Angst vor der eigenen Familie

Angst vor der eigenen Familie

Die Mutter des 22-Jährigen, der im Sommer seine vier Jahre jüngere Schwester aus falsch verstandener Familienehre fast erschlagen haben soll, bestätigte beim gestrigen Prozesstag vor dem Landgericht, dass ihr Sohn die damals 17-Jährige schwer misshandelt habe. Ihr Sohn ist wegen versuchten Totschlags angeklagt (der TV berichtete).

Trier. "Meine allergrößte Angst ist es, wieder nach Hause zu müssen." Wie groß muss die Verzweiflung einer 16-Jährigen sein, die einen solchen Satz in einem handschriftlich verfassten Brief an das Jugendamt schreibt? Nach Ansicht der Experten des Trierer Jugendamtes und von Betreuern des Mädchens, das vor 14 Jahren mit seinen Eltern und seinen Brüdern aus dem kriegsgeschüttelten Irak nach Trier kam, hatte es große Angst - Angst vor seinen Eltern, die es angeblich täglich geschlagen haben; Angst vor seinem großen Bruder; Angst, im Irak zwangsverheiratet zu werden. Die 16-Jährige sei wirklich in Gefahr gewesen, sagt eine Erzieherin einer Trierer Jugendhilfeeinrichtung, in der das Mädchen vor zwei Jahren Schutz suchte, als es von zu Hause auszog. Die 16-Jährige wollte den Realschulabschluss machen, wollte eine Ausbildung beginnen. "Sie hätte ihren Weg gemacht", sagt eine Jugendamts-Mitarbeiterin. Doch die Eltern hätten der Tochter Steine in den Weg gelegt, ihr notwendige Unterschriften für Schulanmeldungen oder Ausbildungsvertrag verweigert, sagt eine Jugendamts-Mitarbeiterin. Sie hätten sie regelrecht erpresst. Wenn sie wieder nach Hause komme, könne sie alles haben, sollen sie, oder besser: ihr großer Bruder, gesagt haben.

Beschützer der kleinen Schwester



Ihr vier Jahre älterer Bruder versteht sich als Wortführer der Familie, als Beschützer der kleinen Schwester. Man habe nie gedacht, dass ihr tatsächlich etwas angetan werden könnte, sagt die Jugendamts-Mitarbeiterin. Ein Irrtum. Im Mai vergangenen Jahres soll der Bruder seine Schwester und ihren Freund in der Stadt in die Enge getrieben, geschlagen, an den Haaren gezogen und mit dem Kopf brutal gegen die Hauswand eines Friseursalons geschlagen haben. Grund: Der Bruder sah durch den Auszug der Schwester die Ehre der Familie verletzt. Nur das beherzte Eingreifen des Friseurs verhinderte vermutlich Schlimmeres. Zwei Monate später kommt es dann zur Katastrophe. Vor dem Haus ihrer Eltern wird die Jugendliche von ihrem Bruder brutal niedergeschlagen. Mit einem Backstein soll er ihr auf den Kopf geschlagen, sie lebensgefährlich verletzt haben. Sie wollte an diesem Tag, zusammen mit der Betreuerin vom Jugendamt, eine Unterschrift der Mutter für den Antrag auf Ausbildungsförderung einholen. Als die Frau die Unterschrift verweigerte, soll die Betreuerin, offenbar ebenfalls vom Bruder geschlagen, mit einer Klage gedroht haben. Daraufhin sei ihr Sohn, der sonst nie aggressiv sei, "rot" angelaufen, sagt die Mutter. Dann habe er seine Schwester geschlagen, erst ein Nachbar habe ihn dazu bringen können, von ihr abzulassen. Trotzdem nimmt die heute 18-Jährige, die in der eigenen Wohnung lebt, ihren Bruder in Schutz: Er habe sie nicht mit einem Backstein geschlagen. Oberstaatsanwalt Ingo Hromada glaubt dem Opfer nicht: "Alles orientalische Märchen." Er will sie wegen Falschaussage anklagen.