedroht ist, brauchte ich also meine Phantasie nicht überzustrapazieren.

 Wie haben Sie für Ihr Buch recherchiert?

BERG Im Rahmen meiner Recherchen habe ich mit einigen Shoa-Überlebenden gesprochen. Viele von ihnen haben nach Jahrzehnten zum ersten Mal ihre alte Heimat besucht. Ihre tiefe Heimatliebe und Verbundenheit zu den Orten ihrer Kindheit, allen schrecklichen Erlebnissen zum Trotz, haben mich sehr gerührt.

Und wie bereitwillig haben Ihnen die nicht-jüdischen Zeitzeugen Auskunft gegeben?

BERG Sie waren oft zu Auskünften bereit. Allerdings waren das Menschen, die sich bewusst mit der deutsch-jüdischen Geschichte ihres Ortes beschäftigt haben. Natürlich habe ich auch negative Erfahrungen gemacht. Als ich vor 30 Jahren einen ersten Filmbeitrag über das Landjudentum drehte, hat ein Hausbesitzer noch die Hunde auf mein Kamerateam und mich gehetzt. Er wollte nicht, dass die Öffentlichkeit erfährt, dass das von ihm als Scheune genutzte Gebäude früher einmal die Synagoge des Ortes war.

Auch einen Fall von seltsamer Geschichtsvergessenheit habe ich erlebt, der Eingang in meinen Roman gefunden hat. Wir drehten in einem kleinen jüdischen Dorfmuseum mit einem älteren Herrn, der sich dort ehrenamtlich engagierte. Er berichtete uns, dass er als Sohn eines Arbeitslosen früher von seinen jüdischen Nachbarn mit durchgefüttert wurde. Er sei auch zu allen Feiertagen eingeladen worden, weil es an diesen immer gut und reichlich zu essen gegeben hätte. Dabei hatte er hebräische Gesänge und Gebete mitbekommen, die er, ohne selbst Jude zu sein, auch nach Jahrzehnten noch in Erinnerung hatte. Er sang sie vor laufender Kamera mir und meinem Kamerateam vor, und wir waren alle sehr gerührt. Jahre später hörte ich von Shoa-Überlebenden aus dem Dorf, dass sie gar nicht gut auf diesen Herren, der inzwischen verstorben war, zu sprechen waren. Er hatte sich nämlich, als die Nazis aufkamen, seinen jüdischen Nachbarn gegenüber alles andere als dankbar gezeigt. Er hatte sich der neuen Bewegung angeschlossen und war zum glühenden Antisemiten geworden. Von dieser Wendung hatte er mir und meinem Kamerateam allerdings nichts erzählt.    

Sie sind selbst jüdischen Glaubens. Wie erleben Sie die jüdischen Gemeinden in Rheinland-Pfalz?

BERG Es sind sicher völlig andere Gemeinden als vor der NS-Zeit. Sie sind kleiner, auch gibt es heute kein Landjudentum mehr. Wie alle Religionsgemeinschaften hat auch das Judentum in Deutschland heute damit zu kämpfen, dass die Zahl der Gottesdienstbesucher nicht mehr so hoch ist wie früher oder dass die Menschen heute generell ihre Religion nicht mehr so streng praktizieren. Aber es ist ein kleines Wunder, dass es in Rheinland-Pfalz überhaupt noch jüdisches Leben gibt. Dies ist in erster Linie den Zuwanderern aus der ehemaligen Sowjetunion zu verdanken. Sie waren ein ganz großer Glücksfall für das jüdische Leben hier, sonst wären die meisten Gemeinden ausgestorben.

Ist das Buch auch als Zeichen gegen den wieder erstarkenden Rassismus und Antisemitismus gedacht?

BERG Wenn man sich mit der jüdischen Geschichte beschäftigt, berührt man leider zwangsläufig das Thema Antisemitismus. Insofern kann man durchaus auch meinen Roman als eine Warnung vor Rassismus und vor antisemitischen Tendenzen verstehen.

Aber dies war nicht der Hauptanlass, dieses Buch zu schreiben, sondern ich wollte dem untergegangen Landjudentum ein Denkmal setzen.