Bus und Bahn für 365 Euro im Jahr: Hessenticket bald in Rheinland-Pfalz?

Günstigerer Nahverkehr in Rheinland-Pfalz : Der große Traum vom Cheeseburger-Ticket

Kostenloser Nahverkehr scheint vom Land so weit entfernt wie die Erde vom Mond. Opposition und Kammern drängen nun auf eine andere Idee.

Wer gerne mit Bus und Bahn fährt, für den gilt Luxemburg bald als Schlaraffenland, wo Milch und Honig fließen. Ab 2020 will das an die Region Trier angrenzende Großherzogtum den öffentlichen Nahverkehr gratis anbieten. Für Rheinland-Pfalz hält der Trierer Verkehrsforscher Heiner Monheim kostenlose Tickets zwar für eine Illusion, weil dies schlicht zu teuer sei. Doch Monheim lobt ein Modell, das auch regionale Wirtschaftskammern, Opposition im Land und Jugend-Lobby für einen Schritt auf dem Weg zu günstigeren Tickets halten. Statt Milch und Honig geht es dabei um den Wert eines Cheeseburgers.

„Cheeseburger-Ticket“ werde das in Hessen angebotene 365-Euro-Ticket in Fachkreisen spaßeshalber genannt, sagt Carl-Ludwig Centner, Geschäftsführer der Handwerkskammer Trier, weil der Hamburger in manchem Fastfood-Restaurant nur einen Euro koste. Ein Euro pro Tag ist auch die Summe, die Schüler und Azubis in Hessen seit 2017 im Schnitt pro Tag zahlen, um günstig mit Bus und Bahn fahren zu dürfen.

Aus dem hessischen Verkehrsministerium dringt auf TV-Anfrage nur Lob über das eigene Erfolgs­modell. In nackten Zahlen gesprochen: 407 000 Tickets verkauften die Verkehrsverbünde zum Schuljahr 2017/18 im ganzen Land, wo es 2015/16 noch 255 000 waren, heißt es. In manchen ländlichen Kreisen seien Verkaufszahlen um 244 Prozent gestiegen.

Ab 2020 gilt das Ticket auch für Senioren. Langfristiges Ziel sei es, dass jeder Bürger im Land das Hessenticket nutzen könne.

Centner sieht in dem hessischen Modell eine Chance für Rheinland-Pfalz und die Region. Azubis von Trier bis zur Eifel könnten dann günstiger zu ihren Betrieben oder in die berufsbildenden Schulen fahren. Durch teure Ticketpreise verlieren viele Auszubildende einen erheblichen Teil ihres Gehalts, warnt er. Üppig fällt das nicht immer aus. Friseure bekommen rund 500 Euro im ersten Ausbildungsjahr, Tischler 600 Euro, manche Azubis liegen darüber, andere deutlich drunter, schildert Centner. „Wer dann die Fahrten mit Bus und Bahn aus eigener Tasche bezahlen muss, spürt das“, sagt Centner.

In die politische Landschaft von Rheinland-Pfalz hat der neue CDU-Generalsekretär Gerd Schreiner das 365-Euro-Ticket eingebracht. Ein Praktikant aus Hessen führte den Mainzer auf die Fährte. „Unser Ziel ist und bleibt die Stärkung der beruflichen Bildung und zwar in jeder Hinsicht“, sagt Schreiner, der von Verkehrsminister Volker Wissing (FDP) fordert, über Modelle wie in Hessen nachzudenken. Auch Jan Bollinger, parlamentarischer Geschäftsführer der AfD-Fraktion, überdenkt den öffentlichen Nahverkehr. „Insbesondere angesichts der aktuellen Situation, dass nicht alle Ausbildungsplätze besetzt werden können, ist es grundsätzlich ein guter Gedanke, über vergünstigte oder kostenlose Azubi-Tickets im ÖPNV zusätzliche Anreize zu schaffen“, sagt er.

Gespalten ist dagegen die rot-gelb-grüne Ampelkoalition in der Frage, ob ein Hessenticket taugt. Die Grünen sprechen sich offensiv für ein 365-Euro-Ticket für Schüler, Azubis und Menschen im Bundesfreiwilligendienst aus. Laut Benedikt Oster, verkehrspolitischer Sprecher der SPD-Fraktion, denken die Genossen über den Vorschlag nach. „Rheinland-Pfalz ist Pendlerland, das gilt auch für immer mehr junge Menschen, die sich in Ausbildung befinden und für ihren Traumberuf tägliches Pendeln zur Ausbildungsstätte oder zur Berufsschule in Kauf nehmen“, sagt er. Wer sich in Schule, Ausbildung oder Studium befinde, sollte kostengünstig von A nach B kommen können.

Widerstand kommt aus der FDP. Der Schwerpunkt der Liberalen liege im Doppelhaushalt 2019/20 darauf, den öffentlichen Nahverkehr auszubauen, sagt Fraktionschefin Cornelia Willius-Senzer. „Wir wollen, dass alle Ortschaften und Städte einfach und bequem mit Bus und Bahn zu erreichen sind.“ Dabei solle es auch keine Rolle mehr spielen, welchem Verkehrsverbund eine Region angehöre. Das Busangebot in Eifel, Hunsrück und Westerwald sei bereits völlig neu strukturiert, heißt es vom FDP-geführten Verkehrsministerium. Neue Busse rollten.

Ein Ticket nach hessischem Vorbild spiele landesweit „keine Rolle“. Die Mehrbelastungen rechnet das Land auf 60 Millionen Euro hoch. Der Landesjugendring erhöht dagegen den Druck auf die Landesregierung, fordert kostenlosen Nahverkehr für sämtliche Schüler, Azubis, Freiwilligendienstleister und kritisiert einen „Flickenteppich“ der Verbünde.

Während ein Schüler aus einem rheinhessischen Dorf oft 1000 Euro pro Jahr für einen Schulbesuch in Mainz bezahle, gebe es in der Pfalz vergünstigte Tickets für 500 Euro, sagt die Vorsitzende Maria Leurs. „Dies ist ungerecht gegenüber denen, die mehr zahlen müssen.“ Der Landesjugendring drängt auch auf  bessere Anbindungen, da es Azubis im ländlichen Raum oft an der Chance fehle, mit Bus und Bahn zu einer vor sechs Uhr beginnenden Frühschicht zu kommen.

Auch Heiner Monheim sieht viel Luft nach oben. Sein Urteil, das nicht nach einem Luxemburger Schlaraffenland klingt: „Der Busverkehr in Rheinland-Pfalz ist im ländlichen Raum eine Katastrophe.“

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