Aus der Betroffenheit wächst Kampfeswille

Nach dem Schock um Kurt Becks Rücktritt als SPD-Bundeschef blicken die Genossen im Land nach vorn und geben sich kämpferisch. Die Rheinland-Pfalz-SPD steht, heißt die Parole, um alle Zweifel auszuräumen.

Mainz. Das Bild hat Symbolik: Im Gästehaus der Landesregierung versammeln sich am Montagmorgen die Partei- und Fraktionsspitze der Landes-SPD sowie die geballte Ministerriege, um nach Becks überraschendem Abgang aus Berlin zu beraten, und auf der Zufahrt zur herrschaftlichen Villa fährt die Kehrmaschine der Mainzer Entsorgungsbetriebe, als gelte es, Scherben aufzukehren. Bereits unmittelbar nach dem "Berliner Knall", wie es einer von Becks Kampfgefährten umschreibt, hatten sich die Genossen im Land überrascht, betroffen, teilweise auch erleichtert gezeigt, aber sich auch geschlossen hinter ihren Vormann gestellt.

Am drastischsten hatte wieder einmal SPD-Landtagspräsident Joachim Mertes seine Meinung zum Umgang in der Bundeshauptstadt mit Kurt Beck formuliert: "Ich kann gar nicht so viel fressen, wie ich kotzen möchte angesichts dieser Berliner Politgeisterbahn."

Im Gästehaus ging es weniger drastisch zu, während drei lange Stunden über Rücktritt, Emotionen und Folgen für die rheinland-pfälzische Bühne geredet wurde. Je länger das Krisentreffen dauerte, umso häufiger kamen bei den wartenden Journalisten Zweifel auf, ob im Land tatsächlich alles weiterlaufen werde wie gehabt. Wortlos rollten die Ministerkarrossen nach dem Treffen vorbei, bevor SPD-Fraktionschef Jochen Hartloff wissen ließ, dass die SPD in Rheinland-Pfalz mit Kurt Beck durchstarten werde und sich viele noch wundern würden.

Die SPD stehe geschlossen hinter Beck, der sich einer "warmen und großen Solidarität" habe erfreuen können, versicherte Generalsekretärin Heike Raab. Große persönliche Betroffenheit über den Rücktritt hat demnach in der Krisenrunde geherrscht. Spekulationen um einen möglichen Rückzug auch vom Regierungs- oder Parteiamt in Land wies Raab zurück. "Wir mussten Kurt Beck nicht überzeugen weiterzumachen, dass war von Anfang an klar", so die Generalsekretärin.

Während sie nicht glaubt, dass Beck politisch beschädigt ist, räumen andere Abgeordnete zumindest ein, dass er Vertrauen zurückgewinnen müsse. Mit Spannung darf der Landesparteitag am kommenden Samstag in Mainz erwartet werden, der bei der Vorsitzendenwahl nicht nur zum Stimmungstest, sondern auch zum Solidaritäts-Barometer für Beck werden dürfte. Bei der letzten Wahl standen 97,8 Prozent zu Buche. Für einige Genossen in der Führungsriege steht fest: "Beck kommt politisch zurück". Bei der Spitzenkandidatur 2011 werde an ihm kein Weg vorbeiführen. "Beck ist Ministerpräsident auf Abruf", hält zumindest der Trierer CDU-Bundestagsabgeordnete Bernhard Kaster dagegen.

Meinung

Nichts ist mehr wie früher

Wieder zuhause: Dieses Gefühl haben die Mainzer Genossen ihrem Vormann vermittelt. Nichts anderes war zu erwarten von Becks politischer Heimat, die er in inzwischen mehr als 14 Jahren auf sich zugeschnitten hat, in der er unangefochten regiert. Beck wird die Solidarität genossen haben. Doch ihm dürfte oder müsste gleichzeitig klar sein, dass nach seinem verlustreichen Kampf an der Spitze der Bundespartei auch "zuhause" nicht mehr alles so ist, wie es einmal war. Beck kehrt als Verlierer zurück. Auch wenn ihn vielleicht viel Verständnis angesichts der oft undurchschaubaren Berliner Machtspiele begleitet, wird es ihn eine Menge Einsatz kosten, Bürgern und Wählern zu zeigen, dass er zu alter Stärke und Überzeugungskraft wiederfinden und gewachsene Vorbehalte ausräumen kann. Selbst in seiner Partei dürften nach einer Welle der Solidarität aber Worte und Taten des Landesvorsitzenden nicht mehr wie bislang als unangreifbar gelten. Und so mancher wird sich dann auch trauen, dies öffentlich zu sagen. Doch Beck wird auch gleichzeitig auf absehbare Zeit die unangefochtene Nummer eins der Landes-SPD bleiben. Zumindest hier gilt er als Garant für den Wahlsieg. j.winkler@volksfreund.de