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Aus der Eifel freiwillig in den Krieg gegen den IS: 30-Jähriger hat in Syrien gegen die Terrormiliz gekämpft

Aus der Eifel freiwillig in den Krieg gegen den IS: 30-Jähriger hat in Syrien gegen die Terrormiliz gekämpft

Im November 2014 beschließt Christian Haller, seine bürgerliche Existenz in der Eifel aufzugeben, um in Syrien für kurdische Milizen gegen die Terrorgruppe IS zu kämpfen. Mittlerweile ist der 30-Jährige nach Deutschland zurückgekehrt. Der Preis, den er für seinen Kampf gezahlt hat, ist hoch.

Die schweren DschK-Maschinengewehre auf den Trucks brüllen und schleudern ihre Explosivgeschosse durch die Nacht. Das Pfeifen von einschlagenden Raketen überdeckt die "Allahu Akbar"-(Gott ist groß)-Rufe der Angreifer. Wenn Christian Haller von Momenten wie diesen berichtet, ist er ruhig und distanziert. "Der Körper verfällt in einen einzigen Adrenalinrausch, der Kopf schaltet auf Autopilot." Haller greift zu seinem Gewehr, einem AK-47, schießt, geht in Deckung, schießt erneut. Seltsam verzerrt, in einer Art Zeitlupenmodus sieht er die Kämpfer der Terrorgruppe IS (Islamischer Staat) gegen seine Stellung anrennen, sieht, wie sie von Kugeln gestoppt werden und zu Boden stürzen.

Bei dem Gefecht um das nordsyrische Dorf Tel Hansir (etwa 25 Kilometer von der Stadt Serê Kaniyê entfernt) kämpft Haller, der eigentlich anders heißt, bereits mehrere Monate als Freiwilliger auf der Seite der kurdischen Milizen in Syrien, der YPG. Dabei ist er nach eigener Aussage kein Militärfreak oder stumpfer Patriot. Nach der Schule sei er nicht zur Bundeswehr gegangen, sondern habe Zivildienst geleistet. Allerdings hätten ihn die Massaker des IS an der christlichen Minderheit der Jesiden irgendwann nicht mehr zur Ruhe kommen lassen. "Ich musste doch irgendetwas tun, gegen all die Vergewaltigungen, enthaupteten Menschen, gegen dieses unfassbare Leid."

Hinzu komme seine unbändige Lust am Abenteuer. Die habe er bereits während seiner Schulzeit gehabt. Als er im Fernsehen einen Bericht über einen niederländischen Motorrad-Club entdeckt, der die kurdischen Milizen in Syrien unterstützt, sieht er deshalb eine Chance, aus seiner Routine auszubrechen. Er beschließt Kontakt mit einer Organisation aufzunehmen, die ausländische Freiwillige als Kämpfer gegen den IS rekrutiert. "Denn der Islamische Staat ist ein Parasit, der sich immer weiter ausbreitet."

An einem tristen, grauen Novembertag im Jahr 2014 ist es dann so weit: Haller zieht in den Krieg. Der 30-Jährige hat alles schon Monate im Voraus geplant. Seinen Job als Leiter einer kleinen Sportanlage in der Eifel hat er bereits im Oktober gekündigt und das Flugticket in den Nordirak ist schon lange gebucht. Nur seiner Freundin hat er nichts von seinem Entschluss mitgeteilt.

Vor seinem Abflug aus München schreibt er ihr einen Abschiedsbrief, in dem er um Verständnis bittet, aber keine Angaben dazu macht, wohin er geht oder wie lange er wegbleiben will. Erst Wochen später wird er sich wieder bei seinen Angehörigen melden. Als diese erfahren, dass er in Syrien kämpft, kommt es zum Bruch. Nur noch zu seinem älteren Bruder habe er Kontakt. Seine Ex-Freundin und der Rest seiner Familie konnten ihm nicht verzeihen, dass er einfach ohne Vorankündigung verschwunden sei. "Wenn man für eine Sache kämpft, dann muss man auch Opfer bringen. Dieser Bruch macht mich unendlich traurig, aber ich bin bereit, den Preis zu zahlen."

