Clinton nimmt Zweiflern den Wind aus den Segeln

Las Vegas · Als angeschlagene Favoritin ging sie in die Fernsehdebatte hinein, als gestärkte Kandidatin kam sie wieder heraus: Hillary Clinton scheint auf dem besten Weg, den Vorwahlkampf der US-Demokraten für die Präsidentschaftskandidatur für sich zu entscheiden. Nur Bernie Sanders hält noch mit.

Las Vegas. "Nun", sagt Hillary Clinton, "wie die meisten Menschen, eingeschlossen jene, die sich für ein öffentliches Amt bewerben, nehme ich neue Informationen auf." Die Kandidatin dürfte lange gefeilt haben an diesem Satz. Sie weiß, der "Flip-flop"-Vorwurf ist ihre Achillesferse, der Vorwurf, sich ständig zu drehen und zu wenden, die eigene Meinung alle paar Monate an den neuesten Umfragen neu auszurichten. Als Außenministerin hatte sie das transpazifische Freihandelsabkommen TPP noch in den höchsten Tönen gelobt. Jetzt, da es unterschriftsreif vorliegt, ist sie auf einmal dagegen, der Angst der Parteibasis vor Lohn-Dumping Rechnung tragend. Den Kurs, den Präsident Barack Obama gegenüber illegal Eingewanderten und ihren Familien fährt, eine Mischung aus kleinen Reformen und resolutem Abschieben, fand sie einst gerade richtig, heute kritisiert sie ihn als zu hart. Ob sie alles und jedes sage, nur um gewählt zu werden, rührt Anderson Cooper, der CNN-Moderator, am wunden Punkt. Nun, sie schaue sich eben an, was in der Welt passiere, pariert sie die Frage.
Hillary Clinton, noch immer die Führende im Feld der demokratischen Präsidentschaftsanwärter, flog als angeschlagene Favoritin zum Debattenauftakt nach Las Vegas. Seit sie im April an den Start ging, ist ihre Kampagne einfach nicht in Schwung gekommen. Was sie zu sagen hatte, klang oft so einstudiert und abgezirkelt, als hätten Heerscharen übervorsichtiger Berater jedes Wort auf die Goldwaage gelegt. Als sie in die Kritik geriet, weil sie als Chefdiplomatin auch für dienstliche E-Mails einen privaten Server benutzte, reagierte sie unbeholfener, als man es angesichts ihrer langen Erfahrung erwartet hatte. Kurzum, je angesäuerter sie wirkte, umso heftiger schossen die Spekulationen ins Kraut, nach denen Joe Biden seinen Hut in den Ring werfen würde. Der Vizepräsident, der den Krebstod seines ältesten Sohnes zu verkraften hat - und der 74 Jahre alt wäre, sollte er im Januar 2017 vereidigt werden.
In Las Vegas gelingt es Clinton zumindest, den Zweiflern mit einer souveränen Vorstellung den Wind aus den Segeln zu nehmen. Reaktionsschnell und wortgewandt hat sie gegen vier männliche Kontrahenten, von denen keiner je eine Meisterschaft im Debattieren gewinnen dürfte, das bessere Ende eindeutig für sich.
Da ist Bernie Sanders, der mit feuriger Kapitalismuskritik eine Arena nach der anderen füllt, aber auch wissen lässt, dass er stundenlanges Trainieren für ein Wortgefecht auf der Fernsehbühne eher als lästig empfinde. Nach eigener Definition ein unabhängiger Sozialist, empfiehlt er den USA, sich ein Beispiel an der Sozialpolitik skandinavischer Länder zu nehmen, Dänemarks, Schwedens, Norwegens. Sie möge die Dänen, "aber wir sind nicht Dänemark", kontert Clinton. Gewiss müsse man kapitalistische Exzesse unter Kontrolle bekommen, nur stehe Kapitalismus eben auch für den Erfolg unzähliger Kleinunternehmen, und in Amerika habe er die breiteste Mittelschicht der Geschichte hervorgebracht.
Kritik am Kapitalismus


Ob er das Wirtschaftssystem des Landes unterstütze, wird Sanders gefragt. "Sehe ich mich als Teil jenes Casino-Kapitalismus, bei dem so wenige so viel besitzen und so viele so wenig, bei dem die Gier der Wall Street diese Wirtschaft gegen die Wand fahren ließ? Nein, sicher nicht", antwortet er. "Bernie, ich glaube nicht, dass die Revolution kommt", spöttelt irgendwann Jim Webb, ein Vietnamkriegsveteran, der ansonsten blass bleibt, ebenso blass wie Lincoln Chafee, einst Republikaner und Gouverneur des Zwergstaats Rhode Island. Auch Martin O'Malley, der Ex-Gouverneur Marylands, mit 52 der Jüngste im Reigen, verpasst die Chance, zum ernsthaften Konkurrenten zu werden.
Clinton gesetzt, Sanders der Herausforderer: Die Konstellation dürfte den Wettlauf der Demokraten auf absehbare Zeit prägen. Es ist eine Konstellation mit Kontrasten, auch außenpolitisch. Sie fordert eine Flugverbotszone über Teilen Syriens, während er einen solchen Korridor für zu riskant hält, weil er die Gefahr von Zusammenstößen mit der russischen Luftwaffe verstärke. Dass Edward Snowden im Falle einer Rückkehr vor Gericht gestellt werden soll, in dem Punkt sind sich beide einig, nur eben auch mit Nuancen. Snowden müsse die Suppe schon auslöffeln, sagt Clinton in einem Ton, der keine Nachsicht erkennen lässt. Snowden habe eine wichtige Rolle bei der Aufklärung des amerikanischen Volkes gespielt, das gelte es zu berücksichtigen, sagt Sanders. Als die Rede auf Hillarys Mail-Affäre kommt, nimmt er seine Rivalin demonstrativ in Schutz. Die Wähler hätten andere Sorgen, sie hätten es satt, noch länger über "diese verdammten E-Mails" zu reden.

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