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Bilderjagd in der Luft – Das Geheimnis des fliegenden Fotografen

Kostenpflichtiger Inhalt: Portaflug : Bilderjagd in der Luft – Das Geheimnis des fliegenden Fotografen (Fotos)

Früher ist er in Gewitterwolken geflogen, um Hagel zu verhindern. Heute jagt Bernhard Heller über der Region Trier nach Luftbildern. Unsere Reporterin hat ihn im Februar, als Corona noch kein Thema war, begleitet, um herauszufinden, wie er das anstellt.

Ein Ruck geht durch die Maschine. Es riecht nach Benzin. Die dünne, glasfaserverstärkte Kunststoffhülle des Flugzeugs zuckelt und vibriert, während der Motor erst röhrt, dann tuckert und schließlich schnurrt wie eine Nähmaschine. „Rote Baroness“ steht in romantisch geschwungenen, weißen Lettern außen auf dem feuerwehrroten Ultraleichtflugzeug, dem man von Weitem gar nicht zutraut, zwei Menschen in die Lüfte zu transportieren. So klein ist der Flieger. Selbst mit zwei Insassen wiegt er weniger als 500 Kilogramm.

Es ist eine Comco Ikarus C-42, das meist verkaufte Schulflugzeug Deutschlands. Eine Maschine, in der Pilot Bernhard Heller seinen Schülern das Fliegen beibringt. Und gleichzeitig der Ort, von dem aus er seit vielen Jahren die Luftbilder schießt, die regelmäßig im Trierischen Volksfreund erscheinen. Mal zeigen sie riesige Bauprojekte wie den Hochmoselübergang, der sich erst als kilometerlanges, rotes Band durch die Landschaft zog, ehe die riesigen Pfeiler aus dem Moseltal wuchsen und die umstrittene Brücke Gestalt annahm. Mal zeigen sie Kasernengelände, Moselschleusen, Neubaugebiete, ganze Dörfer, Überschwemmungen oder einen Bunker, in dem eine kriminelle Bande ihr Unwesen trieb. Und immer offenbaren die Fotos Strukturen, die vom Boden aus im Verborgenen bleiben. Eröffnen ganz neue Einblicke. Der 59-Jährige, der nach eigener Schätzung bereits eine halbe Million Luftbilder geschossen hat, liebt es, den „einmaligen Überblick von oben dauerhaft festzuhalten“.

Wie er das wohl macht? Sich beim Fliegen einfach aus dem Fenster hängen? Oder zum rechten Zeitpunkt per Fernsteuerung ein Knöpfchen drücken?  „Die Kamera ist mit Sicherheit außen unterm Flugzeug montiert“, mutmaßt ein Reporterkollege vor dem Termin, der Einblicke in das Schaffen eines fliegenden Fotografen geben soll. Am Fahrgestell ist allerdings nichts dergleichen zu entdecken. Abwarten ...

Durch das nach oben geklappte Seitenfenster faltet man sich in den Schalensitz – vorsichtig vorbei am Hebel für die Motorsteuerung, den der Copilot schließlich zwischen den Beinen hat. Der linke Ellbogen drückt gegen die geschlossene Einstiegsklappe, beim Blick nach links kollidiert das Mikrofon mit dem Kunststofffenster, die Knie reichen fast an die Kontrollinstrumente im Armaturenbrett. Überall sind Hebel, Knöpfe und Pedalen. Bloß keine unbedachten Bewegungen machen! Oder wie Heller sagt: „Man hat nicht mehr Platz, als man braucht. Die Aerodynamik spielt die entscheidende Rolle.“

Anschnallen, Kopfhörer auf, durchs Mikro ganz normal reden, nur nicht, wenn der Flugleiter spricht – alles gut? Und dann setzt sich die kleine Maschine, deren Hülle so dünn und zerbrechlich wirkt, ruckelnd in Bewegung, rollt durch die gleißende Wintersonne Richtung Startbahn 04, die der Tower für diesen Flug freigegeben hat, während die Schlagschatten des rotierenden Propellers über das Armaturenbrett tanzen. Schneller als ein Herz schlagen kann.