Seit Juni ist Haller zurück in Deutschland. Seine Erfahrungen in Syrien hat er in einem Buch (siehe Extra) verarbeitet. Es heißt "Sie nannten mich Held". Abgeleitet ist das von seinem kurdischen Kampfnamen Agit (Held). Dabei ist das Quatsch, findet Haller. "Der Krieg macht einen nicht zum Helden. Es gibt nur Verlierer."

Wenn er über seine Kriegserfahrungen spricht, bilanziert der 30-Jährige als ob diese Zeit schon Jahre zurückliegen würde. "Die Gefechte haben mich nicht traumatisiert, schließlich bin ich dorthin gegangen um zu kämpfen." Er habe gesehen, wie einige Kameraden gestorben seien oder schwer verletzt wurden. Dadurch bekomme man automatisch ein anderes Verhältnis zum Tod. "Allerdings wundere ich mich selbst, dass ich so gut schlafen kann."

Den größten Teil seiner Zeit in Syrien habe er allerdings mit Warten zugebracht, in Lagern oder kleinen Camps. Dort gab es zumeist kein fließendes Wasser und keine Zahnpasta - und nur verdreckte Toiletten. Obwohl 95 Prozent der Kämpfer in Ordnung seien, gebe es bei ausländischen Freiwilligen etliche lebensmüde Selbstdarsteller. Die hätten die meiste Zeit Fotos von sich in Kampfmontur gemacht, die sie dann in sozialen Netzwerken veröffentlicht hätten.

"Die wenigsten Ausländer, die für die YPG kämpfen, halten es dort länger als zwei Monate aus." Andere sterben im Gefecht, wie etwa die Duisburgerin Ivana H.. Haller kannte die 19-jährige Deutsche, die sich den kurdischen Frauenverteidigungseinheiten angeschlossen hatte. Haller überlebte am Ende alle Gefechte und blieb mehr als sieben Monate.

Dennoch gibt es auch Augenblicke, an die der 30-Jährige gern zurückdenkt: An die Dankbarkeit und Freundlichkeit der Menschen in den von der YPG kontrollierten Gebieten. An das gemeinsame Singen kurdischer Lieder am abendlichen Lagerfeuer oder das Gefühl gleichzeitig unendlich müde und doch ganz leicht zu sein, wie "man es nur haben kann, wenn man eine anstrengende Nachtwache ohne Schaden überstanden hat".

Zurück in Deutschland ist Haller ein Getriebener. Viele seiner sozialen Kontakte hat er nach seiner Zeit in Syrien verloren, ebenso wie seinen Besitz, seinen Hund, seinen Job. "Ich bedauere, was ich verloren habe, meine Entscheidungen bereue ich aber nicht." Seinen Namen will er nicht nennen, um seine Familie nicht zu gefährden und auch "weil ich nicht als Youtube-Video enden möchte". Immerhin habe der IS auf ausländische Kämpfer der Gegenseite ein Kopfgeld ausgesetzt.

An seinem neuen Wohnort will Haller nun sein Leben wieder in geordnetere Bahnen lenken und von vorn anfangen. Mit einem Teil der Einnahmen aus seinem Buch möchte er zurück nach Syrien reisen, um dort persönlich Kleidung zu verteilen. Wieder zur Waffe zu greifen, schließt Haller aber aus. "Meinen Beitrag habe ich bereits geleistet. Das Kapitel ist für mich abgeschlossen."Extra: Das Buch

Buch: "Sie nannten mich Held"Autor: Christian Haller
Verlag: Riva
Seiten: 198
Preis: 17,99 EuroExtra Kurdische Volksschutzeinheiten

Die kurdischen Volksschutzeinheiten (kurdisch Yekîneyên Parastina Gel, Kürzel YPG) im Norden Syriens sind eng mit der PKK verbunden. Sie haben sich zum erbitterten Gegner des IS entwickelt und sind in Syrien der wichtigste Partner des von den USA geführten Bündnisses gegen den IS. Mittlerweile beherrscht die YPG die größten Teile der Grenze zur Türkei. Dort haben die Kurden in drei Kantonen Selbstverwaltungen errichtet. Das stößt auf Unwillen der Türkei, die einen Kurdenstaat an ihrer Grenze verhindern will.
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Christian Haller in Kampfmontur in Nordsyrien. Foto: privat

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