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Christoph Böhr und die kaputte Schaltzentrale

Christoph Böhr und die kaputte Schaltzentrale

Der ehemalige rheinland-pfälzische CDU-Chef Christoph Böhr gibt im Untreue-Prozess vor dem Landgericht Mainz bereitwillig Auskunft und gewährt dabei spannende Einblicke in den Politbetrieb. Böhr ist sich absolut keiner Schuld bewusst.

Mainz. Verzweiflung - die Bedeutung dieses Wortes hat Christoph Böhr intensiv kennengelernt. Er hat sich jahrelang abgerackert, "jeden Tag 16 Stunden lang", um den übermächtigen SPD-Kontrahenten Kurt Beck zu bezwingen und Ministerpräsident zu werden. Er hat gegen die vielen Widersacher in den eigenen Reihen gekämpft. Erfolglos. Jetzt ringt er darum, das Gericht von seiner Unschuld zu überzeugen.
Am dritten Prozesstag entwickelt sich ein Duell mit Staatsanwalt Andreas Baumann. Der fragt zu Beginn höflich, ob er Fragen stellen dürfe. "Aber ja, dafür bin ich ja hier", bekräftigt Böhr.
Egal, welche E-Mails vergangener Tage ihm dann vorgehalten werden, egal, was aus den mehr als 1000 Seiten umfassenden Akten vorgelesen wird - Böhr erzählt. An einige Details kann er sich nach so langer Zeit nicht erinnern. An die Zusammenhänge schon. Seine Erinnerungen ergänzt Böhr mit dem, was er beim Brüten über dem "Zahlensalat", wie er es nennt, entdeckt hat. Die Geschichte des einstigen Spitzenpolitikers Christoph Böhr ist die eines Menschen, der sich oft einsam gefühlt haben muss. Er wollte die Landtagswahl 2006 unbedingt gewinnen, aber er wusste angesichts der Zerstrittenheit der CDU nicht wie. Deshalb suchte Böhr Hilfe von außen und stieß Ende 2004 auf Carsten Frigge, Ex-Finanzsenator von Hamburg, der ihn fortan beriet.
"Man hätte alles leicht vermeiden können, wenn man über den Auftrag schriftlich einen Vertrag gemacht hätte", wirft der Vorsitzende Richter Hans Lorenz ein. "Ja, das ist so", bestätigt Böhr.
"Blindes Vertrauen"



Genau das tat der Trierer aber nicht, weil er sich nicht zuständig fühlte. Er habe blind seiner "rechten und linken Hand", dem damaligen Fraktionsgeschäftsführer Markus Hebgen, vertraut. Es habe "nie einen Anlass gegeben", an diesem zu zweifeln.
Warum Hebgen ihn heute "in die Pfanne haut", wie es Richter Lorenz formuliert, kann sich Böhr nicht erklären. Hebgen will Böhr auf Rechtswidrigkeiten hingewiesen haben. "Diese Behauptung, Markus, empört mich wirklich", sagt Böhr und blickt den Mitangeklagten an. Die spätere Entwicklung - Hebgen wurde zweimal wegen Betrugs und Untreue verurteilt - "hätte ich mir nie vorstellen können", sagt Böhr.
Der 59-Jährige versteht offenbar gar nicht, warum er überhaupt vor Gericht steht. Laut Staatsanwaltschaft sind Berater Frigge und seine Agentur C4 mit 386 000 Euro Fraktionsgeld, also Steuermitteln, für ihre Wahlkampfarbeit für die Partei entlohnt worden. Was illegal wäre. Ankläger Baumann präsentiert Indizien aus den Akten. Seine Fragen zielen vor allem auf finanzielle Absprachen - die Böhr nie getroffen haben will, weil er sich nie um Zahlen gekümmert habe.
Böhrs Version sieht anders aus: Er will dem Gericht klarmachen, dass die Fraktion die Schaltzentrale des Politbetriebs sei, dass er zu Veranstaltungen als Fraktionschef und nicht als Parteichef eingeladen worden sei, dass hier "alles optimierungsfähig" gewesen sei. "Ich brauchte Frigge für die Fraktion", betont Böhr.
Die zentralen Probleme seien die fehlende Geschlossenheit und die mangelhafte Themensetzung der Fraktion gewesen. "Wenn das nicht funktioniert, ist alles andere Makulatur." Genau das habe Berater Frigge gut analysiert und sei dann mit dem medialen "Transport der Kernaussagen" beauftragt worden.
Bezahlt worden sei Frigge nur für das Jahr 2005. Als er erstmals die Gesamtsumme gehört habe, "hat mich das umgehauen", erzählt Böhr. Frigges Aktivitäten 2006 seien auf dessen Rollenwechsel zurückzuführen - er habe einen Posten nach einem Wahlsieg angestrebt. Laut Böhr war Frigges Arbeit untauglich für den Wahlkampf. Es sei auch viel zu früh gewesen, um konkret über diesen zu reden. Das habe man erst ab Oktober 2005 getan.Extra

Der Antrag eines Verteidigers auf Aussetzung des Verfahrens ist am gestrigen dritten Verhandlungstag von der Kammer abgelehnt worden. Die Befragungen der Angeklagten wurden fortgesetzt. Heute sollen nur Dokumente verlesen werden. Die Zeugenbefragungen starten am 17. September.fcg