Auf der Suche nach der verlorenen Jugend

Auf der Suche nach der verlorenen Jugend

Die Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache: Mit Ausnahme der Grünen verlieren auch in der Region Trier alle Parteien an Mitgliedern. Der Trend liegt weniger an den Austritten Unzufriedener als am mangelnden Nachwuchs.

Die 1970er waren goldene Jahre für die Parteien. Massenweise stellten Bürger Aufnahme-Anträge, bescherten vor allem CDU und SPD Rekordzahlen. Man ging in eine Partei, um die Welt zum Besseren zu verändern oder um das Gute zu bewahren. Je nach Weltanschauung und Herkunftsmilieu.
Wer heute in eine Partei geht, hat weniger Grundsätzliches im Kopf. Die Jungen wollten "konkret etwas bewirken oder von der Mitgliedschaft anderweitig profitieren", sagt der Politologe Tim Spier in einem "Zeit"-Interview. Und wenn junge Leute ein mögliches Engagement unter diesen Aspekten prüfen, dann fällt die Entscheidung offenbar selten zugunsten der Politik aus.
Bloß nicht anbiedern!
Alle Parteien beklagen diese Entwicklung, aber ein Patentrezept haben sie nicht. Auf die Frage, ob sie besondere Formen der Nachwuchs-Werbung anbieten, gibt es von den Partei-Geschäftsstellen der Region nur ausweichende Antworten. Dabei sind die Art der Ansprache und die Formen der Mitarbeit von großer Bedeutung, glaubt Soziologie-Professor Waldemar Vogelgesang von der Universität Trier. Seine Erkenntnis: "Die jüngere Generation will es kommunikativer, transparenter, schneller" - natürlich inklusive der neuen "social medias".Die gute alte Ortsvereins-Mitgliederversammlung mit Totenehrung und Kassenbericht entspricht da nicht mehr so recht dem Bedarf. Manch gestandener Funktionsträger versucht sich deshalb mehr schlecht als recht als Blogger, Facebooker und Twitterer - netter Versuch, aber meist ohne Erfolg. "Die Jungen haben ein gutes Gespür, was authentisch ist und was nicht", sagt Professor Vogelgesang.
Vielleicht ist das der Grund, warum manche Parteien auf ganz junges Führungspersonal setzen. Die neue SPD-Spitze in der Eifel bilden mit Nico Steinbach und Jens Jessen zwei Youngster von 29 und 33 Jahren, die grüne Bundestagskandidatin Corinna Rüffer ist 37, die frisch gebackene Vorstandssprecherin der Grünen in Trier, Sarah Jakobs, ist 21, ihr FDP-Kollege Tobias Schneider auch erst 27.
Thomas Neises, Herausforderer von Landrat Günther Schartz, ist mit 41 fast ein Jahrzehnt jünger als sein Widersacher. Der neue Vorstand der Trierer SPD um Sven Teuber bewegt sich im Juso-Alter, selbst Sozi-"Seniorin" Katarina Barley ist mit 43 als künftige Bundestagsabgeordnete noch jünger als der jüngste CDU-Grande Patrick Schnieder - von der alten Garde Bernhard Kaster (55) und Peter Bleser (60) nicht zu reden. Die Christdemokraten kämpfen damit, dass die dünn gesäten Polit-Talente oft aus beruflichen Gründen die Region verlassen müssen. Ein Phänomen, das einst auch die SPD kannte. Doch das hat sich umgedreht: Den Sozialdemokraten kommt inzwischen zugute, dass sie in Rheinland-Pfalz an den Fleischtöpfen sitzen. Die neue Führungsgarde in Trier und Trier-Saarburg ist fast komplett in Landesdiensten: Barley im Justizministerium, Markus Nöhl in der Staatskanzlei, Begona Hermann bei der SGD, Teuber im Referendariat. Da lässt sich im Schatten von Malu Dreyer bis zum hauptamtlichen Polit-Mandat ganz gut überwintern. Was nicht heißt, dass die Aspiranten beruflich keine gute Arbeit machen - aber wären sie in der Jungen Union, hätte wohl kaum einer seinen Job bekommen.
Auch Triers FDP-Chef Schneider verweist darauf, dass die "steigende Flexibilität, die am Arbeitsmarkt erwartet wird", es jungen Leuten immer schwerer mache, "sich für längere Zeit an eine Funktion zu binden". Sein Vorschlag an die Parteien: Formen der Mitwirkung zu finden, die nicht an Formalitäten hängen.
Doch in Deutschland fällt es den Parteien besonders schwer, Einfluss abzutreten. Während in anderen Ländern immer öfter auch interessierte Nichtmitglieder bei Entscheidungen über Inhalte und Personen mitreden dürfen, sind hierzulande entsprechende Versuche, etwa von SPD-Chef Siegmar Gabriel, kläglich am Widerstand in den eigenen Reihen gescheitert.
So droht die Befürchtung des Soziologen Professor Vogelgesang Realität zu werden: Ohne die richtigen Themen und die richtigen Kommunikationsformen würden die Parteien "Relikte einer in dieser Form veralteten repräsentativen Demokratie".
Meinung


