1. Region
  2. Rheinland-Pfalz

Bildungsministerin Hubig: Unterricht nach Geschlechtern trennen

Diskussion : Physik für Jungs, Physik für Mädels

Bildungsministerin Hubig schlägt vor, Unterricht phasenweise nach Geschlechtern zu trennen. Die Opposition im Land lehnt den Vorstoß ab.

Die rheinland-pfälzische Bildungsministerin Stefanie Hubig (SPD) hat mit einem Vorstoß, in naturwissenschaftlichen Fächern einen getrennten Unterricht zwischen Jungen und Mädchen auszuprobieren, landesweiten Wirbel entfacht. In einem Interview mit dem „Redaktionsnetzwerk Deutschland“ sagte Hubig, die derzeit Vorsitzende der Kultusministerkonferenz ist: „Seien wir offen dafür, Mädchen und Jungen in Fächern wie Mathe und Physik phasenweise getrennt zu unterrichten. Lassen wir uns auf dieses Experiment ein und schauen wir, welches Ergebnis wir bekommen.“ Die Begründung von Hubig, die nach eigenen Angaben selber mal Schülerin an einem reinen Mädchengymnasium war: „In Klassen ohne Jungen lassen sich Mädchen häufig leichter für Physik begeistern. Die Jungen stürmen in diesen Fächern nach vorn und sagen: ,Ich mache das Experiment.’ Mädchen sind da oft zurückhaltender und sagen: ,Dann schaue ich erst mal zu.’“

Lehrergewerkschaften bewerten den Vorschlag von Hubig mit gemischten Gefühlen. Klaus-Peter Hammer, Landeschef der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), sagt: Jungen in Gedichtinterpretationen und Mädchen in Naturwissenschaften erzielten durchaus Fortschritte beim Lernen, wenn sie übergangsweise nach Geschlechtern getrennt unterrichtet würden. Hammer forderte aber, genauso Jungs wie Mädchen zu fördern. Cornelia Schwartz, Landeschefin des Philologenverbandes, bläst ins gleiche Horn. „Dem Bildungsministerium darf es nicht nur darum gehen, alleine Mädchen zu fördern. Es sollte genauso die Aufmerksamkeit für Jungs erhöhen, unter denen es auch Zurückhaltende gibt“, sagte Schwartz. Die Geschlechter im Unterricht vorübergehend zu trennen, lehnt Schwartz nicht kategorisch ab. Die IQB-Bildungsstudie habe gezeigt, dass Mädchen sich in Physik und Chemie weniger zutrauten, ihre Leistungen in den Fächern im Verhältnis zu den Jungen aber gar nicht schlechter seien. Schwartz fordert zugleich, dass ein getrennter Unterricht im Stundenplan machbar sein müsse, es mehr Lehrer brauche und eine bessere Förderung auch durch kleinere Klassen möglich sei. „Männer und Frauen müssen später im Berufsleben auch miteinander klarkommen“, sagt sie.

Von anderer Seite kommt Kritik. Oliver Pick, Landesvize des Verbands Bildung und Erziehung (VBE), lehnt eine Geschlechtertrennung im Unterricht ab. Dies widerspreche dem Gedanken, dass Starke die Schwachen unterstützen sollen und sei eine Rückkehr in die Vergangenheit. Der Eifeler Grundschullehrer fordert vielmehr, an Schulen Angebote zu schaffen, bei denen Mädchen und Jungen bestmöglich gefördert werden.

Ablehnend äußert sich auch die Opposition. Christian Baldauf, Spitzenkandidat der CDU für die Landtagswahl 2021, moniert: „Bringt eine solche Idee rheinland-pfälzische Bildungspolitik wirklich voran? Frau Hubig sollte sich besser um die wesentlichen Probleme kümmern – dass Grundschüler Lesen, Schreiben, Rechnen lernen. Ich bin gegen neue Experimente der Landesregierung auf dem Rücken unserer Kinder. ,Schreiben lernen nach Gehör’ hat fürs Erste gereicht.“ Joachim Paul, bildungspolitischer Sprecher der AfD-Fraktion, sagt, es gehöre zu den Herausforderungen eines Lehrers, die Zurückhaltung bei Mädchen in Fächern wie Physik und Mathe nach und nach abzubauen und sie für das Fach zu begeistern. Paul: „Wir trauen das unseren Lehrern aber durchaus zu. Die Situation halten wir keineswegs für so dramatisch, dass wir die Notwendigkeit einer räumlichen Trennung sehen. Deshalb lehnen wir sie auch ab.“ Gegenwind kommt auch von den Jungen Liberalen, dem Jugendverband der FDP, die in Rheinland-Pfalz mit SPD und Grünen die Ampelkoalition bildet. Landeschef Luca Lichtenthäler moniert: „Mädchen und Jungen im Jahr 2020 phasenweise getrennt unterrichten zu wollen, ist absolut nicht zeitgemäß. Der Vorstoß von Ministerin Hubig steht sämtlichen berechtigten Bestrebungen entgegen, Rollenklischees abzubauen. Stattdessen manifestiert die Präsidentin der Kultusministerkonferenz althergebrachte Stereotype.“

Das Bildungsministerium verweist auf Erfahrungen eines Gymnasiums in Zweibrücken und dem Bistum Speyer, Unterricht phasenweise nach Geschlechtern zu trennen. Es gehe darum, Mädchen und Jungen gleichermaßen zu fördern und so anzusprechen, dass sie Spaß an naturwissenschaftlichen Fächern hätten, sagt eine Sprecherin. Einen ähnlichen Ansatz gebe es bei der Leseförderung von Jungen, heißt es vom Mainzer Ministerium.