Auf der Suche nach dem Stammwähler

Mit scharfen Attacken auf den Berliner Koalitionspartner SPD ist die CSU in die "heiße Phase" des bayerischen Landtagswahlkampfs gestartet. CSU-Chef Erwin Huber bemüht verstärkt den Faktor Heimat.

Mamming. Im Festsaal des Landgasthofs "Apfelbeck" hängt der Himmel noch voller Geigen. Dazu ein paar Kunstgestecke, weiße Gartenzäune und überdimensionale Trauringe in Gold. Was man halt so unter der Decke befestigt, wenn in der tiefen, bayerischen Provinz Hochzeit gefeiert wird. Braut und Bräutigam fehlen jedoch an diesem Abend in Mamming, und richtig knistern will es auch nicht während der 45 Minuten, die CSU-Chef Erwin Huber spricht. "Es wird niemand gewinnen, der selber ein Fragezeichen ist", ruft Huber den 250 Parteigängern zu. Mit dem ganzen Körper wippt er dabei auf und ab, das tut er immer, wenn er das Gesagte etwas aufpeppen will.

Der Satz mit dem Fragezeichen ist so ein klassischer Huber-Satz: Dann rätselt das Publikum, was der kleine, so spitzbübisch wirkende und durchaus humorvolle Mann eigentlich sagen wollte. Und weil man viel Zeit zum Nachdenken hat bei Huber-Reden - "ja mei, Mexiko, Peking, Schanghai, es schaut alles irgendwie gleich aus" - bestellen sich die ersten ein neues Helles, konzentrieren sich auf ihr Schnitzel oder ihren Nachbarn. Das Festzelt ist beileibe nicht Hubers Spielwiese, er ist kein Strauß, kein Stoiber. Er hat andere Qualitäten. Neben vielen Pannen in diesem Landtagswahlkampf, parteiinternen Scharmützeln und fehlenden Themen hat die CSU aber nun mal ein kräftiges Stimmungsproblem.

Wer mobilisieren will, und die Christsozialen müssen für "50 plus X" noch kräftig mobilisieren, der muss auch einen Saal zum Kochen bringen, bis die Geigen unter der Decke wackeln. Der muss die Zuhörer nach Hause gehen lassen mit dem Gefühl: "Pack ma's". Jürgen Rüttgers ist so ein Kaliber. Der CDU-Ministerpräsident aus Nordrhein-Westfalen mischt kräftig im bayerischen Wahlkampf mit, anders als Wulff oder Koch. NRW und Bayern sind politische Alliierte, man arbeitet eng zusammen, auch Rüttgers setzt sich nur allzu gerne von der Berliner Merkel-CDU ab. In Mamming spricht er vor Huber - und manchmal wird es ganz still im Saal: "In diesem Land muss wieder mehr über Werte geredet werden", haucht er dem Publikum zu, "ich will keine multikulturelle Gesellschaft", ruft Rüttgers dann - und er geißelt die geplante "Wiedervereinigung von SPD und Linke zur sozialdemokratischen Einheitspartei". Lautstark und klar sind seine Sätze. Und sie lösen Beifallsstürme aus.

Das sind die Auftritte, die man in Bayern erwartet. Nur: Sie sind zu selten. "Wir haben's schwer, die Veranstaltungen voll zu bekommen", sagt ein 23-jähriger Student, der in der Landshuter Fußgängerzone Wahlkampf macht. Fast schon egal, welcher CSU-ler kommt, mitunter bleibt das Gedränge im Festzelt aus. Zwei Wochen noch bis zur Wahl, das ist nicht mehr lang. Keiner weiß das besser als Huber: Der "Kreuzzug" gegen die Linken, die Rückkehr zur alten Pendlerpauschale, alles Themen, die nicht wirklich verfangen haben, wie Wahlforscher behaupten. Erwin Huber rackert aber unermüdlich, vier Termine am Tag, er tingelt fast immer mit dem Wahlkampfbus von Dorf zu Dorf. Auf der Rückbank erzählt er, dass man inhaltlich nun keine Neuigkeiten mehr bringen werde. Es gehe nur noch um die Mobilisierung der Stammwähler. Schließlich habe die CSU ein Potenzial von 58 Prozent. Immer wieder versichert er, dass man eine "stabile absolute Mehrheit" erreichen werde. Von "Messlatte", wie Ministerpräsident Günter Beckstein, spricht er bewusst nicht. Das kann einen schnell den politischen Kopf kosten. Auch über den im Hintergrund lauernden Parteivize Horst Seehofer entfährt ihm kein schlechtes Wort - nur ein süffisantes Lächeln. Doch wie soll "50 plus X" gelingen? In Landshut spielt Huber seine Qualitäten und Stärken aus: Er befindet sich auf sicherem Boden, das merkt man, er sucht das direkte Gespräch, gelassen und zuhörend stellt er sich allem und jedem. Er appelliert an die Verbundenheit zur Heimat. Auf den letzten Metern will sich die CSU vor allem als Bewahrerin des bayerischen Lebensgefühls präsentieren, in der Hoffnung, damit auch den eigenen Mythos zu retten. Das ist die Marschrichtung. Warum im bayerischen Radio immer so viel Englisch zu hören sei, fragt auch prompt eine Rentnerin. Huber entgegnet: Er habe den Verantwortlichen schon gesagt: "Ihr müsst mehr deutsche Songs spielen." Songs also - es ist halt nicht einfach mit der Tradition.