Arktis-Expedition der Solarstern: Scholle gefunden

Kostenpflichtiger Inhalt: Wissenschaft : Trierer treibt nun auf Eisscholle durch die Arktis

Die größte Polar-Expedition aller Zeiten hat eine Eisscholle gefunden, mit der das Forschungsschiff Richtung Nordpol treibt, während die Wissenschaftler Daten über eine Region sammeln, die das gesamte Weltklima beeinflusst. Risse im Eis und Polarbären sind nun tägliche Risiken.

(Mos) Nach langer Suche hat das Expeditionsschiff Polarstern, an dessen Bord sich auch der Trierer Umweltwissenschaftler Dr. Andreas Preußer befindet, eine Eisscholle gefunden, mit der es sich ein Jahr lang durch das Nordpolarmeer treiben lassen wird. Die Suche gestaltete sich trotz Satellitenerkundung und Hubschrauberflügen schwierig, weil die Wissenschaftler überwiegend stark geschmolzenes Eis vorfanden, das nicht stabil genug war, das Forschungscamp zu tragen. 16 Eisflächen wurden untersucht, ehe das Zuhause für die kommenden Monate im ewigen Winter entdeckt war: eine 2,5 mal 3,5 Kilometer messende Scholle, die laut Alfred-Wegener-Institut täglich bis zu zehn Kilometer zurücklegt. „Ob sie die Stabilität besitzt, die jetzt heraufziehenden Herbststürme zu überstehen, wird sich zeigen. Wir sind auf alle Szenarien vorbereitet“, sagt Expeditionsleiter Markus Rex.

Auf Radarbildern sticht die dunkle, leicht eiförmige Scholle laut Institut durch einen hellen, mehrere Meter dicken und stabilen Bereich im nördlichen Teil hervor, den die Wissenschaftler „Die Festung“ getauft haben. Die Forscher hoffen, dass ihr Camp dort sicher steht. Die dunklen Bereiche seien dagegen mit ihren überfrorenen Schmelztümpeln und dünnem, porösen Eis typisch für die „neue Arktis“.

Wer der Expedition auf Instagram und Twitter folgt, bekommt einen Eindruck davon, auf welch großes Abenteuer sich die Wissenschaftler einlassen, deren Ziel es ist, mehr über den Klimawandel zu erfahren. Das Eisbärenschutzteam hat reichlich zu tun: Eine Bärin und ihr Junges waren mehrfach zu Gast auf der Scholle und mussten mit Leuchtpistolen vertrieben werden. „Zu unserer eigenen Sicherheit und zur Sicherheit der Eisbären wollen wir nicht, dass sie sich daran gewöhnen, unsere Nachbarn zu sein“, schreibt eine Expeditionsteilnehmerin auf Instagram. Die Bären seien nicht verletzt worden und hätten das Gebiet sofort verlassen. Auf einem Foto sieht man, wie die Bärin sich an einen Flaggenmast lehnt, während ihr Junges sie beobachtet.

Vor wenigen Tagen öffnete sich zudem dort, wo die meteorologischen Messgeräte stehen, ein langer Riss im Eis – „ein grollendes Geräusch, der Boden hat sich bewegt“, so die Beschreibung eines Wissenschaftlers.Dann habe sich der Riss langsam geöffnet. Abends sei er fünf Zentimeter breit gewesen.

Weil die Gefahr besteht, dass Wissenschaftler bei -45 Grad in schneebedeckte Spalten oder Tümpel stürzen, hat jeder Teilnehmer einen großen Seesack voller Spezialkleidung bekommen, darunter auch ein schwimmfähiger Anzug, der selbst im eisigsten Wasser noch wärmt.

Fünf Forschungsschwerpunkte gibt es: die Physik des Meereises und der Schneeauflage, die Prozesse in der Atmosphäre sowie im Ozean, die biogeochemischen Kreisläufe und das Ökosystem der Arktis. Preußer gehört zum „Atmosphärenteam“. Mit einem Laserinstrument wird er Lichtstrahlen bis etwa tausend Meter hoch in die Atmosphäre schießen und so unter anderem Profile der Windgeschwindigkeiten erstellen. Ziel ist es, herauszufinden wie sich das Windgeschehen im Laufe eines Jahres entwickelt, wie sich Ereignisse im Meereis auf die Dynamik des Windes auswirken oder was beim Übergang von totaler Dunkelheit zum ersten Sonnenlicht in der unteren Atmosphäre passiert.

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