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Brüderle hat jetzt einen kleinen Wohlstandsbauch

Brüderle hat jetzt einen kleinen Wohlstandsbauch

Vom Problembär zum aufstrebenden Minister der Regierungskoalition. Bei einer Reise durch die neuen Bundesländer hat Rainer Brüderle Betriebe in Leipzig und Halle besucht.

Berlin. (wk) Was man denn brauche, um sich am Markt durchzusetzen, wird Ludwig Koehne gefragt, Vorstandsvorsitzender der Kirow Ardelt AG aus Leipzig. "Der Wille ist entscheidend", antwortet Koehne ohne lange nachzudenken. "Der Wille zum Erfolg." Die Antwort gefällt Rainer Brüderle so gut, dass er sie gleich in seine nachfolgenden Reden einbaut. Der FDP-Wirtschaftsminister ist an diesem Montag unterwegs durch die neuen Länder, um eine ganz ähnliche Botschaft zu verkünden: "Mittlere und kleine Unternehmen, das sind nicht irgendwelche Zahlen. Das ist eine Geisteshaltung."Es geht nach Leipzig und Halle, wo sich kleine Spezialisten wie Kirow, Weltmarktführer bei Eisenbahnkränen, oder der Ultraschall-Materialprüfer Sonotec an die wenigen industriellen Kerne der neuen Länder gehängt haben. Brüderle, das merkt man an der aufmerksamen Art seiner Fragen, rauscht nicht einfach durch solche Betriebe hindurch, sie interessieren ihn wirklich. Vor allem ihre Erfolgsgeschichten.

Mehr Wettbewerb, mehr Markt, weniger Bürokratie



Der Minister mag indirekt auch ein wenig über sich selbst reden. Noch vor wenigen Monaten galt er als "Problembär" der Koalition. Nun titelte das "Handelsblatt", er sei der "am meisten unterschätzte Minister", und "Bild" ernannte ihn gar zum "Super-Star" des Kabinetts. Nach außen gibt sich Brüderle gelassen. "So was kommt in Wellen. Das geht auch wieder anders herum", weiß er aus einem fast 40 Jahre langen Politikerleben.

Im Ministerium erzählen sie, dass er auch ruhig blieb, als die Schlagzeilen ganz negativ waren. Nicht beachten, einfach weiterarbeiten, war seine Devise. Nein zu Opel-Hilfen, Nein zu einer aktiven Rolle bei Karstadt, damit legte er sich mit fast allen an, auch mit Angela Merkel. Jetzt zeigt sich, dass er recht behalten hat. Außerdem ist er jetzt der Verkünder der guten Zahlen, nach denen die schwarz-gelbe Regierung so giert. Das Wachstum fällt stärker aus als erwartet und die Arbeitslosigkeit niedriger.

Mehr Wettbewerb, mehr Markt, weniger Bürokratie, das ist sein Botschaft. Ordnungspolitik sei der eine Teil seiner Aufgabe als Minister, sagt er. Der andere: "Prozessmoderation", also das Zusammenbringen verschiedener Akteure, um bestimmte Wirtschaftszweige in Deutschland leistungsfähig zu halten oder zu machen. Man müsse nicht überall Weltmeister werden, "Platz drei kann auch ganz gut sein", meint der Minister mit Blick auf den Fußball. Aber in bestimmten Branchen gebe es eben doch nur Platz eins. Im Automobilbau zum Beispiel. Da seien deutsche Autos wieder gefragt wie nie. "Aber die großen, technologisch führenden. Nicht der Smart." Brüderle ist in den Erfolg verliebt, nicht in politische Korrektheiten.

Er selbst geht mit einem Thema besonders unbefangen um. Das Gewicht. 90 Kilo wiegt er derzeit. Eigentlich spricht so ein Bauch doch für Wohlbefinden, aber der Minister hungert. "Ich kämpfe gegen den Mittelstandsbauch schon seit Jahren und werde damit nicht aufhören", flachst er. Um den Mittelstandsbauch geht es auch bei den Steuersenkungen. Den Mann erschüttert im Moment nichts. Nicht mal ein Machtwort der Kanzlerin.

Extra Rainer Brüderle (Foto: dpa): Der in Berlin geborene Brüderle gilt als politisches Schlitzohr. Der Liberale kann auf erhebliche Erfahrungen in der Wirtschaft verweisen. Der Diplom-Volkswirt war von 1987 bis 1998 Wirtschaftsminister in Rheinland-Pfalz, zunächst in einer schwarz-gelben Koalition und dann in einer sozial-liberalen. 1998 wechselte der 65-Jährige als Abgeordneter in den Bundestag.