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Black lives matter: Debatte über Straßennamen und Marx-Statue in Trier

Gesellschaft : Marx, Hindenburg und die anderen

Überall auf der Welt werden Statuen von ihren Sockeln gestürzt, weil Menschen gegen Rassismus protestieren. Nun gerät auch die riesige Trierer Marx-Statue ins Visier.

Das Seil, das den Hals der Statue umschlingt, spannt sich. Langsam beginnt das Denkmal zu kippen. Eine Frau kreischt. Tausende johlen und schwenken Plakate, während die Statue auf den Boden kracht. Wenig später wird das Abbild des Sklavenhändlers Edward Colston unter riesigem Applaus kopfüber im Hafenbecken Bristols versenkt.

Szenen wie diese gibt es aus aller Welt. Der gewaltsame Tod des Amerikaners George Floyd und die weltweiten Proteste gegen Rassismus haben einen Bildersturm ausgelöst wie es ihn seit dem Ende des Ostblocks nicht mehr gab. Diesmal stürzen statt Bronze-Lenins Kolonialherren, Entdecker oder Sklavenhändler.

Auch in der Region Trier gingen nach Floyds Tod Tausende auf die Straßen. Und auch in Trier ist die Debatte über den Umgang mit historischen Persönlichkeiten frisch entfacht.  So soll eine neue Arbeitsgruppe sämtliche Straßennamen kritisch unter die Lupe nehmen. Ein Kriterienkatalog wird noch erarbeitet. Pressesprecher Michael Schmitz geht davon aus, dass die AG  auch nach „potentiellen Rassisten“ Ausschau halten wird. Über eine lang geplante Umbenennung der Hindenburgstraße wird diesen Donnerstag entschieden.

Solche Umbenennungen hat es in der Region öfter gegeben. Längst gibt es in Morbach keine Adolf-Hitler-Straße mehr und in Trier kein Hindenburg-Gymnasium. Der Eifelverein hat den „Karl-Kaufmann-Wanderweg“ in „Ville-Eifel-Weg“ umbenannt, nachdem Vorwürfe laut wurden, dass der ehemalige Vorsitzende des Wandervereins überzeugter Nazi war. Auch eine Kaufmann-Brücke wurde umgetauft.

Zudem haben zahlreiche Kommunen der Region einst verliehene Ehrenbürgerwürden wieder symbolisch entzogen. Hermeskeil und Speicher, Trier oder Prüm wollten Hitler diese Ehre nicht mehr zukommen lassen. Ob Hindenburg Trierer Ehrenbürger bleibt, wird bald entschieden. In Prüm ist Hindenburg bereits Geschichte – und Kaufmann gleich mit.

Statuen ging es in der Region seit Start der „Black lives matter“-Demos bisher nicht an den Kragen. Ob sich das nun ändert? Soeben hat n-tv den berühmtesten Sohn Triers, Karl Marx, als einen „der übelsten Rassisten“ zur Person der Woche gekürt. Autor Wolfram Weimer, Ex- Chefredakteur von Welt und Focus und Gründer des Politik-Magazins Cicero, wirft der „linken Bilderstürmer-Bewegung“ Deutschlands vor, zu übersehen, dass ihr eigener „Säulenheiliger“ ein übler Rassist gewesen sei, der Juden und Schwarze hasste. An Zitaten, die das belegen, lässt er es nicht mangeln. So beschimpfte Marx seinen Konkurrenten Ferdinand Lassalle wegen seiner jüdischen Herkunft als  „Jüdel Braun“ oder als „jüdischen Nigger Lasalle“. Und seinen eigenen Schwiegersohn Paul Lafargue, Sohn einer kubanischen Kreolin, bezeichnete er als „Negrillo“ und „Abkömmling eines Gorillas“. Da stelle sich die Frage, „ob in Deutschland wirklich 52 Plätze, mehr als 500 Straßen und sogar mehrere Schulen weiterhin nach Karl Marx benannt werden sollten“, schreibt Weimer, ehe die Sprache auf das Riesendenkmal aus Bronze kommt, das Trier von China geschenkt wurde. „Ist die Kolossal-Statue eines der wirkmächtigsten Antisemiten und Rassisten, gesponsert von der größten Diktatur der Welt nicht peinlich für eine liberale Demokratie, die jeden Rassismus ablehnt?“, fragt Weimer.

Sollte man Marx also vom Sockel stoßen? „Da gibt es nichts zu beschönigen. Marx hat in Briefen solche scheußlichen rassistischen und antisemitischen Äußerungen von sich gegeben“, sagt die Historikerin Beatrix Bouvier, die 2018 wissenschaftliche Leiterin der Landesausstellung über Marx war. Davon, die Statue zu zerstören, hält sie allerdings nichts – zumal all das nicht neu sei. Sinnvoller sei es, Dinge in einen Kontext zu stellen.

Auch Integrationsministerin Anne Spiegel (Grüne) sagt:  „Das Stürzen von Statuen schafft nicht weniger Rassismus. Die Debatte ist das entscheidende, damit sich in den Köpfen der Menschen etwas ändert.“ Damit ein Bewusstsein dafür entsteht, wie Menschen ausgegrenzt und angefeindet werden. Sie würde sich mehr Infotafeln wünschen, die erklären, was es mit Plätzen und Denkmälern auf sich hat. Sie hält es für richtig, dass Räte kritisch über Straßennamen debattieren. Und sie regt an, bei der Umbenennung öfter an Frauen zu denken, die Großes geleistet haben. Da gebe es Nachholbedarf. Sehr ähnlich sieht all dies Markus Pflüger von der Trierer AG Frieden. Viel wichtiger, als über Statuen und Straßen zu debattieren, sei es jedoch, strukturellen Rassismus anzugehen – in Behörden und im Alltag. Auch in der Region Trier würden Dunkelhäutige, die nach Luxemburg pendeln, viel öfter kontrolliert als andere. Schon mit der Bildungsarbeit in Kindergarten und Schule müsse man rassismuskritisches Denken unterstützen. Und es gelte, sich von Stereotypen zu trennen, mit denen auch er selbst aufgewachsen sei, sagt Pflüger, ehe er Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zitiert: „Es reicht nicht aus, kein Rassist zu sein. Wir müssen Antirassisten sein!“ Wenn es nach ihnen geht, bleibt Marx stehen. Und wird weiterhin kritisch beleuchtet.

Ein Denkmal, das zum denken anregen könnte – über Kommunismus, Kapitalismus, Rassismus oder Antisemitismus – während andere Denkmäler verschwinden. Und mit ihnen irgendwann die Erinnerung an Vergehen aus der Vergangenheit.