"Da hilft letztlich nur mehr Vorsorge"

"Wenn der demografische Wandel ab 2015 mit Macht kommt, werden wir über grundsätzliche Reformen nachdenken." Das sagt der frühere Universitätsprofessor Eckhard Knappe. Mit dem Experten sprach TV-Redakteur Dieter Lintz.

Herr Knappe, vor zehn Jahren haben Sie anlässlich der Vorlage des Enquete-Berichts gesagt, man brauche grundsätzliche strukturelle Veränderungen, aber die Politik werde "wohl erst handeln, wenn der Problemdruck nichts anderes mehr zulässt". Sind wir nach einem Jahrzehnt substanziell weitergekommen?
Knappe: Teilweise schon. Bei Renten- und Arbeitslosenversicherung ist eine ganze Menge getan worden. Die Rente ist im Grunde zukunftssicher, auch wenn manche noch nicht begriffen haben, mit welchen Einbußen das einhergeht. Und die Hartz-Gesetze haben uns deutliche Verbesserungen bei den Arbeitslosenzahlen beschert …
… Aber Pflege- und Gesundheitswesen haben Sie jetzt nicht genannt. Zufall?
Knappe: Sie müssen sehen, dass die Pflegeversicherung im demografischen Wandel erst ganz zuletzt kommt. Zugespitzt gesagt: In der allgemeinen Wahrnehmung ist das ein Problem von Menschen, die 80 sind und älter. Das kommt auch im Bewusstsein erst spät zum Tragen, nach Themen wie Arbeitsplatz und Rente.
Aber das kann man doch kaum trennen. Prekäre Jobs, niedrige Renten, dann reicht es am Ende auch nicht mehr für die Pflege.
Knappe: Da haben Sie recht, da hilft letztlich nur mehr Vorsorge.
Aber manche wollen das nicht, und andere können es nicht bezahlen. Auf freiwilliger Basis scheint das also nicht zu funktionieren.
Knappe: Die Alternative wäre eine Art Pflichtvorsorge für Alter und Pflege. Das haben wir damals im Zusammenhang mit der Riester-Rente diskutiert und es letztlich bei der Freiwilligkeit belassen. Das war wohl ein Fehler …
… sagt der Mann, der in der Enquete-Kommission den liberalen Marktwirtschaftlern zugerechnet wurde?
Knappe: Da haben wir inzwischen eine Menge gelernt. Ich wäre heute eher für eine verpflichtende Regelung. Ich bleibe aber dabei, dass eine Umlagefinanzierung weniger sinnvoll wäre als eine kapitalgedeckte Versicherung, die bei der Finanzierung auf mehrere Karten setzt.
Sie haben am Ende Ihrer Arbeit in der Enquete-Kommission die Hoffnung geäußert, der Druck der Verhältnisse werde auch manche ideologischen Blockaden schmelzen lassen. Zehn Jahre später hat man das Gefühl, da waren Sie viel zu optimistisch.
Knappe: Es sind halt zwei Denkmodelle, die sich da gegenüberstehen. Vieles wurde damit kompensiert, dass man finanzielle Mittel der öffentlichen Hand in die Systeme gepumpt hat, sonst sähe das viel schlechter aus. Aber wenn der demografische Wandel ab 2015 mit Macht kommt, werden wir über grundsätzliche Reformen noch einmal nachdenken müssen. Eine Politik, die sich nur am Runtersparen bei Kosten und Leistungen orientiert, wird das Problem nicht lösen.
Und was dann? Pflege und Versorgung wieder an die Familie delegieren?
Knappe: Das ist vorbei. Die Frauen, die das im Familienbund in der Regel übernommen haben, holt man gerade auf den Arbeitsmarkt. Es wäre naiv zu glauben, dass sich da Aufgaben rücküberweisen lassen. DiLExtra

Eckhard Knappe, 68, war von 1979 bis 2008 Professor für Volkswirtschaft an der Uni Trier. Er leitete 20 Jahre lang das Zentrum für Gesundheitsökonomie. Von 1992 bis 2002 gehörte er der großen Enquete-Kommission "Demografischer Wandel" des Deutschen Bundestags an, die grundlegende Empfehlungen zu den langfristigen Folgen der Veränderung der Bevölkerungsstruktur erarbeitete. Bis vor vier Monaten leitete Knappe die Verwaltungs- und Wirtschaftsakademie Trier. DiL

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