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Bocksgeruch und bizarre Blüten: Orchideen auf Wanderschaft nach Norden

Sommerserie : Bocksgeruch und bizarre Blüten: Orchideen auf Wanderschaft nach Norden

Mehr als 30 verschiedene Orchideenarten verwandeln die Südeifel in den Sommermonaten in ein botanisches Schlaraffenland

Sollte einem Wanderer in der Südeifel des Nachts auf einem Magerrasen ein intensiver Geruch nach Ziegenbock in die Nase steigen, so hat er allen Grund sich zu freuen: Ganz in seiner Nähe steht „Himantoglossum hircinum“, die Bocksriemenzunge. Ihre bizarren Blüten, deren überlanger Mittellappen korkenzieherartig gewunden ist, verbreiten nachts einen strengen Bocksgeruch.

Mit rund 30 weiteren Orchideenarten verwandelt diese ungewöhnliche Pflanze die Südeifel zwischen Mai und August in ein Paradies für Botaniker. Die Vielfalt ist  beachtlich. Blüht hier doch rund die Hälfte aller Orchideenarten, die es nördlich der Alpen gibt. Und so rühmt sich die Südeifel, die orchideenreichste Region von Rheinland-Pfalz zu sein.

Ihre Reise dorthin traten einige der Pflanzen vor etwa 6000 Jahren an: Aus dem Mittelmeerraum kamen sie durch Rhône- und Saônetal über die Burgundische Pforte ins warme Moseltal. Von dort setzten die Orchideen ihre Reise entlang von Sauer, Our, Gaybach, Prüm und Nims fort. Noch vor 50 Jahren galt die bis zu 90 Zentimeter hohe Bocksriemenzunge im Eifelkreis Bitburg-Prüm als sehr selten. Mittlerweile wachsen dort Hunderte dieser eigentümlichen Pflanzen auf den Wiesen.

Auch Hummel- und Fliegenragwurz, das weiße Waldvögelein, Purpur-Knabenkraut, Pyramiden-Orchis oder das Menschentragende Ohnhorn, dessen Blüten aussehen wie hängende Männlein, sind dort zu finden. Allesamt sind diese Pflanzen streng geschützt.

Orchideen haben spezifische Ansprüche an ihren Standort. Zunächst einmal muss die Geologie stimmen – die meisten mögen es kalkig. Ihnen kommt es gerade recht, dass die „Trier-Bitburger-Mulde“ zur Zeit des Muschelkalks eine Meeresbucht war, in der Kalke abgelagert wurden, die heute als helles Gestein an Prüm, Sauer oder Nims zu sehen sind.

Neben ausreichender Wärme benötigen viele Orchideen offene, waldfreie Flächen. Erst Wirtschaftsformen wie die Wanderschäferei schufen die nötigen Freiflächen. Heute, da es kaum noch Schäfer gibt, drohen die Orchideenrasen wieder zuzuwachsen. Sie müssen daher – so paradox es klingt – zu ihrem Schutz entbuscht, gemäht und beweidet werden.

Gerade die aus dem Mittelmeerraum eingewanderten, im Fachjargon als „submediterran“ bezeichneten Arten machen das Orchideenvorkommen der Südeifel zu etwas Besonderem. Vor ein paar Jahren noch hatten diese Arten  hier ihre nördliche Arealsgrenze erreicht. Das bedeutet, dass wärmeliebende Arten wie die Bocksriemenzunge weiter nördlich nicht mehr vorkamen. Das hat sich inzwischen geändert. Die Art breitet sich langsam Richtung Norden aus. Bis in die Nordeifel und nach Thüringen ist sie inzwischen vorgedrungen.

 Die Hummelragwurz, Ophrys holosericea.
Die Hummelragwurz, Ophrys holosericea. Foto: Friedemann Vetter
 Die Bocksriemenzunge, Himantoglossum hircinum.
Die Bocksriemenzunge, Himantoglossum hircinum. Foto: Friedemann Vetter

Doch nicht nur in der Südeifel – auch an anderen Orten der Region finden sich Orchideen – zum Beispiel im Nationalpark Hunsrück-Hochwald. Besonders sehenswert ist auch das Naturschutzgebiet Perfeist bei Wasserliesch an der Mosel, das man auf einem hübschen Rund-Pfad erkunden kann. Katharina de Mos