Ansturm auf Charlie

Eine Woche nach dem Anschlag ist die französische Satirezeitung Charlie Hebdo wieder erschienen. Die ersten Exemplare waren sofort ausverkauft - doch insgesamt fünf Millionen Hefte sind geplant. In der neuen Ausgabe macht sich die Redaktion auch über die Attentäter lustig.

Paris. Manuel Valls gehörte zu den Glücklichen, die am Mittwochmorgen eine Ausgabe von Charlie Hebdo in den Händen hatten. Stolz hielt der französische Regierungschef nach der wöchentlichen Kabinettssitzung das grüne Titelblatt mit einer Karikatur des Propheten Mohammed in die Kameras. Wer die Satirezeitung nicht abonniert hatte, musste sehr früh aufstehen, um ein Exemplar der ersten Ausgabe nach dem Anschlag auf die Redaktion vor einer Woche zu bekommen. "Die Händler haben mich gar nicht ausreden lassen und gleich gesagt: ,Charlie Hebdo ist ausverkauft\'", berichtete ein Pariser, der um halb sieben mehrere Kioske aufsuchte und kein Heft mehr bekam. Gut drei Stunden später war die erste Auflage von 700 000 Exemplaren in ganz Frankreich nicht mehr zu haben.
Das Satireblatt ist nach dem Attentat, bei dem zwölf Menschen getötet wurden, seiner Linie treu geblieben. In der Ausgabe 1178 machen sich die Zeichner auch über die islamischen Extremisten lustig, die die Redaktion am 7. Januar mit Kalaschnikows angriffen.
"Terrorist - Beruf für Faulenzer"


Auf einer Karikatur des Zeichners Luz fragen die beiden vermummten Täter bei ihrer Ankunft im Paradies: "Wo sind die 70 Jungfrauen?" Aus einer Wolke kommt die Antwort: "Beim Team von Charlie Hebdo, ihr Loser!"
In dieselbe Kerbe schlägt der Karikaturist Riss, der bei dem Überfall an der rechten Schulter verletzt wurde und vom Krankenbett aus zulieferte. Auf seiner Zeichnung sitzt ein Charlie Hebdo-Journalist vor einem Stapel Papiere am Schreibtisch: "Zeichner bei Charlie Hebdo bedeutet 25 Jahre Arbeit", steht darüber. "Terrorist ist eine Arbeit von 25 Sekunden", lautet der Kommentar einer zweiten Zeichnung, in der ein vermummter Mann mehrere Menschen erschießt. "Terrorist - ein Beruf für Faulenzer und Nichtsnutze."
Bereits am Tag nach dem Anschlag hatte der Anwalt der Zeitung, Richard Malka, angekündigt, dass die Redaktion weitermachen werde. "Das ist eine Art zu zeigen, dass sie Charlie nicht getötet haben." Die Überlebenden trafen sich bereits am Freitag in den Räumen der Zeitung Libération, um die neue Ausgabe vorzubereiten, die nach und nach in einer Rekordauflage von fünf Millionen Exemplaren erscheinen soll. Am Montag, um 21.30 Uhr, stand dann das Titelblatt fest, das bereits in Ägypten und im Iran kritisiert wurde: ein weinender Mohammed mit dem Slogan der Solidaritätsbewegung "Ich bin Charlie" in der Hand. "Alles ist vergeben", steht darüber.
Die Redaktion freute sich über den Run auf das neue Heft, das sonst üblicherweise nur in einer Auflage von 60 000 Exemplaren erscheint. "Zuerst einmal Danke und bleibt ruhig: Wir werden nachdrucken", twitterte der Kolumnist Patrick Pelloux.
Komiker in Polizeigewahrsam


Viele Käufer gaben an, noch nie zuvor Charlie Hebdo gelesen zu haben. "Es ist eine Art republikanischer Kauf", bemerkte der Chef der Vertriebsgesellschaft MLP, Patrick André, im Fernsehen. Am Sonntag waren in ganz Frankreich fast vier Millionen Menschen zu einem republikanischen Marsch unter dem Motto "Ich bin Charlie" auf die Straße gegangen.
Der umstrittene Komiker Dieudonné M\'Bala M\'Bala hatte den Slogan der Solidaritätsbewegung noch am Abend verhöhnt und mit einem der Terroristen in Verbindung gebracht. "Heute Abend fühle ich mich wie Charlie Coulibaly", postete der mehrfach wegen antisemitischer Äußerungen verurteilte 48-Jährige auf Facebook. Am Mittwoch kam er in Polizeigewahrsam - wegen Verherrlichung des Terrorismus.
Amédy Coulibaly hatte am Freitag als selbst erklärter Verbündeter der Attentäter von Charlie Hebdo in einem koscheren Supermarkt in Paris vier Juden erschossen.Extra

Alle wollen Charlie: Menschen auf der ganzen Welt haben am Mittwoch gespannt auf eine Zeitschrift gewartet. Sie heißt Charlie Hebdo. Die Zeitschrift erschien zum ersten Mal wieder seit einem schlimmen Ereignis. Vor einer Woche waren die Mitarbeiter von Charlie Hebdo angegriffen worden. Dabei starben zwölf von ihnen - und sogar noch weitere Menschen. Die Zeitschrift spottet mit Zeichnungen über vieles - auch über die Religion Islam. Deshalb haben die Täter den Anschlag verübt. Schon nach wenigen Stunden war gestern in dem Land Frankreich die neue Ausgabe von Charlie Hebdo ausverkauft. Es sollen aber noch mehr Hefte gedruckt werden. Denn viele Menschen interessieren sich wegen des Anschlags jetzt besonders für die Zeitschrift. Im neuen Heft von Charlie Hebdo machen sich die Mitarbeiter mit Zeichnungen über die Angreifer lustig. So zeigen sie, dass sie mit ihrer Arbeit weitermachen und sich nicht einschüchtern lassen wollen. Auch in Deutschland wollen viele Menschen das neue Heft von Charlie Hebdo kaufen. Sie möchten so die Mitarbeiter der Zeitschrift unterstützen. dpaExtra

Ein türkisches Gericht hat die Sperre von Internetseiten angeordnet, die das Charlie Hebdo-Titelbild mit einer Mohammed-Karikatur zeigen. Die Entscheidung sei von einem Gericht in der südosttürkischen Stadt Diyarbakir getroffen worden, berichtete die Nachrichtenagentur Anadolu am Mittwoch. Die türkische Zeitung Cumhuriyet hatte am Mittwoch das Titelbild des Satiremagazins verkleinert abgebildet - allerdings nicht online, sondern nur in ´ihrer gedruckten Ausgabe. dpa