Frische Ideen statt alten Gemauschels Von Dieter Lintz Die Parteien wirken bei der politischen Willensbildung des Volkes mit. So steht es im Artikel 21 des Grundgesetzes. Das bedeutet weder ein Monopol, allein über politische Fragen zu entscheiden, noch begründet es das Recht, sich den gesamten Staatsapparat anzueignen.
Parteien und die Politiker, die sie repräsentieren, müssen sich ihre Rolle immer wieder neu verdienen. Ihr Gewicht steht und fällt mit dem Vertrauen, das die Bürger in sie setzen. Was passiert, wenn die Menschen dieses Vertrauen dauerhaft verlieren, kann man dieser Tage in Italien beobachten. Noch ist es in Deutschland nicht so weit. Aber der Vertrauensvorschuss, der sich zwischen den Bürgern und den Parteien in der Bonner Republik über Jahrzehnte aufgebaut hat, ist ziemlich aufgebraucht. Wenn sich das ändern soll, müssen die Parteien neue Formen finden, vor allem jüngere Menschen für ihre Arbeit zu interessieren. Da sitzen sie in einem Boot mit Vereinen, Kirchen, Organisationen. Wer immer nur im alten Trott arbeitet, den bestraft das Leben.Neue, unverbrauchte Gesichter, frische Ideen, weniger Funktionärstum, mehr konkrete Projekte: Das wären die richtigen Ansätze. Offene Kommunikationsformen, Beteiligung an Entscheidungen: Es gibt viele Möglichkeiten. Aber das bedeutet auch die Abkehr von dem wohligen Postengeschiebe unter Parteifreunden, vom Ausmauscheln politischer Entscheidungen, vom Ausrichten aller Prinzipien nach den Chancen für die nächste Wahl. Das dürfte für die meisten Parteien noch ein langer Weg werden. d.lintz@volksfreund.deZahlen und Fakten aus der Region


Die Parteien sind unterschiedlich freigiebig mit Informationen zur Mitgliederentwicklung.Die CDU konstatiert von Anfang 2010 bis Ende 2012 den Verlust von rund 400 Mitgliedern im alten Regierungsbezirk Trier - macht minus sechs Prozent. Geschrumpft ist man in allen Altersgruppen, außer bei den Mitgliedern über 70 Jahren, deren Anzahl ist gewachsen. Das Durchschnittsalter der knapp 7000 Mitglieder liegt bei knapp 59 Jahren.
Die SPD bilanziert, ohne Zahlen zu nennen, einen "Mitgliederverlust, bedingt durch Todesfälle und Austritte, denen Neueintritte in ausreichendem Umfang nicht gegenüberstehen". Wachstum gegen den Trend verzeichnen dagegen die Grünen. In Trier und Trier-Saarburg steigen die Zahlen kontinuierlich seit 2007, in der Eifel haben sie sich seit 2008 sogar verdoppelt, allerdings auf bescheidenem Niveau - von 37 auf 73. Das Durchschnittsalter liegt bei 48 Jahren.
Die FDP meldet für die Stadt Trier "relativ stabile Mitgliederzahlen" von 90 bis 100. Aus dem Umland liegen keine Zahlen vor. DiL

Mehr von Volksfreund