1. Region
  2. Rheinland-Pfalz

„Blutige Entlassungen“ und überflüssige Operationen ​- warum kommt es dazu?

Kliniken : Warum sich „blutige Entlassungen“ und überflüssige Operationen in Krankenhäusern häufen

Seit 2004 werden Patienten in Kliniken als Fälle betrachtet. Die Krankenhäuser erhalten je Behandlung eine festgelegte Pauschale. Das hat Auswirkungen auf den Klinikalltag und hat Konsequenzen für Patienten.

Mit über 1000 Betten und gut 2700 Mitarbeitern an zwei Standorten ist das Trierer Mutterhaus die größte Klinik in Trier. Neben dem Brüderkrankenhaus gehört das Mutterhaus zu den sogenannten Maximalversorgern. Dazu zählen Kliniken, die in vielen Bereichen spezialisiert sind.

Doch selbst solche großen Kliniken können nicht mit allen Abteilungen gewinnbringend arbeiten. Das Mutterhaus hat gleich mehrere Fachbereiche, die wegen des bestehenden Finanzierungsystems der Kliniken durch Fallpauschalen, also der pauschalen Vergütung pro Patient je nach Diagnose, nicht rentabel arbeiten können.

Etwa die Geburtshilfe. Über 2000 Kinder kommen in der Klinik zur Welt. Aber weil Geburten in der Regel nicht planbar sind, muss auch im Mutterhaus ständig Personal, Räume und OP-Kapazitäten vorgehalten werden. Die dadurch entstehenden Kosten können durch die Fallpauschalen nicht abgedeckt werden.

Ähnlich sieht es, wie man derzeit nicht nur im Mutterhaus, sondern in vielen anderen Kliniken in Deutschland sieht, bei der Kinder- und Jugendmedizin aus. In der Trierer Großklinik gibt neben der Kinder- und Jugendmedizin, noch eine Kinderchirurgie und eine Abteilung für Neonatologie, die sich um Frühgeborene und behandlungsbedürftige Säuglinge kümmert. Allesamt medizinische Fachbereiche, die personalintensiv und hoch technisiert sind. Und damit eben auch sehr teuer. Die aktuelle Überlastung vieler Kinderstationen in den Kliniken hat auch etwas mit der Unterfinanzierung dieser medizinischen Fachbereiche zu tun. Mit Kinder- und Jugendmedizin lässt sich aufgrund des Fallpauschalensystems nicht viel Geld verdienen. Nicht so viel wie etwa mit orthopädischen Eingriffen (Stichwort: Kniegelenk-OP). Daher wurde in vielen Kinderkliniken vor allem an Personal gespart. Dadurch können weniger Betten betrieben werden. Das führt während einer starken Welle von Atemwegsinfekten wie derzeit schnell zu einer Überlastung der Stationen.

Im Mutterhaus hofft man, dass durch die geplante Krankenhausreform die sogenannten Vorhaltekosten, also die Kosten, die dadurch entstehen, dass Personal und Ausstattung vorgehalten werden muss, in den genannten Fachbereichen berücksichtigt werden. „Das kann zu einer besseren wirtschaftlichen Planung führen“, sagte ein Kliniksprecherin auf Anfrage unserer Redaktion.

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) nannte am Dienstag Kniegelenks-Operationen als Beispiel dafür, wo Fallpauschalen zu vielen unnötigen Behandlungen führen. Im Vergleich zu anderen Ländern würden in Deutschland 50 Prozent mehr solcher OP durchgeführt. Das sei „Masse statt Klasse“, sagte Lauterbach und nannte in diesem Zusammenhang auch Hüftgelenks-Operationen. Laut einer Auswertung der Krankenkasse DAK ist jede zehnte Knie-OP zum Einsatz eines künstlichen Gelenkes überflüssig. Durch die Fallpauschalen werde den Kliniken der falsche Anreiz. Die DAK fordert etwa bei Arthrose im Knie die Ausschöpfung aller Behandlungsmethoden, bevor es zu einer OP kommt. Zu einem ähnlichen Befund kam das Berliner IGES Institut bei den jährlich 70.000 Schilddrüsenoperationen. Nur bei zehn Prozent der Eingriffe liege allerdings ein bösartiger Befund vor, der tatsächliche ein OP notwendig mache. Da Krankenhäuser mehr Geld für Operationen als konservative Behandlungen erhalten, kommen viele Patienten unnötig unters Messer.

Ein weiteres Beispiel, das Lauterbach anführte, betrifft viele schwer erkrankte Corona-Patienten vor allem während der ersten Welle. Auch in Krankenhäusern, die dafür keine Expertise haben, seien die intensivpflichtigen Patienten an die sogenannte Ecmo, einem Gerät, das die Lungenfunktion übernimmt, angeschlossen worden. Lauterbach schätzt, dass dadurch mehr beatmungspflichtige Patienten in Deutschland gestorben sind, als in anderen Ländern. Künftig sollen diese Eingriffe genau wie Krebsbehandlungen nur noch in dafür spezialisierten Kliniken durchgeführt werden. Einen weiteren Auswuchs des Fallpauschalensystems sieht der Bundesgesundheitsminister auch darin, dass vielen Hochbetagten kurz vor ihrem Lebensende noch Maximalmedizin angeboten werden. Lauterbach sprach von „sehr gewagten, sehr aufwändigen Eingriffen“. Deutschland neige zur Übertherapie sagte Lauterbach. Eine schon bei der Einführung der Fallpauschalen im Jahr 2004 angeführte Kritik betrifft auch vor allem ältere Patienten. Weil sich die Höhe der Fallpauschalen nach der Diagnose richtet und festgelegt ist, welche Behandlung wie honoriert und wie lange diese dauern darf, werden viele Patienten schon nach wenigen Tagen aus der Klinik entlassen – auch nach Operationen. Nur so rechnet sich der „Fall“ für die Häuser. Das führt zu den bekannten „blutigen Entlassungen“. Niedergelassene Ärzte müssen die Behandlung fortführen. Ältere Patienten werden in Kurzzeit-Pflege oder geriatrische Fachkliniken überwiesen.