Gut, zu wissen, dass der Mann am Steuer so viel Erfahrung hat. In signalroter Jacke sitzt er da seelenruhig mit seiner Fliegerbrille und freut sich am schnurrenden Motorengeräusch, während er Hebel in allerlei Richtungen zieht, um die Lenkung zu prüfen. Routine kurz vorm Start.

Seit mehr als 30 Jahren fliegt Bernhard Heller. Die Leidenschaft hat er von seinem Vater geerbt, der bei München auf einem Flugplatz arbeitete. Auf den Modellbau folgte die Segelfiegerei, bis er Berufspilot wurde: Bei Rosenheim im Alpenvorland arbeitete Heller in der Hagelabwehr und flog genau da hin, wo normalerweise niemand sein will: direkt zu den Gewitterwolken. Seine Aufgabe war es, winzige Silberiodid-Partikel auszubringen, die das Entstehen großer Hagelkörner verhindern. Inzwischen betreibt Heller am Flugplatz Trier-Föhren eine Flugschule. Die einen lehrt er das Fliegen. Und zwar keineswegs nur wohlhabende, mittelalte Männer, die Lust auf neue Abenteuer haben, sondern auch viele Jugendliche, die den Berufswunsch Pilot verfolgen. Andere Kunden heilt er von ihrer Flugangst. Gerade diese Menschen entwickelten oft eine sehr große Faszination fürs Fliegen – das sie doch anfangs so viel Überwindung kostet, so viele Nerven.

Es ist so weit. Der Motor hat die 50 Grad Betriebstemperatur erreicht. Schlaff hängt der Windsack neben Startbahn 04. „Langweilige Luft“ nennt Heller das, wirft einen prüfenden Blick auf seine unerfahrene Copilotin, streckt lächelnd den Daumen in die Höhe und gibt Gas. Nach wenigen Sekunden ist der Wind unter den Flügeln zu spüren, das Vorderrad der kleinen Baroness steigt „bis sie abhebt und sie schwebt – der Sonne entgegen“. Im Kopf spielt die Melodie des berühmten May-Lieds, während die Welt immer kleiner wird. In der Ferne zieht ein Vogelschwarm. Unten gleiten in einer langen Rechtskurve Industriehallen, Felder, Wiesen und Wälder vorbei, dann kommt das glänzende Band der Mosel in Sicht. „So, meine Damen und Herren, wir haben die Flughöhe von 600 Metern erreicht“, sagt Heller lachend und wendet sich seelenruhig seinem Rucksack zu. Packt eine Spiegelreflexkamera aus und verschiedene Objektive, die er nach und nach auf einer Schaumstoffmatte auf dem Armaturenbrett deponiert.

Und wer fliegt jetzt das Flugzeug? „Mein Mädchen und ich wir sind ein so eingespieltes Team. Ein braves Mädchen“, sagt Heller und tätschelt das Cockpit, während das Flugzeug scheinbar ganz von alleine Richtung Trier tuckert. Unten zieht Pfalzel vorüber. Jedes Haus, jeder Garten, jeder Apfelbaum sind zu erkennen, der Trierer Hafen, das große Bahngelände ... Wie Spielzeug rollen bunte Autos über die Straßen.

Glasklar ist die Luft. Nur eine einzige Wolke ist am Horizont zu sehen. Senkrecht steigt sie in den Himmel. Cattenom. „Das ist das einzig Erschreckende an der Fliegerei“, sagt der Pilot und zeigt Richtung Frankreich, „das gibt mir jeden Tag zu denken.“

Für allzu viele Gedanken ist nun allerdings keine Zeit, denn das erste Fotomotiv naht: eine neue Sporthalle am Trierer Mäusheckerweg, die Thema eines Volksfreund-Artikels sein wird. Dass die Kamera nicht unters Fahrgestell montiert ist, hat sich längst gezeigt. Also doch aus dem Flugzeug lehnen? Tatsache! Heller schraubt das kleine Kunststofffenster auf seiner Seite ab. Plötzlich wirbelt kalte Luft ins Innere, das Motorengeräusch wird lauter. Dann legt der Pilot das Flugzeug schräg, bis er einen perfekten Blick hat, fliegt im Kreis um die Halle, schaut durch den Sucher bis Licht und Winkel passen, stellt scharf, klick. Nach maximal vier Bildern hat er alles im Kasten. Wirklich hinauslehnen tut er sich allerdings nicht, damit der Flugwind nicht an der Kamera wackelt.

