Bescheidene Lebensretterin

Bescheidene Lebensretterin

Josephine Hünerfeld ist tot. Die zuletzt in Schweich lebende Seniorin erhielt vor fünf Jahren die höchste Auszeichnung, die der Staat Israel an Nicht-Juden vergibt. Gemeinsam mit ihrem Vater hatte sie einst eine jüdische Familie vor der Deportation gerettet.

Schweich. Josephine Hünerfeld war eine bescheidene Frau. Als ihr vor fünf Jahren im Bonner Rathaus der Ehrentitel "Gerechte unter den Völkern" verliehen wurde, meinte sie anschließend nur: "Die Ehrung war mir beinahe etwas peinlich. Was wir damals gemacht haben, war nach unserer Weltanschauung eine Selbstverständlichkeit." Eine Selbstverständlichkeit? Die gläubige Christin Josefine Hünerfeld und ihr Vater hatten 1942 in Leipzig einer dreiköpfigen jüdischen Familie Unterschlupf gewährt, die die Nazis ins Konzentrationslager Theresienstadt deportieren wollten. "Wir wussten, dass die Leopolds abgeholt werden, wenn wir sie nicht verstecken", erinnerte sich Josephine Hünerfeld vor einigen Jahren in einem Gespräch mit unserer Zeitung.
Ein bewegender Moment


Die gebürtige Leipzigerin war 1942 bereits Witwe und lebte mit ihrem kleinen Sohn und dem Vater in einem Mehrfamilienhaus. Auf die Bitte eines Bekannten nahmen sie die Familie Leopold bei sich auf. "Ich habe nachts manchmal Blut und Wasser geschwitzt, dass es rauskommt", erinnerte sich die Schweicherin. Neben der allgegenwärtigen Angst vor Entdeckung plagte der Hunger. "Wir drei hatten schon vorher nicht viel zu essen - und von dem Wenigen mussten plötzlich sechs Leute satt werden." Da habe sie aus lauter Not aus Kartoffelschalen schon mal Knäckebrot gemacht, erinnerte sich Josephine Hünerfeld.
Nach insgesamt zehn Wochen zogen die Leopolds aus. Danach hat Josephine Hünerfeld nie wieder etwas von der jüdischen Familie gehört, bis ein Leipziger Wissenschaftler Ende der 90er Jahre den Fall recherchierte. Eine Journalistin machte die seit Anfang der 60er Jahre in der Region Trier wohnende Josephine Hünerfeld und die im US-Bundesstaat Ohio lebende Familie Leopold schließlich ausfindig. Im Jahr 2000 kam es in Leipzig zum Wiedersehen von Josephine Hünerfeld und Anneliese Leopold, die sie 58 Jahre nicht gesehen hatte - seit das kleine jüdische Mädchen mit ihren Eltern damals die Leipziger Wohnung verlassen hatte. "Es war ein sehr bewegender Moment", erinnerte sich Josephine Hünerfeld an das Wiedersehen, "wir haben beide geweint." Der Kontakt zwischen den beiden Frauen riss danach nicht ab, ein paar Mal besuchte Anneliese ihre Retterin von einst noch in Schweich. Der Amerikanerin und der Leipziger Journalistin war es zu verdanken, dass Josephine Hünerfeld 2006 als "Gerechte unter den Völkern" (siehe Stichwort) geehrt wurde.
Josephine Hünerfeld starb in der vergangenen Woche im Alter von 97 Jahren. Sie wurde auf dem Bitburger Friedhof Kolmeshöh beigesetzt.Der Ehrentitel "Gerechter unter den Völkern" ist die höchste Auszeichnung, die der Staat Israel an Nicht-Juden vergibt. Geehrt werden Menschen, die unter Gefährdung ihres Lebens versucht haben, während der Nazi-Zeit Juden zu retten. Ihr Name wird auf der Memorial Wall im "Garten der Gerechten" in der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem verewigt. Bislang haben über 23 000 Menschen den Ehrentitel "Gerechter unter den Völkern" erhalten, darunter nur 470 Deutsche. sey