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"Danke, Kurt!": SPD feiert ihren scheidenden Chef

"Danke, Kurt!": SPD feiert ihren scheidenden Chef

Eine gefühlte Ewigkeit hat Kurt Beck die SPD geführt und das Land regiert. Der Abschied fällt ihm schwer. Der Pfälzer streicht beim Landesparteitag die Erfolge seiner Arbeit heraus, bedankt sich und findet nachdenkliche Worte.

Mainz. 900 Menschen in der Rheingoldhalle stehen und applaudieren, schwenken Plakate mit der Aufschrift "Danke, Kurt!". Einer sitzt und ringt um Beherrschung: Kurt Beck. Immer wieder erhebt er sich, lächelt, winkt, deutet an, man möge sich setzen. Etliche Minuten lang tun die Genossen ihm diesen "Gefallen" nicht. Die SPD will ihren großen Mann gebührend feiern. Und sich selbst.
Kurt Becks Vermächtnis ist dieses: Die Wirtschaft im Land boomt, die Arbeitslosenquoten sind niedrig, insbesondere die der Jugend. Rheinland-Pfalz hat sich vom Land der Reben und Rüben zu einer modernen Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft gewandelt. Aus ehemaligen militärischen Liegenschaften sind mit Milliardenaufwand zivil nutzbare Flächen geworden. Die Dialogkultur mit Akteuren wie den Gewerkschaften, Kammern oder Kommunen ist ausgeprägt. All das erwähnt der Ministerpräsident in seiner fast zweistündigen Abschiedsrede mit Stolz.
Dank an die Bürger


Schwarzer Anzug, weißes Hemd, rote Krawatte: Pflichtbewusst wie immer spult Beck, der als "Arbeitstier" und "Aktenfresser" gilt, sein Programm ab. Manchmal merkt man, wie er mit den Tränen kämpfen muss. Dann hält er inne und gibt sich rasch wieder betont sachlich. Dass er als einfacher Maurersohn den Aufstieg zum ersten Mann im Land geschafft hat, verdankt er den Bürgern, die ihn immer wieder gewählt haben. "Dafür möchte ich Dankeschön sagen." Es sei "ein hervorragendes Zeichen für Rheinland-Pfalz, dass so etwas möglich ist".
Den vermaledeiten Nürburgring, der ihm die letzten Jahre seiner Amtszeit regelrecht versaut hat, vergisst Beck nicht. Er räumt "politische Fehler" ein. "In zwei, drei Punkten hätte man heute andere Entscheidungen getroffen." Er werfe sich vor, "nicht an der ein oder anderen Stelle interveniert zu haben". Den in Koblenz vor Gericht stehenden Ex-Finanzminister Ingolf Deubel nimmt Beck ausdrücklich in Schutz. Er sei sich "so sicher, wie man nur sein kann", dass Deubel nie dem Land habe schaden wollen. Das gelte auch für die (Ex-)Chefs der Landesförderbank ISB, die ebenfalls angeklagt sind.
Zwei Lehren gibt der 63-Jährige seiner Partei mit auf den Weg: Noch kritischer mit sich selber umzugehen, aber sich gleichzeitig nicht lähmen zu lassen. "Wenn wir keine Kraft mehr haben, Entscheidungen zu treffen, dann macht man nichts mehr falsch, ja, dann ist es genauso sicher, dass es abwärts geht", ruft Beck und erntet starken Beifall.
Erleichterung spürbar


Die Erleichterung der Partei über den geordneten Stabwechsel ist allenthalben spürbar. Auch dem grünen Koalitionspartner gefällt das. So sagt der Landesvorstandssprecher Uwe Diederichs-Seidel: "Mit großer Bewunderung sehe ich hier, wie Sie als große Partei den Wandel gestalten."
Kurt Beck hat das "nuancenreiche Abstimmungsthema", wie er es nennt, selbst eingeleitet und auch über seine Nachfolge entschieden. "Liebe Doris, lieber Hendrik, das ist Größe, wie ihr damit umgegangen seid", sagt er zu Bildungsministerin Doris Ahnen und SPD-Fraktionschef Hendrik Hering, die beide lange als Anwärter im Gespräch waren.
Erinnerungen an Berlin


Welcher Maxime der Pfälzer gefolgt ist, verdeutlicht der SPD-Bundesvorsitzende Sigmar Gabriel: "Kurt Beck hat den Satz geprägt: Das Wir muss immer stärker sein als das Ich. Er hat Menschen stark gemacht." Beck habe Rheinland-Pfalz trotz seiner langen Amtszeit nie als Besitz betrachtet. "Man regiert immer nur fünf Jahre, dann muss man sich der Wahrheit stellen", betont Gabriel. Wenn die ganze Partei etwas von Rheinland-Pfalz lernen könne, dann sei es "das Wissen um den Lebensalltag der Menschen".
Gabriel erinnert auch an die "viel zu kurze Amtszeit in Berlin", also an die Jahre 2006 bis 2008, als Kurt Beck SPD-Bundesvorsitzender war. "Es war damals auch für die SPD, nicht für Kurt Beck, eine Schande, wie er gegangen ist", sagt Gabriel unter Anspielung auf die parteiinternen Querelen, die Beck zum Rücktritt veranlassten. Ganz ziehen lassen werde man Beck nicht: "Kurt, wir brauchen deinen Rat."
Als "kleines Geschenk für riesige Arbeit" bekommt Beck von Gabriel ein Porträt des ehemaligen Bundeskanzlers Willi Brandt. Zunächst als Litografie, denn ein Ölgemälde ist noch in Arbeit. Kurt Beck arbeitet allerdings auch noch ein bisschen: Teil zwei seiner Verabschiedung folgt am 16. Januar im Landtag, wenn Malu Dreyer zu seiner Nachfolgerin gewählt wird. Dann tritt Beck endgültig von der politischen Bühne ab. Er verspricht, er werde nicht aus dem Ruhestand "in alles reinquatschen".