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Corona-Krise: Bildungsministerin Stefanie Hubig in der Kritik

Bildung : Kritik an Umständen in Schulen: „Man muss permanent erklären, was 1,50 Meter sind“

Schüler, Schulleiter und Gewerkschaften kritisieren die Umstände, unter denen Schulen wieder öffnen. Auf allzu große Entlastung sollten Eltern nicht hoffen.

Der Kleine schreit, die Große kommt mit Mathe nicht weiter und in drei Minuten beginnt die Videokonferenz mit dem Chef. Viele Eltern zerreißen sich seit Wochen, um Homeoffice und Homeschooling hinzubekommen. Eine stressige Zeit, in der es doch wie eine Verheißung klingen müsste, dass die Schulen schrittweise wieder öffnen und bis zu den Sommerferien alle Kinder wieder in den Unterricht dürfen. Oder?

Die Kritik: „Was habe ich davon, wenn ich mein Kind an einem Tag in die Schule schicken kann“, fragt Regionalelternsprecher Reiner Schladweiler – denn regulärer Unterricht wird an den meisten Schulen aus Platz- und Personalmangel nicht möglich sein. „Dann mache ich mir doch erst recht Sorgen“: über die Ansteckungsgefahr in der Schule. Und vor allem jene im Schulbus, wo sich die 1,5 Meter Abstand Schladweilers Einschätzung nach nicht einhalten lassen, wenn wieder mehr Schüler zum Unterricht fahren. Susanna Hubo, Sprecherin der Schülervertretung Trier und Trier-Saarburg sieht die Schulöffnung ebenfalls kritisch, „weil Distanz das Mittel der Wahl ist“. Die Lehrergewerkschaft GEW warnt vor einer Überlastung der Schulen. Vorsitzender Klaus-Peter Hammer befürchtet, dass sie die Hygiene-Anforderungen nicht bewältigen können. Das fürchten auch viele Schulen. Und der Verband Bildung und Erziehung (VBE) wirft Ministerin Stefanie Hubig gar vor, die Gesundheit von Schülern und Lehrern zu gefährden.

Die Reaktion: Das Bildungsministerium weist die Kritik zurück. „Unsere Schülerinnen und Schüler haben ein Recht auf Bildung. Und Schule – das wird derzeit vielen bewusst – ist deutlich mehr als Unterricht.“ Gleichzeitig stehe der Gesundheitsschutz des Personals und der Schüler an erster Stelle.

Der rheinland-pfälzische Hygieneplan sei maßgebend. Alle Schüler bekommen Alltagsmasken. Alle Schulen hätten zudem  eine Notreserve an Einweg-Masken sowie Desinfektionsmittel erhalten. Auch Lehrer, die ihre Maske vergessen haben, könnten auf diese Reserve zugreifen. 150 000 Einweg-Masken seien zusätzlich an die Busfahrer ausgeteilt worden für Kinder, die ihre eigene vergessen haben. Weder Lehrer noch Schüler, die einer Risikogruppe angehören, müssten in die Schule kommen, betont das Ministerium.

Die Pläne: Die Landesregierung will, dass alle Kinder vor den Ferien wieder zur Schule gehen. Am 25. Mai sollen die dritten, fünften und sechsten Klassen zurückkehren. Am 8. Juni auch die ersten, zweiten, siebten und achten – und am Gymnasium auch Stufe 9. Die Förderschulen und Berufsschulen sollen bis Juni ebenfalls wieder alle Stufen unterrichten.

Die Begründung: „Familien sind derzeit enorm gefordert damit, Homeoffice, Schulaufgaben und Familie unter einen Hut zu bringen“, sagt Sabine Schmidt, Pressesprecherin des Bildungsministeriums. Die tage- oder wochenweise Rückkehr in die Schule bedeute auf jeden Fall Entlastung. „Wer einmal eine Telefonkonferenz mit zwei kleinen Kindern erlebt hat, weiß, wie viel weniger anstrengend das ist, wenn die Kinder in der Schule oder in der Kita sind“, begründet Schmidt die schrittweise Öffnung. Es sei wichtig, allen Schülern zu ermöglichen, Schule als sozialen Ort zu erleben.

Falsche Hoffnungen: Eine Umfrage unter Schulleitern der Region zeigt allerdings: Allzu große Hoffnungen sollten gestresste Eltern daran nicht knüpfen. „Mir tun die Eltern leid. Ich glaube, den meisten ist gar nicht bewusst, dass ihre Kinder nur tageweise aufgenommen werden können“, sagt die Leitung einer Trierer Grundschule, die anonym bleiben möchte.

Die dritten Klassen ab dem 25. Mai wieder zu unterrichten, das kriege die Schule noch hin. Danach gebe es ein großes Fragezeichen. Denn genau wie an den meisten anderen Schulen gibt es weder genug Platz, noch genug Lehrer, um halbwegs normalen Unterricht anzubieten.

Die Praxis: Manche Schulen organisieren sich so, dass die Hälfte einer Klasse wochenweise vor Ort ist, während die andere Hälfte zu Hause lernt. Andere gehen tageweise vor, so wie das Gymnasium Saarburg.

Wie Schulleiter Andreas Schreiner erläutert, sollen die fünften Klassen montags kommen, die sechsten dienstags und so weiter. Aber immer nur in halber Besetzung, sodass Kinder alle zwei Wochen einen Tag Unterricht haben.

