BKA: Autobahnschütze aus der Eifel hat gestanden

Wiesbaden/Kall · Ein Lkw-Fahrer ärgert sich über Kollegen und nimmt sie unter Beschuss - jahrelang, mehr als 750 mal. Geschnappt wird er nur, weil die Polizei massenhaft Kennzeichen erfasst. Datenschützer haben dazu Fragen.

 Eines der Einschlusslöcher in einer Autotür.

Eines der Einschlusslöcher in einer Autotür.

Foto: Fredrik von Erichsen (dpa)

Dramatischer Polizeieinsatz am Sonntagmorgen in der Nordeifel: Spezialkräfte des Bundeskriminalamts überwältigten im kleinen Ort Frohnrath (Gemeinde Kall, Kreis Euskirchen) einen 57-Jährigen und nahmen ihn in seinem Wohnhaus fest. Nach Angaben von Nachbarn waren rund 30 Polizisten an der Aktion beteiligt. Im Anschluss seien das Einfamilienhaus des Verhafteten und ein in der Nähe geparkter Lastwagen gründlich durchsucht worden.

Der Festgenommene, so heißt es in einer Pressemitteilung des Bundeskriminalamts (BKA) in Wiesbaden, sei "dringend tatverdächtig, in mehr als 700 Fällen Autotransporter, andere Fahrzeuge und Gebäude von der Autobahn aus beschossen zu haben". Der mutmaßliche Autobahnschütze hat seine Taten wenige Stunden nach der Festnahme gestanden. Als Motiv habe der 57 Jahre alte Lastwagen-Fahrer aus Nordrhein-Westfalen „Ärger und Frust im Straßenverkehr“ genannt, sagte der Präsident des Bundeskriminalamtes (BKA), Jörg Ziercke, am Dienstag in Wiesbaden. Der Würzburger Staatsanwalt Dietrich Geuder kündigte an, der 57-Jährige werde sich wegen versuchten Totschlags verantworten müssen. Dem Fahrer werden auch Verstöße gegen das Waffengesetz vorgeworfen. Der Mann sei „ein frustrierter Einzelgänger mit einem Hass auf andere Menschen und einer Affinität zu Waffen“.

Der 57-Jährige ist Berufsfahrer, nach TV-Informationen soll er für eine Spedition im Raum Aachen arbeiten. Bei der Durchsuchung seines Hauses, so heißt es weiter in der BKA-Mitteilung, seien auch Schusswaffen sichergestellt worden. Man habe bei dem Verdächtigen auch noch 1300 Schuss Munition gefunden. Ziercke nannte den Fall „bislang einzigartig in der Kriminalgeschichte“. Die kriminaltechnische Untersuchung dieser und weiterer Gegenstände sowie die Auswertung von Unterlagen dauere an. Bevorzugte Tatorte waren Autobahnen im gesamten Bundesgebiet. Die meisten Schüsse gab der Täter dabei seit Juli 2008 auf Autotransporter ab, die mit Neuwagen beladen waren. Auch kleinere Fahrzeuge gerieten unter Beschuss: Eine Autofahrerin wurde dabei schwer verletzt (siehe Chronologie).

Von Mitte 2012 an sei bei den Schüssen Großkaliber-Munition (9 Millimeter) verwendet worden, "wodurch eine erhebliche Erhöhung des Gefährdungspotenzials entstanden" sei. Seit Oktober 2012 liefen Ermittlung und Fahndung unter der zentralen Leitung des BKA, gemeinsam mit den hauptsächlich betroffenen Bundesländern Baden-Württemberg, Bayern, Hessen, Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz.

Den Nachbarn in seinem Wohnort hat der Mann bisher nie durch sein Verhalten Anlass zu Verdächtigungen gegeben. Anwohner beschreiben ihn und seine Frau als freundlich und "völlig unauffällig". Die Ermittler waren dem Verdächtigen unter anderem durch den Einschusswinkel auf die Spur gekommen, den die ins Visier genommenen Fahrzeuge aufwiesen. Der Winkel deutete darauf hin, dass die Schüsse aus einer erhöhten Position - wie einem LKW-Führerhaus - in den Gegenverkehr abgegeben worden waren. Ziercke sagte, die Fahnder seien dem Fahrer auch mit Hilfe automatischer Kennzeichenlesegeräte auf die Schliche gekommen. Die Geräte wurden in diesem Frühjahr an sieben Autobahnabschnitten von Aachen Richtung Bayern und Baden-Württemberg eingesetzt.

Wenn Lkw beschossen wurden, seien deren Bewegungsdaten mit denen anderer Wagen auf der Strecke in Verbindung gebracht worden. So kristallisierte sich ein Lkw einer Spedition in Monschau in der Eifel heraus. Dessen Fahrer und sein Handy seien dann weiter überwacht worden, um den Täter eindeutig zu identifizieren.

Der BKA-Präsident wies den Vorwurf von Datenschützern zurück, die Kennzeichenerfassung sei unverhältnismäßig gewesen. Der rheinland-pfälzische Beauftragte Edgar Wagner kritisierte, es gebe „für diese bundesweit erstmals eingesetzte Ermittlungsmethode aus Datenschutzsicht keine hinreichende gesetzliche Ermächtigungsgrundlage“. Wenn keine Schüsse gemeldet wurden, seien die Daten nach zehn Tagen ungelesen gelöscht worden, sagte Ziercke. Im Gegenteil: Die Polizei habe selber mit großem Aufwand Daten sammeln müssen, die bei der Lkw-Maut Toll Collect ohnehin vorlägen. „Durch Mautdaten hätten wir viel früher diese Tatserie unterbinden können“, sagte er. Deren Nutzung sei verboten, und er wolle keine Diskussion darüber anfangen. Er frage sich aber, wen das Recht in einem solchen „absoluten Ausnahmefall“ schütze.

Chronologie:März 2009: Der Hessische Rundfunk berichtet, auf hessischen Autobahnen seien mehrere Lastwagen beschossen worden. Das Landeskriminalamt ermittelt.

August 2009: Das Bundeskriminalamt (BKA) berichtet von mittlerweile fast 130 Fällen seit Mitte 2008.

November 2009: Auf der A 3 bei Würzburg wird eine Autofahrerin durch einen Schuss in den Hals verletzt. Ihr Wagen prallt in eine Leitplanke.

Juni 2010: In Baden-Württemberg, Bayern, Hessen, Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen werden LKW kontrolliert, die als Tatfahrzeug infrage kommen - ohne Erfolg.

Mai 2012: Ein Transporter mit acht Neuwagen verunglückt auf der A 5 bei Kronau (Baden-Württemberg) nach einem Schuss in die Seitenscheibe. Der Laster prallt auf einen LKW, der Fahrer wird schwer verletzt.

November 2012: BKA-Präsident Jörg Ziercke ruft die Bürger zur Mithilfe auf. Der Täter benutze jetzt eine Waffe mit größerem Kaliber. Vermutlich handele es sich um einen LKW-Fahrer.

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