"Aus Rivalität ist Aufgeschlossenheit geworden" - Bundestagspräsident Lammert bilanziert im TV-Interview die Entwicklung der deutsch-französischen Freundschaft

"Aus Rivalität ist Aufgeschlossenheit geworden" - Bundestagspräsident Lammert bilanziert im TV-Interview die Entwicklung der deutsch-französischen Freundschaft

Etwas nervös sei er schon, gibt Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) gegenüber unserem Korrespondenten Werner Kolhoff zu. Denn am Dienstag ist er im Berliner Reichstagsgebäude Gastgeber einer Mammut-Feier mit 577 Abgeordneten der französischen Nationalversammlung und 620 des Bundestages. Außerdem kommen beide Regierungen. Die deutsch-französische Freundschaft wird 50 Jahre alt.

Berlin. Im Interview nimmt Bundestagspräsident Norbert Lammert auch zu aktuellen Nachbarschaftsproblemen Stellung.
Im Elysée-Vertrag von 1963 wird die deutsch-französische Versöhnung als geschichtliches Ereignis bezeichnet. Gibt es heute noch ein Bewusstsein dafür in beiden Völkern?
Norbert Lammert: Eher nicht. Gerade wir Deutschen haben ja eine besondere Begabung dafür, etwas, was man lange für völlig ausgeschlossen gehalten hat, hinterher umso schneller für selbstverständlich zu nehmen. Man nehme nur die Wiedervereinigung unseres Landes. Das gilt wohl auch für das deutsch-französische Verhältnis. Aber man muss damit nüchtern umgehen. Die meisten Menschen haben eben - zum Glück - nie andere Verhältnisse kennen gelernt als die, unter denen wir heute leben.

Die Veranstaltungen am Dienstag sind eine Großveranstaltung der politischen Eliten beider Länder. Kann so etwas die deutsch-französischen Beziehungen wieder beleben?
Lammert: Jedenfalls trägt dieser Tag dazu bei, eine Errungenschaft wieder ins öffentliche Bewusstsein zu heben, die nicht mehr das Alltagsbewusstsein prägt, weil sie Normalität geworden ist. Ohne den Aussöhnungsprozess zwischen Deutschland und Frankreich hätte es die europäische Entwicklung so nicht geben können, auch nicht die deutsche Einigung. Wie nachhaltig die Initialzündung einer solchen Veranstaltung wirkt, wird man sehen. Bestandteil der Erklärung, die wir am Dienstag gemeinsam beschließen werden, sind deshalb auch konkrete Schritte zur weiteren Vertiefung der Zusammenarbeit. Nicht zuletzt der jungen Generation über das deutsch-französische Jugendwerk.

Junge Deutsche gehen für ein Auslandsjahr lieber in die USA oder nach Großbritannien. Und die Nachfrage nach Französisch-Unterricht sinkt hierzulande, ebenso wie die nach Deutsch in Frankreich ...
Lammert: In den Grenzregionen ist das Interesse für die jeweils andere Landessprache durchaus hoch. Aber es hat sich nun einmal überall in Europa Englisch als die wichtigste Fremdsprache durchgesetzt.

Ist es überhaupt richtig, dass die deutsch-französische Freundschaft in Zeiten offener Grenzen in Europa immer noch so überhöht wird? Deutschland hat neun Nachbarländer ...
Lammert: Eine Überhöhung wäre in der Tat falsch. Dass es aber in Europa ohne eine verlässliche Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Frankreich keinen Fortschritt gibt, davon kann man sich jede zweite Woche bei beliebigen europäischen Verhandlungsgegenständen überzeugen.

Manchmal hat man den Eindruck, dass das Geld die Völker Europas wieder auseinandertreibt, ob EU-Haushalt oder der Euro ...
Lammert: Das ist so. Positiv formuliert würde ich aber sagen: Das zeigt, dass die europäische Gemeinschaft in ähnlicher Weise zu einer Familie zusammenwächst. Da geht es bei Geldangelegenheiten ja manchmal genauso zu.
Bei einer aktuellen Umfrage, was sie mit dem jeweils anderen Land verbinden, antworten die Franzosen: Merkel, Bier, Berlin. Die Deutschen: Paris, Eiffelturm und französisches Essen. Zeigt das nicht, dass nach 50 Jahren die Bilder übereinander immer noch sehr schlicht sind?
Lammert: Es gibt eine erstaunliche Bandbreite von alten Klischees und neuen Wahrnehmungen. So hat zum Beispiel die Fußball-WM 2006 das Deutschlandbild in Frankreich stark verändert. Es gibt auch noch manche Vorurteile. Mein genereller Eindruck ist aber, dass beide Seiten viel aufgeschlossener sind als früher, und dass die Meinungen übereinander sehr vielfältig sind. Man muss einmal daran erinnern, was vor dem Elysée-Vertrag war: Da war das Verhältnis durch Rivalität und nervöse wechselseitige Beobachtung geprägt. Das ist völlig verschwunden.

In den militärischen Konflikten rund um Europa scheinen Deutschland und Frankreich noch nicht ziemlich beste Freunde zu sein. Deutschland hält sich jedenfalls raus, siehe Libyen, und lässt Frankreich kämpfen.
Lammert: Dass wir hier eine ausgeprägt unterschiedliche Tradition haben, die man nicht nur bedauern muss, lässt sich nicht übersehen. Aber wahr ist auch, dass die damalige Entscheidung, am Militäreinsatz in Libyen nicht teilzunehmen, auch in der deutschen Öffentlichkeit kritisch und selbstkritisch debattiert wurde.

Und jetzt in Mali schickt Deutschland wieder nur zwei Transall-Flugzeuge. Reicht das?
Lammert: Sicher nicht. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass irgendjemand das für den deutschen Beitrag hält. Ich verstehe das eher als ein erstes demonstratives Signal, dass wir uns nicht ähnlich wie im Fall Libyen positionieren. Was Deutschland am Ende wirklich in und für Mali leistet, wird Gegenstand der weiteren Entwicklung und von Verhandlungen sein. Dann wird man auch darüber diskutieren müssen, in welcher Form das der Zustimmung des Bundestages bedarf.

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