Für manche bedeute das, dass sie Lehrer und Freunde vor den Ferien bloß zwei- bis dreimal sehen werden. Den Aufwand bezeichnen alle befragten Schulleiter als extrem hoch. „Die Organisation ist die Hölle“, sagt Peter Riedel von der IGS Salmtal, der sich genau wie seine Kollegen sorgt, ob es gelingen wird, die Hygieneregeln einzuhalten, wenn noch mehr Schüler kommen.

Das Problem mit den Corona-Regeln: Der Mindestabstand wird laut Riedel schon jetzt oft unterschritten.  Nicht etwa, weil die Schüler provozieren oder cool sein wollten. Sondern einfach, weil sie im Gespräch auf dem Pausenhof aneinanderrückten, ohne es zu merken. „Da sind 1,5 Meter auf einmal nur noch 40 Zentimeter lang“, sagt Riedel.

Jürgen Nisius, Leiter der Schweicher Stefan-Andres-Realschule plus, macht ebenfalls die Erfahrung, „dass man Schülern permanent erklären muss, was 1,50 Meter sind“. Auch zum Tragen der Masken müsse man viele ermahnen.  „Das kriegen wir jetzt mit rund 130 Schülern gut gesteuert“, sagt Nisius. Aktuell sind nur die Stufen 9 bis 12 im Haus. Wenn dann bald alle Jahrgänge zur Hälfte wochenweise zurückkehren, fürchtet er, dass es auf den geklebten Einbahnstraßen durchs Gebäude eng werden könnte. Noch schwieriger sind die Corona-Regeln Grundschülern zu vermitteln. Die seien so froh, sich zu sehen, dass sie im Spiel auf dem Pausenhof alles vergessen, heißt es von der Trierer Grundschule, die daher zwei Lehrer komplett zur Pausenbetreuung abgestellt hat. Trotz aller Kritik steht das Ministerium hinter seinen Plänen.

Der Unterricht: Und wie soll es in der Praxis funktionieren, dass Lehrer (gleichzeitig?) eine Gruppe vor Ort und eine Gruppe digital betreuen?  „Das geht in der Tat nicht“, lautet die Antwort des Ministeriums. Deshalb sei ganz klar, dass die Lehrkräfte während der Präsenzzeit Aufgaben erteilen, vorbesprechen und Inhalte vermitteln an Gruppe 1, die diese dann später zu Hause vertieft, erarbeitet und übt. Wenn Gruppe 2 da sei, könne der Lehrer am Nachmittag noch eine Sprechstunde für Gruppe 1, die gerade zu Hause ist, anbieten. Zum Beispiel per Videokonferenz, für die das Land allen Schulen kürzlich kostenfrei die Infrastruktur zur Verfügung gestellt hat.

Das klappe an vielen Schulen schon sehr gut. GEW-Chef Hammer warnt vor einer Überlastung des Personals. „Man muss dafür sorgen, dass die Lehrer sich nicht verbrennen“, sagt er. Hammer fordert, dass neue Konzepte für „Blended Learning“ oder „integriertes Lernen“ entwickelt und angewandt werden – also ein Lernen, das die Vorteile von digitalem und klassischem Unterricht miteinander kombiniert.

Kein digitaler Fernunterricht mehr: „Ganz klar ist aber, dass es für die Gruppe, die zu Hause ist, keinen digitalen Fernunterricht geben kann, wie in der Zeit der Schulschließungen“, teilt das Ministerium mit. Stattdessen werden zu Hause Aufgaben vor- wie nachbereitet, die in der Schule erteilt wurden.

Lehrer aus der Risikogruppe: 15 bis 20 Prozent der rheinland-pfälzischen Lehrer dürfen laut Ministerium aktuell nicht vor Ort unterrichten, weil sie zur Risikogruppe zählen. Diese bereiten ihren Unterricht zu Hause vor und übermitteln ihn einem Vertreter, der dann die Stunde hält.

Die Zeugnisse: Auch wenn im zweiten Schulhalbjahr weniger Leistungsnachweise erbracht wurden als üblich, reichen diese laut Ministerium aus, um eine aus den Leistungen des ersten und des zweiten Halbjahres gebildete Zeugnisnote für das Jahreszeugnis festzulegen. Ausnahmsweise müssen nicht so viele Klassenarbeiten geschrieben werden wie das sonst Vorschrift ist.

Das Schuljahr 2020/21: Lehrer sollen sich nach Ansicht der Kultusministerkonferenz-Vorsitzenden Stefanie Hubig (SPD) auf Fernunterricht nach den Sommerferien vorbereiten. „Es wäre klug, wenn sich Lehrerinnen und Lehrer während der Ferien auch darüber Gedanken machen“, sagte die rheinland-pfälzische Bildungsministerin am Dienstag in einem Fernsehinterview. Inwiefern ein regulärer Schulbetrieb möglich sein werde, wollte sie nicht einschätzen. Das hänge von den Infektionszahlen ab.

„Derzeit kann noch nicht seriös gesagt werden, ob der Schulstart regulär oder aber unter besonderen Bedingungen verlaufen muss. Klar ist, dass alle Szenarien in Vorbereitung sind“, teilt das Ministerium mit.

Der Verband Bildung und Erziehung fordert, „ein realistisches Schuljahr zu planen,  das die Gesundheit aller im Blick hat“, das Praxiserfahrungen aus dem Homeschooling berücksichtigt und digitales Lernen ermöglicht. Oberste Priorität habe die personelle Aufstockung.

Hubig glaubt nicht, dass die Schüler im nächsten Jahr unverhältnismäßig viel Stoff werden nachholen müssen. „Ich denke, die Lücke wird nicht so groß sein, dass es ein hartes Schuljahr wird“, sagte die Ministerin.