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Autoschrauber und Friseusen: Geschlecht bestimmt weiter die Berufswahl

Autoschrauber und Friseusen: Geschlecht bestimmt weiter die Berufswahl

Mädchen für technische Berufe begeistern, Jungen in soziale Jobs locken: Darum geht es bei den Aktionen am Girls’ und Boys’ Day. Gerade in Ausbildungsberufen leben aber Rollenklischees fort.

Wie wäre es zur Abwechslung mal mit Autoschrauben statt Haare frisieren, mit Feinmechanik statt Bürojob? So lautet seit 15 Jahren die Anregung des Girls' Day. An diesem Tag öffnen jedes Jahr mehr als 7000 Unternehmen ihre Pforten für Schülerinnen, so auch an diesem Donnerstag. Seither haben rund 1,5 Millionen Mädchen in den eher klassischen Männerberufen einen Tag lang hospitiert. 2011 kam auch der Boys' Day offiziell hinzu, der Jungs vor allem soziale Berufe schmackhaft machen soll, in denen sie unterrepräsentiert sind. Wer fragt, was diese und andere Initiativen bringen, stellt fest: Noch immer gibt es eine geschlechtsspezifische Berufswahl. Ganz besonders schleppend geht es bei den nicht-akademischen Berufen voran. Eine Bestandsaufnahme.

Typisch Azubine: Obwohl es mehr als 300 duale Ausbildungsberufe gibt, konzentriert sich mehr als die Hälfte der Mädchen bei der Lehrstellensuche auf ein Spektrum von nur zehn Berufen. Naturwissenschaftliche oder technische Berufe sucht man in dieser Top-Ten-Liste vergeblich: An der Spitze steht die Einzelhandelskauffrau (8,1 Prozent der jungen Auszubildenden begannen 2013 diese Lehre), es folgen weitere kaufmännische und Dienstleistungsberufe - die Friseurin zählt dazu, auch die Hotelfachfrau.

Typisch Azubi: Männliche Bewerber entscheiden sich ebenfalls häufig für eine Ausbildung als Einzelhandelskaufmann (4,5 Prozent). An der Spitze der meist gewählten Ausbildungsberufe steht allerdings der Kraftfahrzeugmechaniker (6,1 Prozent). Häufig sind neben kaufmännischen Tätigkeiten Lehren als Industriemechaniker (4,0 Prozent) oder Elektroniker (3,6 Prozent). Selbst unter den 20 häufigsten Ausbildungen ist kein sozialer Beruf. Nur rund ein Viertel aller Schüler in der Alten- und Krankenpflege ist männlich.

Technik bleibt für viele Frauen ein rotes Tuch: Eine aktuelle Datenauswertung des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) zu Frauen in sogenannten MINT-Berufen - jenen Tätigkeiten, bei denen Kenntnisse in den Bereichen Mathe, Informatik, Naturwissenschaften oder Technik erforderlich sind -, zeigt: In das Berufsfeld mit wachsender Beschäftigung drängen überproportional viele Frauen. Das große Aber: Im Technikbereich, wo es besonders viele Jobs gibt, ist die Geschlechterverteilung in den vergangenen 20 Jahren nahezu unverändert geblieben: Der Frauenanteil hat sich laut DGB auf knapp unter zwölf Prozent eingependelt.

Tief sitzende Rollenklischees verunsichern: Junge Menschen, die sich entgegen diesen Trends für einen Beruf entschieden, müssten immer noch mit negativen Reaktionen aus ihrem Umfeld rechnen, sagt Ulrike Graff, Erziehungswissenschaftlerin mit dem Schwerpunkt Geschlechterpädagogik von der Universität Bielefeld. "Es gibt eine diffuse Sorge, dass sie keine 'richtigen' Jungen oder Mädchen mehr sein könnten, wenn er sich etwa für einen Job als Erzieher oder sie für einen technischen Beruf entscheidet". Für Jungen spiele zusätzlich eine Rolle, dass in vielen frauendominierten Berufen die Verdienstmöglichkeiten schlechter sind: "Auch wenn es ein katastrophaler Befund ist: Offenbar gilt weiterhin, dass Frauen es sich in ihrer Zuverdienerrolle eher leisten können, Erzieherin zu sein", sagt Graff.

Aufholjagd im Schneckentempo: Und doch tut sich etwas, aber nur ganz langsam und auf niedrigem Niveau: Einer Auswertung des Kompetenzzentrums Technik-Diversity-Chancengleichheit aus dem Jahr 2014 zufolge holen die weiblichen Fachkräfte in manchen Bereichen auf: Waren zum Beispiel im Jahr 2000 nur 3,1 Prozent aller Absolventen einer Lehre in Elektroberufen weiblich, waren es zwölf Jahre später 5,7 Prozent. Im selben Zeitraum verdoppelte sich die Zahl der Frauen, die ihren Abschluss in einem Maschinenbau- und wartungsberuf absolvierten auf (immer noch nur) 798 — von insgesamt 16 275 erfolgreichen Prüflingen. Von sich verändernden Strukturen profitieren nach Ansicht von Geschlechterpädagogin Graff die Unternehmen und Betriebe: "Vielfalt hilft dabei, dass andere Lebenserfahrungen und Herangehensweisen zum Tragen kommen." Mehr Frauen in Unternehmen könnten beispielsweise zu flexibleren Arbeitszeitmodellen führen, von denen auch Familienväter profitierten.

Ach so! Wenn Mädchen Jungs-Berufe kennenlernen
Ein Tag in einer Baufirma oder bei einem Reifenhersteller: An diesem Donnerstag strömen Mädchen an Arbeitsplätze, an denen man eher Männer vermutet. Denn heute ist Girls' Day. An diesem Tag können Mädchen Berufe kennenlernen, die sonst meist von Jungs gewählt werden.

Experten sagen: Mädchen trauen sich solche Berufe oft nicht zu. Obwohl sie manchmal sogar besser in Mathe, Biologie oder Physik sind als die Jungs. Manche Mädchen glauben, dass solche Fächer viel zu schwer für sie sind. Deshalb wählen sie eher Berufe wie Kindergärtnerin - oder sie lernen Sprachen.

Beim Girls' Day können sie zum Beispiel mit Frauen reden, die in technischen Bereichen arbeiten. Vielleicht denkt manches Mädchen danach über eine Ausbildung oder ein Studium darin nach.

Der Tag ist dafür da, dass Schüler ab der fünften Klasse erfahren: Egal ob Junge oder Mädchen - jeder darf den Beruf wählen, den er will. Ein Mädchen kann genauso als Autoschlosser arbeiten wie ein Junge als Kindergärtner. Deshalb gibt es heute gleichzeitig den Boys' Day. Dabei schauen sich Jungs Berufe an, die vor allem Mädchen wählen. dpa