Normalerweise würde ein Flugschüler übernehmen, während Heller fotografiert. Nötig ist ein zweiter Pilot aber offensichtlich nicht. Die Fußpedalen, die das Seitenruder steuern, kann der Fluglehrer auch beim fotografieren bedienen. Und im Falle des zwischen den Sitzen angebrachten Knüppels, der die Quer- und Höhenruder betätigt, reicht ein sanfter Druck mit Links, um exakt Kurs zu halten.

Mit Tempo 120 geht es gemütlich weiter Richtung Trier. Während der Blick aus dem Fenster eines großen Passagierflugzeugs meist ähnlich real wirkt wie Fernsehen, erinnert die kleine Maschine ihre Insassen mit jedem Ruckeln und jedem Luftzug daran, dass sie fliegen. Wirklich fliegen. Dass dieser alte Menschheitstraum wahr geworden ist.  Fröhlich rotiert der Propeller. Die Mosel glänzt in der Sonne. Unten tauchen Triers Sehenswürdigkeiten auf. Porta Nigra, Dom, Basilika. Und der Blick von oben offenbart die imposante Größe des Weltkulturerbes. Aber darf man denn einfach so über die Stadt fliegen? Gibt es da denn keine Lärmschutzbestimmungen? „Wir sind unten nicht zu hören“, sagt der Fluglehrer, der eine Höhe von 600 Metern über Trier nicht unterschreiten darf.Rund drei Liter ganz normales Benzin verbrauche die „Rote Baroness“ bei sparsamem Flug pro Person auf 100 Kilometern. Heller freut sich, dass der Hersteller nun auch ein Schulungs-Flugzeug mit Elektroantrieb baut. „Das passt perfekt, da unsere Schulflüge etwa eine Stunde dauern“, sagt der gebürtige Bayer, der sich als Hagelabwehrer schon seit zwei Jahrzehnten mit dem Klimawandel befasst und sehr für Elektromobilität begeistert. In der Fliegerei sei die Zukunft längst Gegenwart. Während autonomes Fahren noch in den Kinderschuhen steckt, ist autonomes Fliegen längst normal.

Wenig später kommt  das nächste Fotomotiv in Sicht: eine wilde Schrebergartensiedlung zwischen Euren und Zewen. „Hier, lenk Du mal“, sagt der 59-Jährige plötzlich und führt die Hand der Copilotin zum Steuerknüppel – wie er dies bei solchen Schnupperflügen öfter tut. Schon verlässt das Flugzeug die perfekte Bahn, die es zuvor beschrieben hatte, neigt sich bockig zur falschen Seite und wirkt ebenso erleichtert, wie die panische Pilotin, als der Fluglehrer lachend wieder übernimmt.

Ein Rundum-Blick durch den Luftraum zeigt: Niemand hat das merkwürdige Manöver mitbekommen. Anders als unten auf den Trierer Straßen, ist in 600 Metern Höhe nichts los. „Der Lotse würde uns ansprechen, wenn es zu einer Annäherung kommt“, sagt Heller: Die Deutsche Flugsicherung sehe genau, wo und in welcher Höhe er fliege.

Für den allergrößten Notfall gäbe es auch noch einen Fallschirm. Wie eine Rakete würde der aus dem Leichtflugzeug schnellen, wenn man an einem Hebel in der Mitte der Kabinendecke zieht. Solch einen Notfall hat Heller allerdings noch nie erlebt.

Voll großer Gelassenheit fliegt er, eins mit seinem Flugzeug, eins mit sich selbst. Es ist „diese Bewegung in der dritten Dimension“, die für ihn die Faszination Fliegerei ausmacht. Der Wunsch nach dem Fliegen lebe im Menschen, seit er Jäger war, um „schnell die Beute zu sehen“. Hellers Beute sind gestochen scharfe Luftbilder. „Boah, super, das ist der Oberhammer“, sagt er mit unverkennbar bayrischem Akzent, während er sich die Bilder des Tages anschaut – deren Geheimnis nun gelüftet wäre.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Unterwegs mit dem fliegenden Fotografen