Angst vor Buhmann-Rolle

MAINZ. Viele Eltern haben zu oft keine klare Linie in ihrer Erziehung und gehen dann den Weg des geringsten Widerstands. Keineswegs zum Vorteil der Kinder. Elternkurse sollen nun die Erziehungskompetenz junger Väter und Mütter fördern.

Geht es um die Erziehung des Nachwuchses, fühlen sich viele Eltern alles andere als gut: Stattdessen herrscht Verunsicherung, fühlt man sich falsch verstanden oder gar überfordert. Doch Elternkompetenz ist prinzipiell lernbar, sagt Sabine Walper, Professorin an der Universität München und Mitglied des wissenschaftlichen Beirats für Familienfragen. "Konsequenz ist ein Schlüsselthema, wenn es um Fehler in der Erziehung geht", betont die Psychologin am Rande einer Fachtagung in Mainz im Gespräch mit dem TV. Anstelle möglichst konkreter Erziehungsziele bestimmt allerdings meist eine unklare Linie den Alltag. Dann wird oft der Weg des geringsten Widerstands gegangen, weil man eine gute Beziehung haben möchte und Eltern Angst vor der Rolle des Buhmanns haben, sagt Walper. Dabei ist aus ihrer Sicht Konfrontation nicht negativ: "Kinder brauchen Konfliktfähigkeit und nicht falsch verstandene Liebe." Eine gute Beziehung zwischen Eltern und Kindern umschreibt sie weniger mit "gut und nett", sondern mit "verlässlich und sicher". Respekt und Achtung gegenüber den Eltern vermitteln den Sprösslingen Sicherheit, weiß die Psychologin. Und eine sichere Bindung ermöglicht auch eine offene Auseinandersetzung mit dem oftmals fordernden Nachwuchs. Doch noch stellt sich die Frage nach einem Erziehungsnotstand, wenn laut Studien jedes zweite Elternpaar verunsichert ist, rund zehn Prozent der Kinder körperlich misshandelt werden und zwischen zehn und 20 Prozent psychische Störungen durch Erziehungsprobleme entwickeln. Auf rund 30 Milliarden Dollar werden in den USA die Folgekosten geschätzt. War das Familienklima früher von der Fixierung der Kinder auf die Eltern bestimmt, ist es heutzutage umgekehrt - und "um des lieben Friedens willen" hat die Nachgiebigkeit stark zugenommen. Erziehung funktioniert nicht ohne Beziehung, mahnt Walper. Eltern müssen wissen, was das Kind beschäftigt, und schon früh ihren Blick für seine Bedürfnisse trainieren. Verständnis, Selbstständigkeit und klare Grenzen setzen, sind für sie die Eckpfeiler, um die richtige Mischung aus Zuwendung und Kontrolle zu finden. Noch aber haben viele Eltern das Gefühl, in Erziehungsfragen "alles neu erfinden zu müssen". Die Konflikte nerven, weil die innere Sicherheit fehlt. Entschlossen und entspannt Standpunkte vertreten, rät Walper. "Kinder akzeptieren dann eher." Familienministerin Malu Dreyer (SPD) verspricht sich "alltagsnahe Unterstützung" durch ein neues Elternkursprogramm, das die Erziehungskompetenz junger Mütter und Väter fördern soll. Auf den Anfang kommt es an, propagiert die Ministerin, die auf frühzeitige Hilfe von der Erziehung bis zur Ernährung setzt. Bis Ende nächsten Jahres sollen mehr als 100 Kurse landesweit in allen Regionen über die Träger der Familienberatung angeboten werden.