Bauern in Rheinland-Pfalz wollen an Einsatz von Glyphosat festhalten

Mainz (dpa/lrs) · Der Streit um das Herbizid entzweit auch in Rheinland-Pfalz Landwirte und Umweltschützer. Der Bauernverband warnt vor deutlich höheren Kosten und hofft auf die Unterstützung der neuen Landesregierung.

Die Bauern in Rheinland-Pfalz wehren sich gegen ein von Naturschützern gefordertes Verbot des Pflanzengifts Glyphosat. „Entzieht man uns diesen Wirkstoff, dann bekommen wir große Probleme“, sagte der Präsident des Bauern- und Winzerverbands Rheinland-Pfalz Süd, Eberhard Hartelt, der Deutschen Presse-Agentur. Er habe deswegen auch an Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) geschrieben. Mit dem Einsatz des Herbizids etwa im Obst- und Weinbau oder auch im Getreide- und Rapsanbau vernichten die Landwirte Gräser wie Quecken und Trespen, die sich mit ausgedehnten Wurzelsystemen auf Äckern breit machen. Damit nehme auch die Zahl von Wühlmäusen zu, sagte der Bauer Ludwig Schmitt aus Mainz-Finthen.

„Früher haben wir gehackt, um das Unkraut zu entfernen“, erklärt der Kreisvorsitzende des Verbands. „Aber da hatten die Betriebe auch nur ein Viertel der Fläche wie heute.“ Der Preisverfall bei Agrarprodukten zwinge die Landwirte zu größeren Anbauflächen, weshalb sie auf den Einsatz chemischer Mittel angewiesen seien. Der Bauernverband schätzt, dass ein Verzicht auf Glyphosat zu Mehrkosten von mehr als 20 Prozent der Betriebsausgaben führt - etwa mit dem dann wieder notwendigen verstärkten Pflugeinsatz. „Da unsere Preisbildung auf internationalen Märkten stattfindet, können höhere Preise aufgrund des größeren Aufwands kaum durchgesetzt werden“, erklärte Hartelt.

Kritik von Naturschützern

Die Anwendungsbestimmungen für zugelassene Pflanzenschutzmittel legt das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) fest. Kontrolleure der Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD) in Trier überprüfen die Einhaltung der Bestimmungen in Stichproben und analysieren auch Rückstände in Agrarerzeugnissen. „Wenn ich Obst in die Genossenschaft bringe, ist sofort ein Prüfer da, der dann eine Handvoll Kirschen oder Mirabellen aus meiner Kiste rausnimmt“, sagte Schmitt. Ein Verbot des Pflanzengifts Glyphosat fordert die Naturschutzorganisation BUND, die dem Bundeslandwirtschaftsministerium in der vergangenen Woche 145 000 Unterschriften von Unterstützern dieser Forderung übergeben hat. Glyphosat sei für Mensch und Natur schädlich, sagte BUND-Landesgeschäftsführerin Sabine Yacoub. „Kaulquappen reagieren sehr negativ darauf, auch Regenwürmer, die abgespritztes Material fressen.“

Der Bauernverband kritisierte, dass die Diskussion nach Berichten über den Fund von Glyphosat-Rückständen in Bier inzwischen sehr emotional geführt werde. Unterschiedliche Einschätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zu einer möglichen krebserregenden Wirkung von Glyphosat haben die Verbraucher verunsichert. Die Landwirte hoffen, mit ihren Positionen beim neuen Wirtschafts- und Landwirtschaftsministerium in Mainz Gehör zu finden - die vorher für die Landwirtschaft zuständige Umweltministerin Ulrike Höfken (Grüne) hatte sich wiederholt betont kritisch über den Einsatz von Glyphosat geäußert. Mit dem neuen Minister Volker Wissing (FDP) habe es ein erstes Gespräch zum Kennenlernen gegeben, sagte Hartelt. „Wir haben einen weiteren regelmäßigen Austausch vereinbart.“ Die europäische Zulassung für Glyphosat läuft Ende Juni aus. Die EU-Kommission hat eine Neuzulassung der Substanz für neun Jahre vorgeschlagen. In Rheinland-Pfalz hat kürzlich eine rot-gelb-grüne Landesregierung eine rot-grüne Koalition abgelöst.

Gestern sorgte ein Übernahmeangebot für den Glyphosat-Hersteller Monsanto für Aufregung. Der Bayer-Konzern bot 62 Milliarden US-Dollar für das Unternehmen.Meinung

Kein Grund zur Panik

Von Damian Schwickerath

Nein, Glyphosat ist kein harmloses Mittelchen, sondern ein Gift. Und ja, die rheinland-pfälzischen Bauern haben trotzdem recht, wenn sie genau darauf nicht verzichten wollen und unter den derzeitigen Produktionsbedingungen aus Kostengründen auch nicht verzichten können. Das Mittel ist ein hochwirksames Pestizid, das genau das tut, was es soll - und das zu vertretbaren Kosten und mit absolut vertretbarem Risiko: Unkraut bekämpfen. Trotzdem nimmt die Diskussion um das Spritzmittel immer groteskere Formen an. Als just ein paar Tage vor dem 500. Geburtstag des Deutschen Reinheitsgebots eine Münchner Umweltagentur rausposaunte, im deutschesten aller Getränke sei Glyphosat nachgewiesen worden, ging ein Aufschrei durchs Land. Dass man täglich mehr als 1000 Liter Bier trinken müsste, um sich möglicherweise einer gesundheitlichen Gefahr durch Glyphosat auszusetzen, hat dann kaum noch jemand gelesen.

Die Geschichte war in der Welt und genauso emotionsgeladen wird seitdem diskutiert. Mit sachlichen Argumenten ist den glühenden Verfechtern eines Verbots nicht mehr beizukommen. Das Thema ist mittlerweile eine Glaubensfrage und Grund für erneuten Zoff in der Bundesregierung. Nie war es einfacher, Leute in der sicheren Gewissheit auf die Bäume zu jagen, dass sie dort auch sitzen bleiben. Denn die Messmethoden für praktisch alle Stoffe sind derart verbessert und verfeinert worden, dass immer irgendwo in irgendwas irgendein Stoff gefunden wird, der irgendwie bedenklich ist. Und schon geht das Geschrei los. Verbieten! Und wer das nicht sofort einsieht und dieser Logik nicht bedingungslos folgen will, spielt mit der Gesundheit der Bevölkerung, ist moralisch fragwürdig und vertritt die Interessen der Industrie. Und wer will das schon? So einfach aber ist das nicht. Mit dem Glyphosat nicht und auch sonst nicht mit der Landwirtschaft. Wir sind immer ganz groß darin, die Bauern an den Pranger zu stellen, wegen dieses oder eines anderen Mittels, wegen jener Haltungsmethode, wegen des Rückgangs der Artenvielfalt und der Belastung der Böden, um nur ein paar gängige Klischees zu bedienen. Wir werden aber ganz schnell wieder kreuzbrav, wenn uns die Supermärkte gute Lebensmittel spottbillig hinterherwerfen. Da spielen all die hehren Sprüche plötzlich keine Rolle mehr. Da zählt einzig und allein der Preis. Den Wagen möglichst voll machen für möglichst wenig Geld, darum geht es den allermeisten. Die moralische Entrüstung hat dann kurz mal Pause. Ein Espresso für 2,50 Euro ist völlig normal, aber ein Liter Milch für einen Euro? Unbezahlbar! So läuft's im richtigen Leben. Das kann man für falsch halten, das kann man beklagen, nur leugnen kann man es nicht.

d.schwickerath@volksfreund.de

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